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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-14 · Heft 11 (14.3.1882) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 11 (14.3.1882)
Date
1882-03-14
Page
Seite 170 (sequence 6)
Language
German
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vir Debatte im preußischen Mgeor-netenhaase vom 85. Februar. Die antisemüische Hetzerei in Berlin hat von Neuem begonnen, und Stöcker und Henrici halten ihre Reden wieder. Jndeß beachten dies die liberalen Blätter nicht und widmen diesen Reden keine Berichte, weshalb sie auch nur geringes Aufsehen machen. Der Abg. Eugen Richter schildert diese neuesten Kundgebungen in seiner. Antwort auf Stöcker's Rede folgendermaßen: „Nun, meine Herren, Sie haben heute wieder eine Rede des Herrn Abgeordneten Stöcker gehört mit einem solchen Angriffe auf das Judenthum.. Ich habe gestern gesagt, in diesem Augenblick beginnt in Berlin wieder eine Judenhetze, werden solche Predigten gehalten. Es giebt in Berlin Conservative, es hat immer welche gegeben, solche, die dieser Sache vollständig fern stehen, aber, meine Herren, man sucht jetzt die conservative Bewegung zu verfälschen dadurch, daß man sie mit einer Judenhetze fortgesetzt in Verbindung bringt, weil die Herren Stöcker und Genossen daran verzweifeln, auf andere Weise, durch andere Mittel die conservative Partei irgendwie erheblich stark in. Berlin zu machen. So sehen Sie, daß in der aufregendsten Form an den Litfaßsäulen Placate stehen: Henrici, Bortrag über den Schaden, den das Judenthum dem Bauernstände bringt; das nächste Mal finden Sie dann angekündigt in derselben Art einen Vortrag über den Schaden, den das Judenthum dem Handwerkerstand bringt. Dann finden Sie die Rede des Herrn Abgeordneten Stöcker, die er gehalten hat in der Tonhalle, wodurch diese ganze Agitation wieder neu eröffnet worden ist, über: „das Judenthum im öffentlichen Leben, eine Gefahr für das deutsche Reich." Ich habe diese Rede hier im Original vor mir, d. h. aus dem christlich-conservativen Correspondenzblatt, welches Herr Stöcker selbst herausgiebt, deren Text also authentisch ist. Nun, meine Herren, Sie haben heute hier auch eine solche Rede gehört. Es war mir nicht möglich, während der Rede die Ausdrücke zusammenzustellen, in denen er den Haß gegen das Judenthum predigt; ich habe mir einen Auszug aus dem Text seiner Tonhallenrede gemacht, weil diese hier vor mir liegt und muß auf diese Rede umsomehr Bedeutung legen, als in demselben Blatt angekündigt ist: da alle Zuhörer nicht hätten Eintritt finden können bei dieser Rede, werde er sie das nächste Mal nochmal halten, damit niemandem diese Rede entgeht. Es heißt in dieser Rede: „das Judenthum im öffentlichen Leben, eine Gefahr für das deutsche Reich: der Kampf gegen das Judenthum sei unabwendbar nöthig im Interesse der Ehre, der Sittlichkeit, der Freiheit der deutschen Nation." Er fordert auf: „nehmt die Frage in die Hand!" er sagt: „überall dort, wo sich das Volk Israel zeigt, wird es mit Mißtrauen empfangen, ruft es Unzufriedenheit hervor, wohin es sich wendet. Er rechnet es. unter das Schlimme im eigenen Lande. Das Judenthum greife; unsere besten Güter, die christliche Religion, Kirche deutsche Cultur, deutsches Wesen an." Er spricht von „Ueberwuchern des Judenthums"; er spricht von dem „unheimlichen Einfluß des Judenthums im öffentlichen Leben", spricht von der „goldenen Internationale, die das nationale Leben der Völker untergrabe, die es materiell und geistig beuge", er spricht von einem „jüdischen Geiste",, vom jüdisch-geistigen „GemaUschel", dem talmudischen Geist, Redner spricht vom natürlichen Einfluß des jüdischen Geistes auf sittlichem und gewerblichem Gebiete, wie auch im Privatleben, er spricht davon, daß wir den deutschen Genius verloren haben, daß das Judenthum Deutschland verunstalten wolle und dergleichen. ' Meine Herren, ist eine solche Rede nicht geeignet, die? jenigen, die ihr zuhören, aufs äußerste aufzureizen, aufs äußerste zu entflammen nach jeder Richtung? Und dann kommen die anderen Herren Pastoren, seine Confratres dergleichen Richtung. Der eine freut sich der fortdauernden Milde und Hoffnungsfreudigkeit des Herrn Hofpredigers, überbietet ihn, braucht stärkere Ausdrücke, es gehe mit solcher Milde nun einmal nicht. Ein andrer kommt, der wieder einen milderen Ton anschlägt, und zum Schluß spricht Herr Stöcker die Mahnung zur Liebe aus, wie wir sie hier auch heute gehört haben." Es ist sehr durchsichtig, daß dieser Neubeginn dieses antisemitischen Feldzuges wiederum nichts anderes als ein Wahlmanöver von konservativer Seite gegen den „Berliner Fortschrittsriug" ist, welches bei den bevorstehenden Wahlen zu dem preußischen Abgeordnetenhaus seine Dienste leisten soll. Zum Ueberfluß hat dies auch der, vom Centrum ausgeschlossene, von seinen Mandanten zur Niederlegung seines Abgeordneten- Mandats aufgeforderte, bei den Reichstagswahlen in Berlin durchgefallene Abg. Cremer in seiner Rede gegen Richter geradezu ausgesprochen. Wenn wir daher eine Wiederholung jener Wühlereien zu erfahren haben, so kann doch unmöglich der abermals aufgewärmte Kohl der Berliner Bevölkerung munden, mit Ausschluß des einmal verhetzten Bruchtheils. Diese jüngsten Vorgänge aber waren.es, welche den Abg. Richter veranlaßten, Stöcker wiederholt dazu auszufordern, sich im Abgeordnetenhause über seine Zwecke und Ziele, auszusprechen. Wir, von unsrem Gesichtspunkte aus, billigen dies nicht. Es dient eine solche wiederholte Debatte nur dazu, daß Stöcker außer in seinen Versammlungen und seinem „Reichsboten" auch noch auf der Tribüne des Abgeordnetenhauses seine Trompetenstückchen abblasen kann. Die' Meinung,.daß die Tribüne des Abgeordenhäuses den Rednern einen größeren Zwang, mehr Anstand und Mäßigung und eine tiefere Begründung ihrer Thesen auferlege, hat sich längst

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