Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1882)
- Date
- 1882-03-07
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
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155 Urtheile über die Angeklagten zu fällen. Mit welcher fieberhaften Thätigkeit dieses geschah, bezeigt schon der Umstand, daß, nach dem „R. I.", an einem Tage 160 Personen abgeurtheilt wurden. Der größte Theil derselben sind beim Krawall auf „Nalewky" ergriffen worden. In dieser Straße fand, wie bekannt, eine Schlägerei, in optima forma, statt, zwischen den angreifenden „Barfüßlern" und den energisch sich verteidigenden Juden, und dauerte diese Prügelei so lange, bis eine hinzugekommene Soldaten-Patrouitle, sowohl! die Angreifer als auch die Vertheidiger in Hast nahm. Die! erste Gruppe der Angeklagten bestand aus 8 Personen, 5 Christen und 3 Juden. (Warschawjak, Pomper und ( Tennenbaum). | Nach Vernehmen der Zeugen und der von Seiten der! Polizei erfolgten Anklage, wurden die qu. 8 Christen ver>! urtheilt: zu zehntägiger Hast 1; zu viertägiger Haft 5; zur Strafe von 6 Rubel 1 und zur Strafe von 1 Rubel 1, j während dem Inden Warschawjak eine Haft von 2 und den ' JüdeN Tennenbaum und Pomper eine solche von 4 Tagen züerkannt wurde. Gegen das wider Tennenbaum gefällte Urtheil legte der polizeiliche Ankläger Verwahrung ein, wobei als Motiv angegeben wurde, daß Tennenbaum, als ein Mann, der einen Bildungsgrad besitzt, eine größere Strafe für Theilnahme an einer Prügelei verdient. Von den 6 Rnhestöretn in der Vorstadt Praga wurde einer, (Rizeivsky) bei frischer Thoit ertappt, wie er Bettzeug' entzweiriß und die Dünnen deck Winde Preis gab — und daher zu 6 tägigem Arrest verurth'eill, während die. übrigen 5 je 1 Rubel Pön zahlen wußten. Zwanzig Individuen, die angeklagt waren, in der Gartenstraße „gewirthschaftet" zu Haben, würden ein Jeder zu 1 Rubel Pön bestraft. Hierzu muß bemerkt werden, daß sämmtlich diese Leute vom Kopf bis zu d'eü Füßen mit Daunen und Federn bedeckt waren und daß deren Betheiligung an den Unruhen von einigen Offizieren und vom Obrist Wlassowsky constatirt -wurde. Der größte Theil der Angeklagten sind Diener und Arbeiter. Als Zeugen erscheinen gewöhnlich Glieder der Polizei, die aber zuck größten Theil die Schuldigen nicht zu erkennen und überhaupt den Gang der Ereignisse an den denkwürdigen Decewber - Tagen sich nicht zu erinnern vermögen. Unter dem' im Gerichtslocale anwesenden Publikum kann man häufig jüdischen Phyfigonomien begegnen, über welche die Zeugen sich zuweilen lustig machen. Der.unter Prävensiveensur erscheinende „R. I.", dem wir diese Notizen entnehmen, weiß ferner über den Gang dieser gerichtlichen Verhandlungen Folgendes zu erzählen. „Die Ordnung der Untersuchung ist der Art: der Richter fragt den Angeklagten: „Sie befanden sich unter dem rühestörenden Pöbel?" „Min, Herr Richter." „Und an der Plünderung haben Sie keiüen Antheil genommen?" „Gott bewahre, Herr Richter." „Sie sind frei!" „Auf diese Weise ging es eine ganze Woche hindurch." So der „R. I." Selbstverständlich überlassen wir dem genannten Blatte die Verantwortlichkeit für diese Mittheilung, die wir, der Seltsamkeit wegen, zu reprodueiren uns nicht zu enthalten vermochten. Zum Schluffe wollen wir noch einigt Zahlen nach dem „Kür. Por.", der sich eben nicht durch Judenfreundlichkeit auszeichnet, hier wiedergeben. Im Ganzen wurden, außer den Freigesprochenen, bis jetzt verurtheilt: zu 1 Rubel Strafe resp. 1 Tag Arrest 80; zu 6 Rubel Strafe 3; zu 15 Rubel Strafe 1; zu 6 Tagen Arrest 1; zu 7 Tagen Arrest 1; zu 10 Tagen Arrest 2 und zu einer Haft von 1 Woche 1 Person. Auf nächsten Montag find wieder 43 Acte zur Verhandlung bestimmt. - III. Die gegenwärtigen Zustände in Warschau. Wie ich Ihnen bereits mittheilte, Hai das hiesige „Counts zur Hilfeleistung der Verunglückten" dieselben iü 4 Kategorien eiügetheilt. Gegenwärtig ist man Mn zut Ueberzeugnng gelangt, daß, um nur den Beschädigten erster Kategorie einigermaßen äufzuhelfen, man wenigstens 150,000 bis 200,000 Rubel verwenden muß. - Die qu. ComMssiori theilte ferner mit, daß der größte Theil der BerüUgÄckteÜ, nämlich die Handwerker M die Kleinhändler, ihr gaNzes Inventar eingebüßt haben. Zn diesen Unglücklichen ist noch eine bedeutende Anzahl Juden hinzuzufügen, die in' den entferntesten Vorstädten und in verschiedenen Ortschaften des Warschaufchen Kreises sehr stark gelitten haben. Einstimmig wurde ferner der Antrag des Präses der hiesigen Ebräerg'emeiude, des Herrn Df. Nathäusöhn angenommen, nach welchem den Armen die Hilfe in natura zu leisten wäre, d. h. ihnen die allernothwendigsteü Gerüche, Wetkzeuge, Waare rc. zu kaufen und ersteren womöglich Arbeit und Lebensmittel so lange zu verschaffen, bis sie auf eignen Füßen werden stehen können. Sehr angenehm hat hier die Nachricht berührt, daß die „jüdische Kolonie" in Petersburg 25,000 Rubel ihren Warschauschen verunglückten Glaubensgenossen gespendet hat. Im Ganzen sind bereits ca. 100,000 Rubel eingeflvssen. In diesen Tagen bekam die „Gazeta Handlowa" ein Telegramm, daß die Firma „Caune and Son“ iü London hier 1000 Pfund St. zu Gunsten der Verunglückten geschickt hat. Wir wissen Nicht, ob die Gemeinde diese Spende entg'egennehrnen j wird öder nicht, da in Folge einer unverständlichen Empfind-