Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1882)
- Date
- 1882-03-14
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
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169 ihre Mäßigkeit, Arbeitsamkeit und strenge Sitten besonders geeignet seien. Die Juden hätten deshalb den Handel an sich gebracht, da es dem Eingeborenen an aller Energie und Unternehmungslust fehle. Besonders wären sie die Vermittler jedes Geschäfts, das ohne die Juden in Süd-Rußland nicht zu begreifen sei Man beschuldige sie aber auch des Wuchers, der Hehlerei und der Förderung der Trunksucht. (Wir erinnern dagegen an das „Memorandum aus West- Rußland" in Nr. 50, S. 821 vor. Jhrgs.) Einige Juden übten so schlimme Practiken, daß die Einwirkung nachtheilig für alle sei. So z. B. vereinigten sich welche, bei Auktionen Einer den Andern nicht zu überbieten. Dabei unterscheide sich der Jude durch Kleidung, Sprache und Gewohnheiten. Wagstaff widerspricht daher allen anderen Consularberichten, indem er die Aufstände auf ökonomische Motive zurückführt, höchstens den Neid der Kaufleute hinzufügt, während er doch die Thatsache der Proklamationen, Flugblätter und aufreizenden Agenten zugeben muß. Die andere Thatsache, daß die Aufstände und Feuersbrünste in Gegenden, namentlich in West- Rußland (Polen) statt gefunden, wo die Verhältnisse sicher und allgemein ganz andere, und der größte Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung aus Handwerkern, Fuhrleuten und Tagelöhnern besieht, zeigt nicht minder, wie wenig das Referat dieser einzelnen Persönlichkeit zutrifft, vielmehr blos eigener Ansicht erfloffen ist. Dennoch kommt auch er zu dem Schluffe, daß jede Vermehrung der Beschränkungen höchst nachtheilig wirken und die Uebelstände vergrößern würde. Vielmehr würde die Abschaffung dieser Beschränkungen und die Gewährung gleicher Rechte mit den Eingeborenen die segensreichste Wirkung haben. Es würde daraus nach und nach die Assimilation der Juden mit der russischen Nation erfolgen und diese intelligente Elaffe von 3^ Millionen für den Staat nützlich gemacht werden nach den verschiedensten Richtungen, besonders in der Entwickelung der Industrie und des Handels, für welche in einigen Theilen des Reiches zwar das Material vorhanden ist, die Bewohner aber jedes Unternehmungsgeistes bar sind. .Zunächst würde auch eine bedeutende Zahl Juden in andere Provinzen übersiedeln, und dadurch sich das Berhältniß zwischen ihnen und den christlichen Bewohnern ausgleichen (p. 14). — Sollte, wie ich höre, noch eine andere Serie von Berichten erscheinen, so werde ich nicht ermangeln, über sie zu referiren. — Wir fügen diesem Briefe folgende Correspondenz der „Köln. Ztg." hinzu: Es war voraus zu sehen, daß die englische Consular-Actensammlung über die russische'Judenhetze nicht unwiderlegt bleiben würde. Der hiesige russisch-jüdische Ausschuß versucht diesen in einem, vor Sir N. de Rothschild Unterzeichneten Schriftstücke, und zwar nicht ohne Erfolg. Er geht allerdings nicht auf das im Publikum verbreitete Gerücht ein, als habe das Gladstonesche Cabinet seinen russischen Agenten die Anweisung gegeben, die Hetze möglichstabgeschwächt darzustellen; aber er beweist, daß die Consuln, als sie den Befehl zur Untersuchung erhielten, nicht mehr im Stande waren, den Thatbestand zu ermitteln. Die russischen Behörden bedrohten heimlich alle Juden für ihre Aussagen mit späterer Bedrückung, so daß wenige den Muth hatten die Wahrheit zu sagen. Der Ausschuß bringt aus Rußland selbst eine Menge von Briefen bei, welche zeigen, daß die Schreckbilder der Times nicht übertrieben waren, und wenn Gladstone folgerichtig handelte, müßte er diesen nichtamtlichen Beweisstücken ebenso großen Werth beilegen, wie er dies bei der Bulgarenhetze gethan. Baron H. de Worms wird sich auch deshalb nicht abhalten lassen,-die Frage noch einmal im Unterhause vorzubringen, trotzdem ihn seine Freunde davon abzuhalten suchen. — London, 3. März. Unterhaus. H. de Worms beantragte die von dem Abg. Slagg unterstützte Erklärung, daß das Haus die Verfolgung und die Gewaltthaten gegen die Juden in Rußland tief beklage und sich der Hoffnung hingebe, die Regierung werde Mittel finden, allein oder gemeinsam mit andern Mächten ihre guten Dienste bei der russischen Regierung zur Verhinderung der Erneuerungen ähnlicher Gewaltthaten geltend zu machen. Gladstone glaubte, daß die Annahme des von Worms gestellten Antrags die Interessen der Juden, denen er dienen solle, schädigen werde; er sei überzeugt, der Kaiser von Rußland und die russische Regierung sehen die begangenen schrecklichen Freveh gleich England mit Abscheu an. Derartige Greuelthaten bildeten eine äußerst beklagenswerthe Thatsache in der Geschichte eines Landes, besonders um deswillen, weil sie von Christen verübt worden seien. Etwaige Vorstellungen müßten unparteeische und dürften nicht diplomatische oder parlamentarische sein. Sir Stafford Northcote erklärte, daß ihn der Zweck des Antrages sehr am Herzen liege; er hoffe, die Regierung werde, wenn Vorstellungen unthunlich sein sollten, die Zusicherung ertheilen, daß sie zur Förderung des Zweckes des Antrages alles ihr Mögliche thun werde, und er erwarte, daß Worms seinen Antrag dann zurückziehe. ' Unterstaatssecretär Dilke wiederholte die früher schon von Lord Granville abgegebenen Erklärungen. Worms zog darauf seinen Antrag zurück. . London, 4. März. Der von Baron de Worms im Unterhause gestellte Antrag betreffs der russischen Judenhetze ist zwar nicht zur Abstimmung gekommen, hat aber seinen Zweck erreicht, indem Gladstone, Northcote und Dilke zu einer scharfen Verurtheilung der russischen Zustände genöthigt waren, wenn sie auch eine Einmischung als gefährlich und unnütz ablehnten. Der Antrag bildet die parlamentarische Ergänzung zu der großen Protestversammlung, welche unlängst im Mansion House abgehalten wurde. (Näheres in nächster Nummer.)