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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-03-07 · Heft 10 (7.3.1882) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 10 (7.3.1882)
Date
1882-03-07
Page
Seite 158 (sequence 10)
Language
German
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schwunghaft zu sein, eine reiche vielgestaltende Phantasie, die ihren Stoff aus der Beobachtung und Erfahrung des Lebens schöpft, eine weite und zarte Empfindung, eine erhabene Sittlichkeit, die fest in Gottesfurcht und Hingebung, im feinsten Pflicht- und Rechtsgefühl, in Weisheit, Bescheidenheit und Barmherzigkeit wurzelt, die freieste Behandlung der Texte, die sich in der Neigung zu Legende und Mythe bekundet, unerschöpfliche Fülle an Gleichnissen und Sentenzen, in welchen die Antithese und die Pointe mit knappem und doch scharfem Ausdruck vorherrschen — das sind die echten Merkmale der Agada. Man wird hiervon genug im ganzen Wesen Auerbachs, auch in dessen persönlichem und geselligem, wiederfinden. Dennoch ginge man fehl, wenn man deshalb Auerbachs Entwicklungsgang an die Agada anknüpfen wollte. Er hat sicherlich wenig aus dieser reichen Schatzkammer entnommen, und gewiß keinen Midrasch wieder in der Hand gehabt, nachdem er Hechingen verlassen hatte. Aber es liegt hierin etwas Eigenthümliches, das dem jüdischen Stamme angehört, und darum instinktiv in seinen Söhnen zum Vorschein kommt und sich tradirt. Schon in unsrer heiligen Schrift haben wir Didaktisches und Sentenziöses nicht blos in den Büchern Sprüche Salomonis und Kohelet, sondern auch in vielen Psalmen; unter den Apokryphen das Buch Jesus Sirach; und selbst das Neue Testament ist voll agadischer Gleichnisse und Sentenzen. Nun erst der Midrasch im Talmud, man denke an die Pirke Aboth, und in den midraschischen Schriftwerken. Hier haben wir eine unmittelbare Quelle für manche Eigenart Auerbachs, nicht aber in der Dialektik und den Syllogismen, in den Schlüssen und den, der Empfindung vorangegangenen Gedanken des Talmuds, wie Goldbaum vermeint. Auch hinsichtlich des Spinozismus können wir eine wesentlich gestaltende Einwirkung auf Auerbach nicht anerkennen. Auerbach war ein Denker, aber kein Philosoph; er war spinozistisch angehauchter Denker, aber durchaus nicht vom Spinozismus durchdrungen. Er hat von ihm Fertiges angenommen, aber nicht in sein Wesen eingelassen. Das wäre auch der Tod des Dichters gewesen, namentlich des volksthümlichen und das Volksthum reproduzirenden Dichters. Doch hierauf wollen wir nicht näher eingehen, wie auch auf andere kleine Mängel, die uns in dem „Gedenkblatt" aufgestoßen, wie z. B. daß immer Jeremias Gotthelf als Vorgänger für die „Dorfgeschichten" angeführt wird, während doch Pestalozzi mit seinem „Lienhard und Gertrud." 1781 der eigentliche Urheber derselben gewesen. — Deutschland. Berlin, 21. Febr. In den beiden Synagogen der jüdischen Gemeinde fanden Sonnabend, den 18. Februar, Vormittags Gedenkfeier für Berthold Auerbach statt. Die Synagoge in der Oranienburgerstraße erstrahlte im festlichen Lichterglanz. Das Allerheiligste trug die weißen Vorhänge, das Zeichen der Todtenfeier. Eine zahlreiche Zuhörerschaft füllte die weiten Räume. Die Gedenkrede hatte Rabbinats- Assessor Di'. Maybaum übernommen. — Auch die Synagoge in der Heidereutergasse war festlich erleuchtet und von Andächtigen überfüllt. Die Gedächtnißrede hielt hier Rabbinats- Assessor Dr. Ungerleider. — Die unter dem Protektorat des Kronprinzen und der Kronprinzessin stehenden Baruch - Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten werden im Laufe dieses Jahres das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens begehen. Diese segensreich wirkenden Anstalten erziehen jetzt 74 Waisen und wird diese Zahl nach Vollendung eines großen Neubaues noch durch Mehraufnahme von 16 Waisen einen erheblichen Zuwachs erhalten. Es werden schon jetzt mehrfache Vorbereitungen zur würdigen Feier des Jubiläums getroffen. — In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 20. Februar, in welcher über den sogenannten Dispositionsfonds verhandelt wurde, nahm Stöcker das Wort und hielt eine heftige Rede gegen die Fortschrittspartei, hütete sich aber wohl, den Antisemitismus auch nur zu berühren. Er hatte unter Anderm auch auf einige ausländische Blätter und deren Urtheile über die Fortschrittspartei hingewiesen. In seiner Erwiderung bemerkte Abg. Richter: Was die Beziehungen auf das Ausland betrifft — wollen Sie wirklich ausländische Blätter maßgebend sein lassen? Diese haben so wenig Verständniß für unsere inneren Verhältnisse verrathen, daß man gut thut, sich in dieser Beziehung nicht auf ausländische Beziehungen zu berufen. Wollen Sie das aber, dann lesen Sie doch, was die österreichische und englische Presse -über den Erlaß vom 4. Januar sagt. Ferner lese man doch, wie man im Auslande über die Judenhetze urtheilt. (Hört, hört! links.) Hüten Sie sich, irgendwie Oel in dieses Feuer zu gießen, hüten Sie sich, diese Flammen zu schüren, eine Bewegung, die die niedrigsten Leidenschaften wachrust, die allen guten Menschen zum Aergerniß und allen schlechten und bösen zur Freude gereicht. Und wenn diese Bewegung aushören sollte und dann auch vielleicht Herr Stöcker als politischer Mann wieder ebenso bedeutungsvoll werden wird, wie er vordem gewesen ist — die Sittlichkeit und die Religiösität in unserem Volke, die wird wahrlich dadurch keinen Schaden erleiden. (Beifall links.)

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