Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1882)
- Date
- 1882-03-14
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WM 166 dessen, was ich beobachtet hatte, geben, und hierzu scheint! gegeben ist, irgend eine allgemeine Angelegenheit zu vollenmir die Zeit noch nicht gekommen, wo wir noch an dem den, eine die ganze Menschheit berührende Streitfrage vollfrischen Grabe des Entschlafenen stehen. Vielmehr wende ich mich zu mir selbst, der doch seinganzes Leben und alle .feine Kräfte der Sache des Judenthums und zwar im Geiste des Rechts, der Humanität und der Religiosität gewidmet hat. - Ich gebe Dir zu, theurer Freund, des Kummers, der Betrübniß, der Sorgen und Befürchtungen gab es in den letzten Jahren die Fülle. Die allgemeine Lage, sowie die einzelnen Erscheinungen brachten der Schatten und der Frostschauer so viele, daß der Horizont sehr verdunkelt und die Atmosphäre eisig genug erscheinen konnte. Aber ich bekenne, von den Gefühlen des Erdrücktwerdens, von den Empfindungen dauernder Niederlage, von der Ahnung, daß alle Bestrebungen und Anstrengungen des zurückgelegten Lebens vergeblich gewesen, die Saat ohne Frucht, das Geschaffene ohne Leben — von solchen stürmischen und zerstörenden Gefühlen und Meinungen habe ich nichts empfunden. Und hierfür die Erklärung. — Im Allgemeinen kommt es darauf an, ob wir wahrhaft geschichtlich gebildet und entwickelt sind, ob wir den Geist und die Erfahrungen der Geschichte in uns ausgenommen und uns eine Anschauung erworben haben, nun auch die Erscheinungen der Gegenwart im Lichte der Geschichte zu sehen. Wenn wir vor der Wirklichkeit und ihren Zuständen stehen, da verhilft keine Lebendigkeit der Phantasie, keine Schärfe des logischen Verstandes, selbst das reichste naturwissenschaftliche Wissen, zu keiner richtigen Beurtheilung; dazu verhilft allein die geschichtliche Erkenntniß: Wer seinen Blick in die ganze Entwickelungsfolge der Geschichte versenkt und in derselben sich zurecht zu finden weiß: der erwartet auch niemals vom wirklichen Leben der Gegenwart die vollkommene Erfüllung dessen, was seine Ueberzeugung ihn als wahr und recht, als allein wahr und recht zu begreifen gelehrt hat; der weiß, daß nicht allein jeder Fortschritt durch Kampf erreicht, sondern auch durch einen oft noch längeren Kampf gesichert, ausgestaltet, vollendet werden muß, daß gegen schon Erreichtes und die Zeit Beherrschendes doch immer wieder die alten Mächte heraufsteigen und es umzustürzen alle Kräfte anstrengen, ja daß diesen solches nicht selten auf einige Zeit gelingt — aber nimmer ganz oder auch nur auf Dauer: trotz allem Widerstreben wird das Absterbende niedergeworfen und ins Grab gesenkt. Dies ist die Lehre der Geschichte, und ich erinnere Dich, mein Freund, z. B. an die Geschichte der Reformation, der gegenüber die Contre-Reformation so Mächtiges leisten konnte, schließlich jedoch den Sieg des Protestantismus sich vollziehen lassen mußte. Und weist uns die Geschichte seit 1789 nicht zahllose Beispiele für diese geschichtliche Erkenntniß auf? — Weiter. Die Geschichte lehrt uns, daß es keinem Menschen ständig zu schlichten, und mit dem Bewußtsein zu sterben, der Sache, welcher er sein Leben gewidmet, den unbestrittenen Sieg erfochten zu haben. Ja, Niemand kann sogar sagen, daß er allein einen großen Gedanken zur Verwirklichung gebracht habe, da er ohne zahlreiche Vorgänger und Mitarbeiter zu keinem'Ziele gekommen wäre. Alles dies liegt in der Beschränkung des Menschen, seiner Kräfte, seines Gedankenreichthums, und der Dauer seines Daseins. . Diese geschichtliche Einsicht hat mich stets geleitet und beherrscht, und so. vermochten auch unter dem Einfluß dieser Ansichten keine Erscheinungen des Tages, keine Erlebnisse der Gegenwart mich zu überwältigen. Hierzu kommt, wer den Entwickelungsgang der Emancipation der Juden, oder vielmehr des Rechtsgrundsatzes der Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze und namentlich auch den Entwickelungsgang der socialen Verhältnisse so beobachtet und durchlebt hat, wie ich, der konnte von dem Eintritt reactionärer. Agitation und Bewegung nicht unerwartet betroffen werden. Wer noch mit seinen Kindesbeinen in einer Art Ghetto gewandelt, wer in seiner Jugend die Gleichstellung außer in Nordamerika, Frankreich, Holland, Belgien und Dänemark noch in keinem europäischen Staate gesehen, und die vielen Wehen, Windungen, Krämpfe und Kämpfe, Passiv und activ mit durchgemacht hat, welche diese Gleichstellung in Deutschland, Preußen, Oesterreich und England, vom Osten gar nicht zu sprechen, zu bestehen hatte; wer noch 1848 den schnellen Sieg der Reaction unter der Zustimmung eines großen Theils der Bevölkerung erfahren hat; wer gesehen, welch' ein Spielball die Bestimmungen der Verfassung in den Händen der jeweiligen Machthaber waren, und wie ängstlich selbst unter der Herrschaft der Liberalen aus jedes Symptom einer gerechteren Gesinnung und Behandlung gelauscht werden mußte; wer gewahrte, daß es selbst bei den Liberalen nur die Nothwendigkeit und Consequenz des Prinzips war und blieb, welche den Juden ihre freiere Stellung in Staat und Gesellschaft zugestand, und daß es kaum die Wissenschaft und die Kunst vermochte, für einen jüdischen Träger derselben einen sichern Raum zu schaffen — wie konnte der sich jemals der Erwartung entschlagen, daß unter ungünstigen Verhältnissen, unter Parteikämpsen, Interessen- und Klassenstreit nicht einmal wieder der Judenhaß aus seinem Versteck hervorgeholt und seine Mißtöne vernehmbar machen werde?... And doch, theurer Freund, ist dies nur die eine Seite unserer Frage. Was ist geschehen? Sehen wir von Rußland ab. Was dort das Volk verübte und der Staat möglich machte, was dort in den maßgebenden Kreisen gedacht, beabsichtigt und geplant wird, das versetzt dieses Volk und diesen Staat auf eine der unteren Culturstufen, aus dieselbe