Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1882)
- Date
- 1882-03-14
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Stufe mit Marokko und Persien. Da ist überall die wesentliche Culturentwickelung erst noch zu erwarten. Hierfür sprechen, noch unzählige andere Vorgänge, die uns speziell nicht berühren. Wir dürfen also einer anderen Erwartung als auf Explosionen in der Tiefe des Culturprozesses dort gar nicht sein. Die. Behandlung der Juden unter Nicolaus I.. setzt sich, nach dem Intermezzo unter Alexander H., gegenwärtig eonsequent fort, und die Aussichten sind auf lange Zeit sehr düster. Sehen wir nun von Rußland, 'sowie von Rumänien ab, so können wir uns doch ernstlich fragen: was ist geschehen? ist in irgend einem Culturlande, ist in Deutschland die Gleichberechtigung gesetzlich irgend wie angetastet, selbst nur von einer Verwaltung in eclatanter Weise verletzt worden? ist uns also von dem, was wir auf dem Rechtsgebiete erreicht hatten, etwas genommen worden? Wir können dies glücklicherweise verneinen. Außer dem, von allen Seiten des ungarischen Abgeordnetenhauses verlachten Antrag Jstoczy's ist noch in keinem Parlamente auch nur der geringste Versuch gemacht worden, auf Rechtsbeschränkungen der Juden anzutragen. Ferner: hat in irgend einem Culturstaate eine wirkliche Judenverfolgung stattgefunden? auch dies müssen wir verneinen, denn die Vorgänge in Pommern und Preußen waren, außer etwa in Schievelbein, von keiner Bedeutung und verschwanden sofort vor dem nachdrücklichen Eintreten der Behörden. Nun hat allerdings eine antisemitische Agitation und zwar sehr heftiger Art stattgefunden; in der Literatur und. in Versammlungen erhob sich eine Fluth von Schmähungen und bittersten Jnveetiven gegen die Juden, und brauste und raste eine Zeitlang so heftig auf, daß es scheinen konnte, als ob sie über alles Rechtsgefühl und alle Besonnenheit hinausschwellen werde. Ich gebe zu, daß es ein trauriges Symptom für die Bildung und den Charakter unserer Zeit ist, daß so etwas noch in Deutschland, insbesondere in Berlin geschehen konnte, ohne sofort von dem allgemeinen Unwillen erdrückt oder als Don Quixotorie mit Spott und Hohn überschüttet zu werden. Dennoch aber müssen wir, um gerecht zu sein, nicht vergessen, daß alles Dies in einem Zeitpunkte politischer und sozialer Verwirrung, in einem Zeitpunkte der Parteizersetzung und eines sich vorbereitenden schweren Kampfes um Grundsätze, Motive und Ziele der entgegengesetztesten Art geschah; wir dürfen nicht vergessen, daß außer einigen zweideutigen Charakteren kein einziger Mann von entschiedenem Verdienst und Rufe, von bewährtem Talent sich dieser, der Cultur uud Humanität widerstrebenden Rotte zugesellt hat; vergessen wir nicht, daß hingegen eine bedeutende Zahl der würdigsten und anerkanntesten Capazitäten sich zum Schutze des Rechts und der Wahrheit, zur Verurtheilung dieser böswilligen Angriffe erhob und daß schließlich ganz Deutschland, außer Berlin, Breslau, Leipzig und einigen kleinen Kreisen in Westphalen lund ander Sieg, die in der Reichshauptstadt wüthendeund wühlende Agitation vollständig zurückwies und diese in Berlin selbst bei den Wahlen die schmählichste Niederlage erlitt; sowie endlich, daß die Versuche in Ungarn und an der Seine eine ähnliche Bewegung hervorzurufen, völlig ins Wasser fielen, und vielmehr das Ausland, England voran, das nachdrücklichste Verdikt über den deutschen und russischen Antisemitismus aussprach. Bei allen diesen Erscheinungen ist es doch wohl unmöglich, von einer Niederlage des Rechtsprinzips und der Culturanschauung,. ja nur von einem Niedergang des Geistes in unserer Zeit zu sprechen und darüber zu klagen, noch dazu wenn wir erwägen, daß unser Jahrhundert keine Periode des Vollendens, sondern des Strebens und Ringens von seinem Beginn an bis zum heutigen Tage gewesen und während seiner, letzten zwei Jahrzehnte bleiben wird. Allerdings kann ich mir nicht verhehlen, daß infolge jener Hetzereien und der durch sie verbreiteten Lügen und unbegründeten Behauptungen eine allgemeine Mißstimmung gegen die Juden sich verbreitete, und daß dies uns ein lästiges Gefühl des Unbehagens, ja des Unwillens bereiten mußte. Allein eine Stimmung kommt und vergeht und verliert sich meist ebenso unvermerkt, wie sie unerwartet gekommen. Nein! Die Sonne der Aufklärung, des Rechts und der Humanität steht noch im Zenit unseres Himmels, sendet ihre wärmenden und leuchtenden Strahlen herab und zerstreut das Gewölk wieder, das sich um sie sammeln will! Du siehst, lieber Freund, daß ich auf einem Standpunkte mich befand und befinde, von welchem aus ich die Dinge nicht so trübe anzuschauen hatte, wie es Einen in augenblicklicher Erregung wohl überkommen konnte, auf einem Standpunkte, der sich von jeder kränklichen Sentimentalität und den durch sie bewirkten Täuschungen fernhält. Schließlich muß ich Dich doch auch darauf Hinweisen, daß ich mich niemals darauf beschränkt habe, für die äußere Stellung des Judenthums zu wirken, so wichtig diese auch nicht blos für das Heil zahlloser Einzelnen, sondern auch für die Verwirklichung des Rechtsprinzips und der Humanität in der gesammten Gesellschaft ist. Vielmehr habe ich meine besten Kräfte für den inneren Ausbau des Judenthums, für die Klärung desselben und die Veredlung aller seiner Institutionen nutzbar zu machen unermüdlich gesucht. Und inwiefern auf diesem Gebiete Erfolg erzielt worden, darauf mag ich doch nicht minder am Ende meines Lebens Hinblicken. Londoner Briefe. VHI. London, 28. Februar. Ich habe versprochen, auf das beiden Häusern des aments übergebene Blauheft, die Berichte der englischen 11*