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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-21 · Heft 12 (21.3.1882) · p. Seite 182

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 12 (21.3.1882)
Date
1882-03-21
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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182 sittlichen Geiste zu thun hat, wie er sich in der Breite und' Tiefe energischer wohl niemals kundgethan hat. Das ganze menschliche Dasein, das geistige wie das leibliche, das Wissen und das Können, alle Lebensverhältnisse, alle Erscheinungen und Ereignisse, Natur und Geschichte, der Palast des Königs, wie die Hütte des Bettlers, Alles wird hier religiös und sittlich, d. h. auf Gott bezogen und aus Gott gedeutet und daraus wieder ein sittlicher Gedanke gefolgert. Und doch haben wir es hier nicht mit dem Erzeugniß eines Einzelnen, fondern ungezählter Gelehrten und Lehrer, nicht mit den Produktender Studirstube, ja nicht einmal des Lehrhauses zu thun, sondern mit Reden und Auslegungen für das Volk, das sich daran viele Jahrhunderte hindurch ergötzte, erbaute, belehrte, und Trost, Aufrichtung und Anstoß zu religiösem und sittlichem Leben schöpfte. Das war die geistige Atmosphäre, in welcher das jüdische Volk lebte, nachdem es seinen Tempel zerstören, seine Städte in Feuer aufgehen, seine Felder und Weinberge veröden gesehen, sein Land verlassen und über die Erde sich zerstreuen mußte. Hieraus nun eine allgemeine Folgerung. Man hat die Israeliten; und dann die Juden als das „Religionsvolk" bezeichnet. Man verstand hierunter, daß die Religion, d. h. der Monotheismus mit allen seinen sittlichen Consequenzen, in diesem Volke entstanden sei und das alleinige Element, der ganze Inhalt seines Lebens gewesen, wie andere Völker des Alterthums andere Aufgaben hatten und lösten. Aber durchaus falsch wäre es, wenn man dies nur auf das alte Israel bis zu seiner Verbannung aus dem heil. Lande und bis zum Entstehen der beiden großen Töchterreligionen beschränken wollte. Nicht allein, daß das Geschlecht der Juden auch weiterhin bis zum heutigen Tage die Mission gehabt, den reinen und unverfälschten Monotheismus zu erhalten, durch die Völkerwanderung, den Sturz der alten Reiche, das Mittelalter und die Neuzeit zu tragen, zu bezeugen, und durch sein Dasein zu lehren: sondern auch in allen diesen Zeitaltern machte diese Religion das ganze Leben dieses Volksstammes aus, dachte, fühlte, produzirte und reproduzirte es nichts anderes als diese Religion. Hierfür giebt Alles Zeugniß, was wir auch während der christlichen und mohamedanischen Aera von ihm besitzen. Mag er nach den ihm aufgezwungenen Verhältnissen in dieser Zeit vorzugsweise dem Handel und Gewerbe obgelegen haben,' wie er in Palästina mit großem Fleiße, mit unermüdlicher Arbeitsamkeit Landbau betrieben hatte. Weit mehr noch als das alte Israel, war das verbannte und zerstreute Juda seinem ganzen Lebensinhalte nach das „Religionsvolk". Denn viel strenger als jenes die mosaischen Institutionen, hielt dieses das talmudische Gesetz, das zugleich ein um Vieles mannigfaltigeres, bindenderes, alles Thun und Schaffen regelndes war. Und was nun dieser Stamm an Geist besaß, soweit er sich im Reiche der Gedanken erging, sicb fortbildete und Neues schuf, immer befand er sich dabei auf dem religiösen Boden, den er keinen Schritt weit verstieß, und zu welchem er Alles heimbrachte, was er Außen gefunden. Das beredteste Zeugniß hierfür geben die Midraschim ab, welche das eigentliche Volksbuch dieses Religionsvolkes waren, von ihm selbst geschaffen, und bis heute immer wieder umgearbeitet und genossen. Londoner fitttft. IX. London, 5. März 1882. Ein Schritt, der für die innere Entwicklung unserer Gemeinde von besonderer, Tragweite seinwird, ist Ende letzten Monates gethan worden, der daher eine besondere Würdigung an dieser Stelle verdient. Es ist Ihren Lesern nicht unbekannt, daß die Trennung der hiesigen Reformgemeinde von der „United Synagogue" viel prägnanter ist als sie etwa in Deutschland oder Frankreich ist, weil das Gros unserer Gemeinden einerseits, durch den immensen Zuwachs conservativer Elemente vom Osten, wie durch conservativen Einfluß der äußeren nichtjüdischen Umgebung, den gottesdienstlichen Reformen nicht besonders zugethan ist, und andererseits, weil die Gründer der Reformgemeinde sich mit einem Schlage über die Tradition des Judenthums weggesetzt haben, ohne-zu berücksichtigen, daß selbst diese Tradition seiner Zeit ein Reformact war. Den früheren Lesern Ihrer Zeitung werden die Reibungen, die in Folge der Trennung entstanden sind, wohl noch gegenwärtig sein. Daß derartige innere Reibungen die" Gesammtentwicklung nicht fördern, braucht nicht erwiesen zu werden. Man hat längere Zeit sich, nachdem die gegenseitige Verstimmung aufgehört hat, geduldet, und jetzt fängt man an, sich zu nähern. Ihre Leser sind vielleicht schon durch die letzte Nummer Ihrer Zeitung unterrichtet, daß unser Chief Rabbi ein besonderes Gebet, gelegentlich der Judenverfolgung für den 'q nzw verfaßt und an alle Synagogen der Hauptstadt, der Provinzen und Colonien versandt hatte. Dieses Gebet ist auch an die hiesige Reformgemeinde geschickt und vom Professor Marx verlesen worden. Dieser Schritt ist eine indirekte Anerkennung der Reformgemeinde, und wie ich aus bester Quelle vernahm (Dr. H. Adler), steht er ohne Präcedenz da. Berücksichtigt man den Umstand, daß das unlängst gefeierte Jubiläum des Prof. Marx sich nicht allein auf die Mitglieder der Reformgemeinde beschränkt hat, so zeigen alle Umstände darauf hin, daß eine noch weitere Annäherung bevorsteht, was jeder Freund der Entwicklung des Judenthums nur mit Freuden begrüßen kann. Die in meiner letzten Correspondenz erwähnte Interpellation wurde am 3. d. M. vom Baron H. de Worms

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