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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-21 · Heft 12 (21.3.1882) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 12 (21.3.1882)
Date
1882-03-21
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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Vorsitze ihres Mayors (Bürgermeisters) ein Protest-Meeting abgehalten. In demselben erschienen einerseits zahlreiche Bürger aller Classen, andererseits der Senat und das Professoren-Collegium und wurden Resolutionen,, wie in London und an vielen anderen Orten einstimmig angenommen. Das Meeting fand in der Guildhall am 15. Februar statt. Uns liegt ein auf Verlangen erschienener Abdruck einer höchst in* teressanten Rede vor, welche Rev. Dr. S. M. Schiller- Szinescy am Schluß der Versammlung gehalten, indem ihm übertragen worden, nach englischer Sitte, dem, Vorsitzenden den Dank der Versammlung auszusprechen. Die Rede ist für den Redner wie für die Versammlung höchst charakteristisch. Prof. Schiller-Szinescy beginnt mit dem Hinweis, daß er ganz besonders geeignet sei, diesen Dank auszusprechen, da er auf seinem Lebensgange die russischen, d. h, die polnischen Juden, da die Juden in , Rußland in Wirklichkeit ein Theil der Juden des früheren Königsreichs Polen und der mit diesem verbundenen Länder seien, genau bekannt geworden. Er führt dabei an, daß ihm der General Graf Schlick bemerkt habe, daß unter den zahlreichen russischen Gefangenen zwar viele Juden gewesen, aber unter den vielen russischen Deserteurs nicht ein einziger Jude gefunden worden, ein Ergebniß, das für die russisch-jüdischen Soldaten um so mehr spräche, wenn man an den 25jährigen Dienst unter dem Kaiser.Nikolaus denke, der den jüdischen Soldaten jedes Avancement vorenthalten hat. Diese Kenntniß, die der Redner in Galizien und Polen erlangt, sei, nachdem er 1850 nach England gekommen, durch mannigfachen Verkehr mit russischen Juden in Dublin, Liverpool,. London und Birmingham und zuletzt als er Rabbiner in Manchester gewesen, ergänzt worden. In dieser langen Erfahrung habe er die Ueberzeugung gewonnen, daß diese Juden mäßig, industriös, moralisch, religiös, wohlthätig, gemüthvoll, treu - ihrem Herrscher und sehr anhänglich ihrem Baterlande sind; mit einem Worte, daß sie alle die Tugenden üben, welche man dem höher gebildeten Theile der Gesellschaft zuschreibt. Es wird deshalb dem Herrn v. Giers nicht gelingen, zu beweisen, daß diese Juden Nihilisten seien. Der Redner hat. das größte Vertrauen auf den Einfluß, den die öffentliche Meinung Europas auf Rußland und dessen Regierung üben werde. Von einer wirklichen Intervention könne die Rede nicht sein. Zum Schluffe redet er die Versammlung an: „Ladies und Geutlemen, Sie sind Kinder des Landes der Bibel wie England genannt wird, weil nirgendswo die Bibel mehr verehrt, mehr gelesen, mehr studirt wird, als in diesem glücklichen Lande. Als Kinder des Landes der Bibel, wissen Sie, daß der Herr Israel liebt" (Sech. 4, 6. 5 Mos. 4, 37). Mögen die Machthaber in Rußland sich des Wortes des Propheten erinnern, daß wer die Juden anrührt, den Augapfel Gottes antastet (Sech. 2, 12)." Hieran' schließt der, Redner noch andere Stellen aus den Psalmen und dem Mid< rasch, erinnert an die Thatsachen der Geschichte bis auf Spanien und dankt dann dem Mayor im Namen der russischen Juden, im Namen aller Israeliten, im Namen der Humanität. Mit. ergreifenden Worten hebt er hervor, wie Alles, was in dieser Versammlung gesprochen worden, aus der Tiefe der Herzen und aus fester Ueberzeugung geflossen sei, und sprach ein Gebet um den Segen Gottes für die Stadt und den Sitz der Wissenschaft und für das ganze „freie^ und glückliche, hochherzige und edle England, die Zufluchtsstätte aller Unterdrückten." Die Debatte im preußischen Mgeordnetenhause vom 25. Februar. - (Schluß.) Wir haben vorausgesetzt, daß die Antworten auf Stöcker's Rede sich am direktesten gegen die vom letzteren an die Staatsregierung gerichtete Aufforderung, die Verfassung und das Bundesgesetz zwar bestehen zu lassen, aber auf dem Wege der Verwaltung gegen diese zu handeln, erheben und als widergesetzlich, unmoralisch und unpolitisch brandmarken würden. Dies ist indeß nicht geschehen; der Abgeordnete Virchow plaidirte vielmehr nachdrücklich nur für die Erhaltung der Berfaffungsbesümmungen, für die Unverletzbarkeit des Prinzips der Gleichberechtigung. So anerkennenswerth dies ist, so blieb er doch hiermit einen Schritt hinter dem eigentlichen Kernpunkt der Stöcker'schen Forderungen zurück, der dreimal in einer Rede verlangte, die Gesetze sollen stehen bleiben, aber die Regierung sollte die Juden vom Lehramt und von der Justtz fernhalten, also die Bestimmung der preußischen Verfassung vom 31. Januar 1850 und des Bundesgesetzes vom 3. Juli 1869 verletzen. Deshalb forderte Virchow den anwesenden Minister des Inneren wilderholt auf, sich über die Stellung der Regierung zu diesen Gesetzen zu erklären. Denn, meinte er, der durch die „Funken" Stöcker's. entzündete „Brand" sei „zu einem nicht ganz geringen Theile davon hergekommen, daß die königliche Staatsregierung verhältnißmäßig sehr lange Zeit mit einer Kaltblütigkeit der Sache zugesehen habe, als ob es sie in der That gar nichts anginge. Er erinnert an die Beschwerde des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde, die unbeantwortet blieb, an das lange Stillschweigen des Reichskanzlers; er weist nach, daß allerdings die russischen Judenverfolgungen sich an den deutschen Antisemitismus angeschlossen Habe.^ Hinsichtlich des Wuchers erinnert er an den Wucherer Christian Erasto von Nußbaum. „Ja meine Herren, solche Beispiele könnte man leicht mehrere Verbringen. Es haben allerlei verlumpte Aristokraten in den letzten Jahren hier in

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