Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1882)
- Date
- 1882-03-07
- Page
- Seite 159 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— Manche Angelegenheiten habeil ein eigenthümliches Geschick und können nicht zur Ruhe kommen. Die bekannte, dem Dr. Jungfer in Begleitung des Dr. Bernhard Förster versetzte Ohrfeige seitens des Herrn Kantorowicz hat noch ein Nachspiel gehabt. Der Bertheidiger des letzteren, Herr Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneter Munckel, ist angeklagt worden, in seiner Verteidigungsrede den Dr. Förster beleidigt zu haben, indem er diesem gerathen habe, sich die Hälfte der Dr. Jungfer applieirten Ohrfeige für sich zu Zehmen, da dieselbe sicher beiden Herren zugedacht gewesen sei. Trotz der ausgezeichneten Reden Munckel's, Träger's und Dr. Sello's, trotz des Hinweises, daß hierin eine auffällige'Beschränkung der Vertheidigung enthalten sei, wurde Munckel mit einer Geldstrafe von 100 Mark belegt. Es läßt sich voraussetzen, daß die Sache hiermit noch nicht zu Ende ist, sondern gegen das Urtheil des Schöffengerichts Berufung eingelegt werden wird. Leipzig, 24. Februar. (Privatmitth.) Das Erscheinen des Gemeindebundes in Berlin ist in sympathischster Weise begrüßt worden, und man darf sagen, daß er durch das, was er bisher geleistet, und durch das, was er in Zukunft zu erstreben sucht,- auf die Berliner einen tiefen Eindruck gemacht, so daß man seiner Fortentwickelung das günstige Prognostikon stellen darf. Mehr als 70 Bundesgemeinden waren auf dem Gemeindetage vertreten, eine Zahl, die wir bisher noch nicht aufzuweisen hatten. An den Verhandlungen haben nicht nur die Vertreter aller religiösen Richtungen, sondern auch Männer der Wissenschaft und sonstige hochachtbare Männer anderer Lebensstellungen, welche mit Mandaten betraut waren, theilgenonnnen. Der § 1 des Statut-Entwurfs, der von den Zwecken handelt, hat eine vierstündige Debatte hervorgerufen. Derselbe ist mit einigen wenigen Modifikationen fast einstimmig angenommen worden, ein Erfolg, der um so erfreulicher ist, als damit zugleich die Einigkeit der Parteien (vom Prediger Ritter aus der Reformgemeinde bis zu Rabbiner Dr. Hildesheimer) bezüglich der Aufgaben des Gemeindebundes erzielt worden, die don weitgehendster Bedeutung für die Kräftigung des Bundes zu werden verspricht. Auch die übrigen wenigen speciell discutirten Paragraphen sind bis auf einige, die eine andere Fassung erhielten, fast einhellig angenommen. Während alle solche, zu denen keine Amendements Vorlagen, en bloc angenommen wurden. Die Verlegung des Sitzes nach Berlin ist ebenfalls mit Einstimmigkeit nach kurzer Debatte genehmigt worden. Der Ausschuß hat sich alsdann constituirt und seine Bureau gewählt. Das Präsidium besteht aus Prost Dr. Lazarus, Geh. Sanitätsrath Dr. Kristeller und Herrn Jacob Nachod, wovon der zweite, Dr. Kristeller, die Geschäfte leitet. Da der Ans¬ 159 schuß das Recht der Cooptation hat, so wird man demnächst weitere Mitglieder aus den Berliner Intelligenzen, welche die Bedingungen zur fördersamen Mitarbeit an den großen Aufgaben des Gemeindebundes und somit auch derjenigen der deutschen Gesammtjudenheit in sich tragen, heranziehen. Hoffen wir von der Zukunft das Beste! Hamburg, 23. Febr. Die Auswanderung der Juden aus Rußland Über Hamburg scheint einen kolossalen Umfang zu nehmen. Jedes Schiff hat an 200 bis 800 solcher Emigranten an Brod. Mit dem am 7. d. M. in See gegangenen Dampfer gingen wieder 350 Juden aus Rußland nach New- Dork ab. Oesterreich-Ungarn. P. Pest, 20. Febr. (Privatmitth.) Nach der samstägigen, selbst für Jstoezy unerwartet einstimmig stattgefundenen Schlappe und der kläglichen Blamage und Niederlage, die die Sache des Antisemitismus in Ungarn damit erlitt, wird es der sehr rührige ungarische Nachfolger Stöckers doch wohl einzusehen beginnen, daß es auf Ungarns liberalem Verfassungsboden für seine so sehr „humane" Tendenzen nur eine verzweifelt düstere Zukunft giebt. Haben ihn doch sogar mehrere der 16 Unterfertiger des Antrags selbst nachträglich im Stich gelassen. Bezeichnend für die Loyalität des Stöcker- Henricischen Zöglings ist die eines Mannes geradezu unwürdige Art und Weise, wie er sogar einigen dieser 16 Unterfertiger ihre Unterschrift durch Verheimlichung des wahren Sachverhaltes herauslockte. Er sprach ihnen von Verhütung der „Massenauswauderung russischer Juden nach Ungarn", von der „ungenügenden Fassung des projektirteu Civilehegesetzentwurfes" und dergleichen mehr, hütete sich aber bei allen Unterfertigern die wahren Endziele des Antrages, nämlich „die Aufhebung der Judenemancipation" anzugeben. Die Beschämung sollte dem Biedermann im Angesicht des ganzen Parlamentes nicht erspart bleiben, da sich in offener Sitzung desselben mehrere der Unterfertiger sofort gegen ihn aussprachen und ihm ein Desayeu der allerbesten Art gaben. Diese Seite der großen Schlappe Jstoczy's, die er am Samstag erlitten, dürfte ihn sogar im Lager seiner spärlichen Gesinnungsgenossen in Ungarn für die Zukunft mit empfindlichsten schaden. Wir kennen unsere Nation. Der Ungar ist vor allem wahrheitsliebend, und nun entpuppte sich der Apostel des ungarischen Antisemitismus als ein Mann, der es mit der reellen Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit viel zu leicht genommen hat, als daß sein Gebühren noch fernere Sympathie einflößen könnte, selbst bei dem kleinen Häuflein derjenigen, die sonst gerne in „Antisemitismus" machen würden. Die Verfechter des modernen Antisemitismus sehen sich ja allerwärts in Bezug auf Wahrheitsliebe einander sprechend ähnlich, an der Spree, ebenso wie an der Donau und der —