Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1882)
- Date
- 1882-03-14
- Page
- Seite 175 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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faßt habe, erklärte' Herr jRosenfeld, der deutschen Sprache besser mächtig zu sein, als der polnischen. Wie würde da erst das Polnisch des Herrn Rosenfeld aussehen? Rußland. Petersburg, 27. Februar. Ein Petersburger Correspondent der „Daily News" berichtet seinem Blatt über eine Unterredung mit dem Grafen Jgnatiew über dieJudenfrage. „Der erste Punkt, der berührt wurde, betraf die Mangelhaftigkeit der in dem „Regierungsboten" veröffentlichten Mittheilung, welche nur zwei Seiten der Frage her. vorhob — den Protest gegen auswärtige Intervention und die Beweise, daß die Regierung energisch gegen die Aufrührer gehandelt resp. handle — dagegen über den Punkt der Beseitigung der Ursachen der Ruhestörungen mit Stillschweigen chinwegging. Der Graf erwiderte, daß die Frage bezüglich auswärtiger Intervention durch Mr. Gladstone's vortreffliche und categorische Rede vollständig beseitigt ist. Was die Unterdrückung der Unruhe anbetreffe, so hätten die Zeitungen seine Unterhaltung mit dem jüdischen Rabbiner Drabkin unrichtig wiedergegeben und ausgelegt. Er könne die Thätigkeit der Administration nicht tadeln, denn die ungeheure Anzahl von verhafteten und bestraften Personen beweise die Energie, welche die Behörden entwickelt. (Der offizielle Bericht über die Art der Bestrafung in Warschau, den wir in vor. Nr. mitgetheilt, liefert den deutlichsten Commentar! Red. d. A. Z. d. I.) Was aber die Beseitigung der Ursachen für weitere Ausbrüche der Rohheit und von Unruhen in Zukunft betreffe, so sei der Central-Ansschuß, welcher unter dem Vorsitz des Hülfsministers des Innern seine Functionen äusübt, mit dieser Frage beschäftigt. Die Arbeiten desselben seien indeß noch nicht genügend vorgeschritten, um ihm vorgelegt zu werden, namentlich was die Einzelheiten der Vorschläge desselben betrifft. Es würden administrative und legislative Maßregeln von temporärem Charakter getroffen werden, um die abnormalen Beziehungen zwischen den Juden und dem Reste der Bevölkerung abzuändern. Zu der von den Juden so ernstlich gewünschten Auswanderung nach Provinzen im Innern von Rußland könne die Regierung nur vorbehaltlich der Zustimmung der Lokalversammlungen, der Cemstvoes, die Erlaubniß ertheilen, und auch dann nur nach solchen Orten, in denen der Charakter der Bevölkerung, wo die jüdischen Genossenschaften sich niederzulassen wünschten, eine Garantie dafür biete, daß keine Ruhestörungen stattfinden werden. (Unter diesen Cautelen ist das Ganze illusorisch! Red. d. A. Z. d. I.) So lange die Juden exclusiven Tendenzen durch ihre eigentümlichen Gewohnheiten, ihre besondere Sprache, ihre sociale Organisation und dergleichen anhängen und eine abgeschlossene Gemeinschaft bilden, könnten dieselben keine vollständige bürgerliche Gleichstellung verlangen. (Dies ist geradeso wie wenn man Jemanden mit Gewalt in die Ecke drückt, und dann sagt: man könne ihn nicht eher aus der Ecke lassen, als bis er aus ihr herausgegangen! Red. d. A. Z. d. I.) Die Auswanderung nach auswärtigen Ländern werde die Regierung nicht hindern, nämlich die ganzer Familien, denn es würde doch hart für. das Reich sein, der Kräfte der der Militärpflicht unterworfenen jungen Leute beraubt zu werden und die für productive Arbeiten untauglichen anderen Familienglied.er auf dem Halse zu behalten. Graf Jgnatjew fügte hinzu, daß die Regierung die nöthigen Vorkehrungen zur Verhinderung irgend welcher Ausschreitungen und Bewegungen gegen die Juden in Zukunft getroffen habe. Dieselben seien zuerst wie eine Ueberraschung eingetreten, würden.sich aber, dessen sei er sicher, nicht wiederholen." (Gott gebe, daß dies sich verwirkliche! Red. d. A. Z. d. I.) Riga, 22. Februar. (Privatmitth.) Diejenigen Leser, welche sich der in d. Zeit, gegebenen biographischen Skizze des sel. Rabb. Dr. A. Neumann in Petersburg erinnern, werden wissen, welchen wahrhaften Freund die Juden in dem Fürsten Suworow besaßen, der lange Zeit als Gouverneur der baltischen Provinzen fungirte. Ihre Trauer um denselben bei seinem Ableben sprach sich deshalb recht vernehmbar aus, um so mehr als sie in dem gegenwärtigen Zustande Rußlands der Stützen bedürfen. Wir entnehmen daher aus einem in der „Rig. Z." enthaltenen Nachrufe aus der Feder unseres Correspondenten, des Schulvorstehers Herrn I. Lewinsohn zu Tuckum, Folgendes: Was Fürst Suworow für uns war, weiß jeder baltische Jude. Ja, sogar nach seinem Scheiden aus der alten Dünastadt behielt er seine uns freundlichen Gesinnungen, und bei allen Wandlungen des Zeitgeistes während der letzten Decennien — blieb er derselbe liebevolle, humane „Vater Suworow"! Von seinem gekrönten Freunde, dem hochseligen Monarchen Alexander II. nach der Residenz berufen, nahm er auch gleich die Interessen der sporadisch ohne Kitt und Halt, ohne Gemeindeverband, ohne Seelsorger und ohne Bildungsstätte dort lebenden Juden'wahr. Nur Dank seiner einflußreichen Verwendung ist es, wie der „R. I." zu erzählen weiß, gelungenem Petersburg eine Ebräergemeinde mit einer regelrechten Verwaltung zu constituiren; nur dem warmen, aufrichtigen Antheil, den der Verewigte an den jüdischen Interessen nahm," ist es zu danken, daß die dortige Ebräergemeinde einen akademisch gebildeten Rabbiner erhalten hat.!) Als die jüdische Gemeinde in der Residenz vor etwa- 16 Jahren *) Wie bekannt, hat Fürst Suworow es erwirkt, daß sein vieljähriger Freund, dev damalige Rigasche Rabbiner, Dr. A. Reumann, die ihm durch langjährige ersprießliche Thätigkeit so lieb gewesene Dünastadt verließ und dem Rufe nach der Residenz Folge leistete, um, wie er sagte, in der Nähe seines hochverehrten Freundes zu leben.