Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1882)
- Date
- 1882-03-21
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
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186 ' ' ■ ■ ' einen Standpunkt, den noch bis zum Jahre 1867 alle Konservativen bis auf einige Mecklenburgische Junker vertreten haben. Alle preußischen Konservativen sind damals im. Reichstage ebenso wie auch Herr Abgeordneter Windhorst eingetreten für jenes Reichsgesetz, welches die Gleichberechtigung der Juden schuf und die letzten Unterschiede in der Emanzipation, die noch im Gesetzbuche standen, beseitigte." Er geht dann auf einzelne, uns hier weniger berührende Behauptungen und Citate Stöcker's über, die er als „unwahr" resp.' verstümmelt nachweist. Er verspottet diesen, weil er so oft habe reden wollen, aber durch die Conservativen selbst ausgeschlossen worden, indem sie den Schluß der Debatte unterstützten. Er weist darauf hin, daß Stöcker „es liebt, die christliche Kirche, sich selbst — das ist ihm ein' fast identischer Begriff — als angegriffen, herausgefordert hinzustellen, sie hätten die Judenhetze zu ihrer Bertheidigung begonnen," und zeigt dies an der bekannten Rede Straßmanns. Dann sagt er: „Meine Herren, was ist es dennwas uns scheidet? Wir sagen: wir wollen gegen keine Klasse der Bevölkerung, gegen keine Religionspartei als solche Anklage erheben, wir wollen die schlechten Menschen angreifen, wo wir sie finden, die schlechten Juden und die schlechten Christen. Was aber ist die Folge einer derartigen Taktik? Daß man von vornherein die einen als schlecht präsumirt und die andern als gut. Das hat praktisch die Folge, daß der schlechte Jude um so weniger verfolgt werden kann, weil er im Stande ist, die Ausrede vorzubringen: man verfolgt mich ja nur, weil ich Jude bin, und das hat die Folge, daß der schlechte Christ sich um so mehr zu decken im Stande ist, indem er sagt: ich bin ja ein Christ, das sind ja Vorwürfe, die nur die Juden treffen, und daß er hinter seinem Christenthum Schutz sucht, mehr als er verdient. Das ist gerade der Vorwurf, den^vir den Sozialisten gemacht haben, daß sie aus einzelnen Bedrückungen der Arbeitgeber, der Großindustriellen, die Berechtigung herzunehmen versuchten, nun Haß und Verachtung zu predigen gegen alle Arbeitgeber, gegen die ganze Klasse der Großindustriellen. Das werfen wir auch Ihnen vor, wenn Sie einzelne Fälle des Wuchers von Juden benutzen, um die Anklage gegen die Juden überhaupt als Wucherer zu erheben. Mas würde man sagen, sage ich im Anschluß an das vom Kollegen Virchow Verlesene, wenn man aus einem solchen Fall Borwürfe gegen den Adel erhebt, weil Personen mit adeligen Namen in Berlin als Wucherer bestraft werden." Dem Herrn.Minister wirft er vor, daß er das Rescript aber erst im August erlassen hat, was viel früher hätte geschehen müssen. Die Provinzialbehörden erwarteten, wenn irgend eine bedeutende Frage angeregt worden, eine Unter- Weisung von der Staatsregierung über das zu beobachtende Verhalten. Er sagt: „Wie nun, wenn, die Behörden irre werden, wenn sie glauben, daß diese Bewegung in einem gewissen Einverständniß mit der Regierung geschehe, daß. sie eine gewisse Neutralität wolle? Müssen sie dann nicht unschlüssig werden? Und den Eindruck haben allerdings bis. zu jenem Reskripte viele Behörden gehabt, daß sie nicht wußten, ob sie kräftig zugreifen sollten oder ob sie sich nicht still zu verhalten hätten. Und, meine Herren, in der That liegt hier nichteine Schuld vor? In jenem Reskripte hat der Herr Minister vor den Brandrednern gewarnt, er hat damit also insbesondere auch Herrn Henrici gemeint. Er hat angedeutet, daß das Erscheinen eines solchen Brandredners schon nach unserer Gesetzgebung ausreichen würde, Versammlungen, in welchen solche Aufreizungen zu erwarten seien, zu verbieten. Wie aber hat sich die Behörde in Berlin verhalten, als dieser selbe Henrici die erste Brandrede hielt, diejenige, die überhaupt hier diese antisemitische Bewegung in weitere Kreise getragen hat? Das war- .in den Reichshallen, hier nebenan. Der Redner exemplificirt dies'weiter, und charaktrisirt ausführlich das ganze antisemitische Treiben in Berlin, das volle Jndulgenz.erfährt, dem aber der Kern der Berliner Bevölkerung mit voller Verurtheilung dieses Treibens gegenüber steht. Deshalb schließt er mit der bekannten Erklärung der Berliner Wahlmänner: „Die heutige allgemeine Versammlung der Wahlmänner des vierten Berliner Wahlkreises giebt dem Bedauern und der Entrüstung darüber Ausdruck, daß unsere Stadt einige Zeit zum Schauplatz von Versammlungen, Kundgebungen und selbst gewaltthätigen Ausschreitungen gemacht wird, welche darauf ausgehen, durch Aufstachelungen der verderblichsten Regungen und Leidenschaften die Mitglieder der verschiedensten Bekenntnisse mit Haß und Verachtung gegeneinander zu erfüllen und geeignet sind, den Ruf der Reichshauptstadt und die Ehre des deutschen Namens zu beflecken. Die Wahlmänner der Stadt Berlin verwahren sich und die Bürgerschaft gegen jede Antastung der Rechtsgleichheit und des religiösen Bekenntnisses und sind einig in der Ueberzeugung, daß nur in dem friedlichen Zusammenwirken aller Kräfte des nationalen Lebens die Wohlfahrt des deutschen Reiches und seiner einzelnen Bürger gedeiht." - Nach einer kurzen Bemerkung des Ministers des Innern über den Synagogenbrand in Neustettin, spricht der Abgeordnete Cremer, dessen Rede sich jedoch zumeist Um seine eigne Person, um feine Stellung dreht, nachdem ihn seine Wähler zur Niederlegung seines Mandates aufgefordert und das Centrum aus seiner Fraktion ausgeschlossen hat. Er versichert nachdrücklich, daß „die Bewegung, die begonnen hat, ganz genau in derselben Weise wie bisher fortgesetzt werden wird." — Der Abgeordnete Schröder (Lippstadt) erklärt, warum das Centrum sich stillschweigend verhalte, und zwar zuerst weil die Fortschrittspartei im Kulturkämpfe