Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1882)
- Date
- 1882-03-21
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
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187 nicht auf Seiten des Centrums gestanden, und dann weil die Abwehr noch heftiger sei als der Angriff. Er bemerkte: „Da wurde gesprochen über die Gefahr des Ultramontanis-, mus für „das deutsche Nationalgefühl," über die Gefahr des Ultramontanismus für „die Bildung" der Deutschen, und so fort. Wir waren eben damals für Alles gefährlich. .Und, meine Herren, damals war doch die Sache insofern schlimmer, als der Kampf geführt wurde gegen uns auch mit Waffen des Gesetzes — man hatte leider Gesetze bewilligt als „Waffen" gegen uns — während die heutige „Judenfrage" im ganzen und auch hier im Hause sich doch nur im Rahmen der Diskussion bewegt und von einem „gesetzlichen" Einschreiten bislang keine Rede ist; — auch nach den Erklärungen der Regierung in der That, wie auch nach meiner eigenen Auffassung — gar keine Rede sein kann." — Zum Schluffe spricht noch der Abgeordnete d'Haussonville über den Synagogenbrand in Neustettin, wobei er aber einen Jrrthum begeht,, den er in der folgenden Sitzung widerrufen mußte. Eine lauge Reihe von „persönlichen Bemerkungen" folgte. — Dies war die Debatte, welche eigentlich nur ein Dialog zwischen Stöcker einerseits und Birchow und Richter andrerseits war. Bon einem Resultat kann man. deshalb nicht sprechen, da die Regierung doch nur die Erklärung ihres Festhaltens an Gesetz, Ordnung und Sicherheit und die Mittelparteien ihr Stillschweigen wieder? holten. Wenn allerdings die Conservativen ihre Stellung durch ihre wiederholten Zustimmungsbezeugungen zu Stöcker's Tiraden.klar stellten, so hat sich doch diesmal kein einziger Redner des Centrums auf Seiten der Antisemiten Hören lassen, wie dies bei der früheren Debatte, geschah. Das wissen wir nun auch, daß der ganze antisemitische Lärm vor den bevorstehenden Wahlen sich wiederholen wird, wenigstens von Stöcker, Henrici, Cremer und Consorten — wahrscheinlich jedoch mit noch geringerem Erfolge als früher. Die Hetzredner werden es nicht fehlen lassen, aber man wird sie noch weniger ernst nehmen. Protestmeeting in Deutschland. Frankfurt am Main, 9. März. Gestern Abend (Mittwoch) fand die angekündigte Versammlung zu Gunsten der russischen Juden statt. Der Saal der Loge Karl war von Angehörigen aller Konfessionen gefüllt. Sowohl von hier, als aus den Nachbarstädten waren Herren und Damen erschienen: unter letzteren bemerkten wir auch die beiden Baronessen von Rothschild. Herr Justizrath Dr. Fuld begrüßte die Versammlung im Namen des Comites, welches sich'hier ähnlich wie in den meisten anderen Städten Deutschlands, Frankreichs und Englands gebildet hat, um den so grausam verfolgten Juden Rußlands in ihrem namenlosen Elend Beistand zu leisten, Gaben in Empfang zu nehmen und für die richtige Verwendung derselben zu Gunsten der Unglücklichen zu sorgen. Er wolle heute nicht über die unerhörten Unthaten sprechen, welchen die Unschuldigen blos um ihres Glaubens willen erdulden mußten, so schwer es auch falle, den Schrei der Entrüstung zu unterdrücken. An die ganze civilisirte Menschheit sei eine Aufgabe herangetreten, so groß und so schwer, daß es der äußersten Anstrengung aller Kräfte und Mittel bedürfe, um einigermaßen gut zu machen, was in tollem Wahnsinn, in dämonischer Verblendung verbrochen werde. Von den Gaben, die dasComitö bereits bekommen, sei ein Theil zum Besten der Bedrängten schon verwendet worden; noch unendlich viel mehr sei zu thun, um nur der äußersten Noth der in Rußland Zurückgebliebenen abzuhelfen. Dies sei aber nur eine momentane Abhilfe, unser Blick müsse weiter gerichtet sein, wir müßten die Mittel suchen und müßten sie finden, denn Gott werde der guten Sache beistehen, um dauernd Rettung zu bringen, und dies sei nur möglich durch Schaffung einer Stätte, wo diese Männer, denen es an geistigen Kräften, an Arbeitsamkeit und allen Eigenschaften nicht fehle, die zu einer ehrenwerthen Stellung erforderlich seien, sich eine neue Heimath gründen und ein gutes Beispiel den Zurückgebliebenen geben könnten. Mehreren tausend kräftigen Männern, nicht blos Handelsleuten, wie man den Juden vorzuwerfen pflege, sondern Handwerkern, Landbauern, Taglöhnern, Straßenarbeitern, sei es gelungen, sich über die Grenze zu retten. Aber was mit ihnen anfangen? Da habe sich ein Ausweg in Amerika gefunden, das schon so oft der Hort und die Zufluchtsstätte der Verfolgten und Vertriebenen gewesen, dem ein reicher Boden und eine Bevölkerung gegeben sei, welche mit größter Intelligenz und Energie ctudf die Gefühle der Menschlichkeit verbinde. Von dort sei die helfende Hand geboten worden zur Erlösung für die Unglücklichen, wie für uns selbst: denn es sei nicht die Sache der Bedrängten allein, es sei die Sache aller Israeliten, die Sache der ganzen Menschheit/ zu helfen, das gutzumachen, was von Unmenschen verbrochen werde. In Amerika habe sich eine Gesellschaft gebildet, die Hebron Emigrant .Aid Society; dieselbe habe einen Delegirten nach Europa gesendet in der Person des Herrn Moritz. Ellinger, der mit einer Opferwilligkeit, einer Energie und Thätigkeit sonder Gleichen sich dem Zweck widme, über das,, was in Amerika zur Unterbringung der Auswanderer geschehen sei und noch geschehen solle, Aufschluß zu ertheilen. Er gab demselben das Wort. Herr Ellinger dankte zuvörderst für das zahlreiche Erscheinen; er wundere sich nicht darüber, denn eine der edelsten Perlen im Ruhmeskrayze Frankfurts sei ja die Hilfebereitschast seiner Bewohner, ohne Un-