Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1882)
- Date
- 1882-03-14
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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168 Consuln in Rußland über die dortigen Verfolgungen der Juden enthaltend, zurückzukommen. Ich thue dies, obschon die Ausbeute, die wir über diesen Gegenstand.aus den vorliegenden 25 Quartseiten zu ziehen vermögen, mir von keinem großen Belange erscheint, und dem künftigen Geschichtsschreiber höchstens die Bestätigung für einige schon bekannte Thatsachen liefern wird. Es kommt mir vor, als wie wenn man, um den Plan eines Feldzuges oder nur einer Schlacht zu erkennen und festzustellen, einzelne Offiziere, die an. verschiedenen Orten thätig gewesen, über die Vorgänge in ihrem Gesichtskreise befragte. Wie wenig wird man von ihnen erfahren können, um den Charakter und Gang des ganzen Ereignisses reeonstruiren zu können. Die Berichte, die wir hier lesen, sind von zwei Consuln in Petersburg, einem in Warschau, einem in Taganrog und -dem General-Consul Stanley in Odessa. Allerdings schließen diese einige Male Berichte von Vice-Consuln an. Die Thatsachen selbst erscheinen nicht anders, als wie man sie aus den Zeitungsnachrichten erfahren hat, und betonen diese Berichte von hier und dort, daß die Opfer an Menschenleben nicht zahlreich und Mißhandlungen von Frauen nur selten vorgekommen seien. Hinsichtlich der Ursachen jener Aufstände führen sie oft genug an, daß das Volk durch Flugblätter aufgereizt, durch Agenten angetrieben und geleitet worden sei. Es werden Fälle erzählt, wo sich einzelne Juden mit der anstürmenden Menge vertragen hatten, um für eine bestimmte Summe von der Plünderung frei zu bleiben, und daß dann herbeigeeilte Agenten das Volk bestimmten, demungeachtet die Plünderung und Demolirung vorzunehmen. Den Socialisten oder Nihilisten schreiben die Consulen die Anregung zu diesen Aufständen nicht zu, meinen jedoch, daß jene sich die Volksbewegung zu Nutze gemacht, um die gesellschaftliche Zerrüttung zu befördern. Daß man Plakate verbreitet habe, in welchen die Plünderung der Juden als ein Befehl des Czaren ausgegeben wurden, ja daß man einen förmlichen Ukas verbreitet habe, wird als sicher angegeben. Der General-Consul Stanley versichert u. A. (p. 5.), daß die Juden den Borwand abgeben, um Unruhe und Aufstand zu erregen, und selbst durch die nothwendig werdenden vielen Arrestationen das Volk gegen die Regierung aufzuhetzen. Auch darüber sind die consularischen Referate einig, daß es die meisten Behörden an energischem Einschreiten haben fehlen lassen, während nach geschehener Plünderung auf das Erscheinen der Sicherheitsbehörden an den meisten Orten die Ruhe wieder hergestellt worden sei; an einigen Plätzen war dies allerdings bei der Verblendung des Pöbels nicht genügend, und mußte von den Waffen Gebrauch gemacht werden. In Uman zahlten die Juden 10,000 Rubel für den Transport von Truppen, um deren Schutz zu genießen. Hier und da richtete sich die Wuth des Pöbels nicht blos gegen die Juden, sondern, gegen die Besitzenden überhaupt und wurden immerhin etliche Christen von demselben Schicksal betroffen. Daß an irgend eine Entschädigung der mehr oder weniger völlig beraubten Juden aus staatlichen oder städtischen Mitteln nicht im Entferntesten zu denken sei, geben die Consulen zu verstehen. Nur bie Mildthätigkeit könne hier etwas leisten, und doch habe die Staatsregierung eine Sammlung innerhalb des Reiches für diese Unglücklichen untersagt. Nur an einzelnen Orten, wie in Warschau habe sich die Humanität einigen Raum geschaffen. Dies find die allgemeinen Züge, welche die englischen Consularberichte uns darbieten. Daß sie nicht genügen, über die eigentlichen Ursachen hinlänglich aufzuklären, ersieht man hieraus. General-Consul Stanley ist der Ueberzeugung, daß nur die obere und mittlere Klasse — die letztere sei in Südrußland eigentlich nur in Kiew und Odessa vorhanden — feindselig gegen die Juden und zwar in unvernünftiger Weise sei, während die Masse der Nation nicht gegen sie eingenommen wäre; sie lebten mit einander in den Dörfern auf völlig freundschaftlichem Fuße, aber die einmal begonnene Plünderung wäre für die. Masse verlockend gewesen. Die Juden hätten in den Dörfern die einzigen Kaufläden, und würden ihnen diese verboten, so würde der russische Bauer Vieles entbehren, was er nothwendig hat, oder müßte einen viel höheren Preis dafür zahlen. Nehmen die Juden hohen Zins, so geschieht es, weil ein Anderer dem Bauer nichts borgt und der Schuldner wenig daran denkt, zurückzuzahlen. Schließlich, sagt Stanley, ist ihr Charakter gewöhnlich ehrenhaft, weshalb jeder fremde Kaufmann in Süd-Nußland sich ihrer in allen Vertrauenssachen bedient, und würden die Juden Süd-Rußland verlassen, so würde der Handel gänzlich zusammenbrechen (p. 6.). Nur ein einziges Memorandum hat der General-Consul Stanley einzuschicken gehabt, welches sich ungünstig über die Juden ausspricht. Es rührt dies von dem Bice-Consul Wagstaff in Nicolajeff her, und man erinnere sich, daß in dieser Stadt den Juden der Aufenthalt lange Zeit gänzlich verboten war und sie in der Umgegend nur in geringerer Zahl wohnen. Der General-Consul begleitet dieses Memorandum mit einem Schreiben, in welchem er sich vor den Schlüssen, die Wagstaff aus den Thatsachen ziehe, verwahrt (p. 11), und nochmals betont, daß die bäuerliche Klasse keinen Haß gegen die Juden als solche hege. Er sei vielmehr durch genaue Prüfung zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Aufstände nur einen politischen Zweck gehabt und die Bauern durch Menschen aufgereizt worden seien, welche die Liebe zum Trunk und die Hoffnung auf Plünderung für ihre eigenen Absichten benutzt hätten. Der Bice-Consul Wagstaff macht zuerst darauf aufmerksam, welchen Beschränkungen die Juden in Rußland unterzogen seien, so daß sie gezwungen wären, sich dem Handel allein zuzuwenden, zu welchem sie durch ihren Speculationsgeist,