Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1882)
- Date
- 1882-03-07
- Page
- Seite 162 (sequence 14)
- Language
- German
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der Minister als Ursache der andauernden Judenbetzen theils die ungenügende Energie der anfänglich ergriffenen Maßnahmen, theils das späte Vorgehen der Administration. Die Emigration, der Juden gedenke Jgnatieff durchaus glicht zu begünstigen; in jedem Falle würde er betreffs der Auswanderer .die strengste Kontrolle üben. Als der Minister die Theilnahme der jüdischen Jugend am Nihilismus berührte, bemerkte der Rabbiner, das wünschenswerthe höhere Niveau sittlich - religiöser Erziehung sei nicht erreichbar, da der Religionsunterricht in den Lehranstalten mit den christlichen nicht auf gleiche Stufe gestellt sei. Zum Schlüsse äußerte der Minister sein Bedauern darüber, daß allerlei vage Gerüchte Glauben finden, so die Meldung, die lernende Jugend würde gezwungen werden, das Christenthum anzunehmen oder die Schule zu verlassen. Auch die Gerüchte über zwangsweise Uebersiedelung seien' übertrieben; der Rabbiner möge die Gemüther beruhigen. Das in der Judenfrage eingesetzte Comite werde keine Entscheidung treffen, ohne die Vertreter der Juden gehört zu haben. Rumänien. Bukarest, 20. Febr. In der Deputirtenkammer richtete Jonescu an die Regierung eine Anfrage wegen Maßregeln, welche getroffen seien, um die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung zu fördern. . Amerika. .Paris, 20. Febr. Der „Monatsbericht" der Alliance isr. univ. theilt mit: Der frühere Präsident der Republik Dominique (Antillen), H. Luperon, hat folgendes Schreiben an das C.-Comit6 gerichtet: Nachdem ich von den Verfolgungen gehört habe, welche die Israeliten in mehreren Ländern Europas erfahren haben, nehme ich nicht Anstand, Ihnen mitzutheilen, daß es ein Land aiebt, die Republik Dominique, ein großes, fruchtbares und zukunftsvolles Land, wo Ihre Glaubensgenossen mit offenen Armen ausgenommen werden würden. Es ist nicht nur die Gastfreundschaft, die ich denselben im Namen meiner Regierung und des Volkes von Dominique in meinem Lande anzubieten wage, sondern auch gleichzeitig eine gesicherte Nationalität und Ländereien zum Anbau, Ländereien die sofort nach ihrer Besitzergreifung das Eigenthum derselben werden ' 's ollen. Der Chef der Regierung ist gegenwärtig ein katholischer Priester, aber sein Patriotismus und seine Freisinnigkeit stellen ihn hoch über jede Art von Vorurtheil. Es geschieht in vollkommener Uebereinstimmung mit demselben, daß ich den Vorschlag mache, den ich Ihnen gegenwärtig vorzulegen die Ehre - habe. Da ich selbst mehrere Jahre das Land regiert habe, so kenne ich den Charakter und die Vorstellungen des Volkes an Dominique, das mit Freuden in seiner Mitte Brüder ankommen sehen würde, welche bereit sind, mit ihm ihre Schicksale . zu theilen. Genehmigen Sie die Versicherung meiner j hohen Werthschätzung. E. Luperon, Expräsident der Republik von Dominique.. Bonn, 26. Febr. (Notizen.) Im Congresse der Vereinigten Staaten von Nordamerika giebt es Israeliten: einen Senator, A. F. Jonas, für Louisiana; zwei Repräsentanten, Leopold Moses für Massachusetts und Edwin Bernstein für New-Aork, Im diplomatischen und Consular-Corps Amerika's finden wir: Simon Wolfs, Generalconsul in Aegypten; Peixotto, Consul in Lyon, Und David Eckstein, Consul in Amsterdam. — Man schreibt aus Berlin: Prof. Anton von Werner hatte sich vor einigen Tagen nach Wolfenbüttel begeben, um daselbst das neben der berühmten Bibliothek liegende ehemalige Wohnhaus Lessings's zu skizziren und die in der Bibliothek befindliche reiche Sammlung vor: Lessingportraits zu studiren. Der Künstler hat, wie das/ „Tgbl." hört, den Auftrag erhalten, Lessing und Mendelssohn im Gespräche darzustellen und will das übrigens wohlerhaltene, aber feuchte und ungesunde Haus, in welchem auch der jetzige Bibliothekar wohnt, als Hintergrund für sein Bild Ieuilleton. . Vermischtes. Samuel Israel, der Tragödiendichter. In seinem jüngst erschienenen Buche „Lehr- und Wanderjahre des deutschen Schauspiels" (Berlin, A. Hofmann u. Co.) macht Rudolph Gence Mittheilung von einer die Geschichte von Pyramus und Thisbe behandelnden alten; deutschen Tragödie, welche unfern Literarhistorikern bisher gänzlich unbekannt war. Der Verfasser des Stückes ist; Samuel Israel, und nach dessen eigener Angabe ist dasselbe im . Jahre 1604 zu Münster aufgeführt worden. : Der Name läßt auf einen Juden schließen. Die Verse selbst stehen dem jüdisch-deutschen Dialekt so nähe, daß sie diese Voraussetzung zu bestätigen scheinen. Man höre z. B. was Pyramus spricht, als er Thisbe's Mantel findet: „Schau, ist nit dieses Thisbe's Kleid? Welchs sie nur pflegt anthun zur Freud. O weh, was wird bedeuten dies, Das ist ihr Mantel, ist gewiß. Thisbe, Thisbe, ach wo bist du? Wo steckst du, Thisbe, geh herzu.