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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-14 · Heft 11 (14.3.1882) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 11 (14.3.1882)
Date
1882-03-14
Page
Seite 171 (sequence 7)
Language
German
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171 als illusorisch erwiesen, und wir erleben es täglich, daß sich auch auf dieser Tribüne einerseits Oberflächlichkeit und Fadheit, andererseits Leidenschaftlichkeit und Haß breitmachen, während die Privilegien der Abgeordneten sie vor jeder strafrechtlichen Verfolgung schützen. Die Tribüne des Hauses giebt also einem Manne wie Stöcker die Gelegenheit, seine Tiraden vor dem gesammten Volke, ja vor der ganzen Welt loszulassen, und man weiß ja zur Genüge, daß dieser Umstand zu einer wirklichen Kritik des Redners wenig beiträgt. Partei steht der Partei gegenüber, und wenn noch dazu die mittleren Parteien schweigen, so kann man das Resultat weder als einen Sieg noch als eine Niederlage bezeichnen, sondern nur als eine Aussprache der Gegensätze. Was nun die Rede Stöcker's betrifft, so kommt er zuerst abermals auf das „Berliner Tagblatt" von 1876, auf die Rede Straßmann's, auf den „Börsen-Courier", auf seinen Freund Dietze u. dgl. abgenutzte Dinge zurück, und liefert dem Unbefangenen den Beweis, daß er nichts Neueres vorzubringen hat. Was Stöcker vor Allem ärgert, das ist die hohe Zahl in der Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend. Er wählt sich dazu Berlin, um die Zahlen recht in die Höhe zu treiben. Blicken wir dagegen auf die Gesammtfrequenz im Wintersemester 1880/81, wie dar Ministerialblatt angiebt, so haben wir in den Gymnasien 73,922 Schüler, und hierunter 7995 Juden also ungefähr den 10. Theil. Wenn nun Stöcker hierin die Gefahr erblickt, daß das Judenthum zur Herrschaft gelange „den christlichen Geist verdränge, seine widerchristliche Anschauung an die Stelle des christlich-deutschen Lebens setze", so beschuldigt er immer noch neun wissenschaftlich erzogene und gebildete Christen, von einem Juden überwunden zu werden, und verleugnet die Einwirkung, die das auf dem deutschen Leben sich aufbauende Gymnasium mit feinem ganzen Unterrichts- und Erziehungsapparat auf den einen Juden haben muß. Jndeß kann man einem solchen Fanatiker und Stockorthodoxen, wie Stöcker sich aufspielt, nicht verdenken, wenn er, der nur im äußersten Gegensatz existirt, überall nichts als diesen äußersten Gegensatz aufstellt und predigt und in Allem was nicht strengorthodox-christlich ist, einen Feind, eine Gefahr, einen Kampfpreis erblickt oder es doch dafür ausgiebt. Aus diesem Sehwinkel sieht er alles Jüdische als gefährlich, und Alles, was nicht zu seiner Fahne schwört als jüdisch, als „verjudet" an oder stellt es doch so seinen Anhängern dar. So behauptet er, „das Judenthum wolle die ganze geistige Entwickelung der Welt um zwei Jahrtausende zurückdrängen", und das wäre eine unerträgliche „Reaction". Der Schäker — meint er denn, daß die Juden zwei Jahrtausende zurückgeblieben sind, daß eine zweitausendjährige Geschichte, die sie nicht einen Augenblick ruhen, und zugleich mit allen Völkern in allen Ländern leben ließ, sie geistig gar nicht vorwärts gebracht hat? . . Doch was fragen wir Stöcker, als ob dieser Mann auch nur eine Ahnung von Geschichte hätte! — St. kommt dann auf die Ausschreitungen in Pommern, die ihm „sehr viel Kummer verursachten" und „an denen er gewiß unschuldig sei;" auf den Synagogenbrand' in Neustettin, und erzählt dann einige oft wiederholte Wuchergeschichten, die ihm von der rechten Seite „Hört! Hört!" einbringen. Dann leugnet er den Zusammenhang der russischen Aufstände mit dem deutschen Antisemitismus. Als er nun über seine als „unklar" ausgegebene Ziele spricht, will er „die Emancipation, wie sie sei, bestehen lassen, weil er es für den Moment für unmöglich hält, eine weitergehende Bewegung gegen die Emancipation der Juden mit Erfolg ins Leben zu rufen." Uns ist dieses Geständniß von einigem Werthe, nicht als ob es uns wichtig erscheine, daß St. prinzipiell gegen die Emancipation ist, sondern weil er bekennt, daß er thatsächlich nichts gegen die Emancipation vermöge. Da er aber die Emancipation „für die Christen, wie für die Juden verhängnißvoll" glaubt, will er derselben die Spitze abbrechen. Deshalb will er die Juden aus dem Justiz- und dem Schulfache hinaus bringen, und das könne die Regierung ausführen, ohne daß das bestehende Gesetz verändert werde!! Darf man hiernach wohl die Jesuiten allein beschuldigen, eine besondere Logik und eine besondere Moral zu besitzen? St. ist naiv genug, daraus gar kein Geheimniß zu machen, denn er führt sofort auch aus, daß er dem Satze niemals zugestimmt habe: „Kauft bei keinem Juden!" wohl aber habe er ermahnt, „so.wenig wie möglich bei Juden zu kaufen." Hinsichtlich der Schule gHt er so weit, die jüdischen Schüler aus der Schule entfernen zu wollen, „ weil Juden christliche Kinder nicht erziehen und christliche Kinder mit jüdischen gemeinsam nicht recht erzogen werden können." Nun erinnere man sich, daß St. durchaus für confessionelle Schulen schwärmt, und man muß sich doch über das offene Geständniß der Schwäche wundern, welche' der Hofprediger der christlichen Erziehung in einer Confessionsschule beilegt, daß die Masse der christlichen Kinder wegen der Anwesenheit einiger jüdischen nicht recht erzogen werden könne! Und dies nehmen die Herren von der Rechten zustimmend auf. Natürlich will er auch die Universitäten von den Juden frei halten, denn „eine Ueberschwemmung mit dem jüdischen Geiste in den Wissenschaften kann der nationalen Entwickelung nicht förderlich sein." O diese Feiglinge, die überall einen Popanz an die Wand malen, und dann eine großmächtige Nation vor diesem Popanz zittern machen wollen! Auch hier soll die Regierung helfen, ohne das Gesetz zu verletzen. Wenn die Theologie das „Gesetz" für so wächsern ansieht, dann muß der Gehorsam gegen das Gesetz eine/ bloße Phrase werden. Wir glauben,; daß diese Herren dem staatlichen Leben eine größere Gefahr bereiten, als alle „jüdischen Geister." — Hinsichtlich der Justiz

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