Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1882)
- Date
- 1882-03-07
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227404--39703-3257300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
153 bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhause von beiden, Seiten wieder ausfrischen will. Man erinnere sich, daß totr: den gegenwärtigen Stillstand nur als einen vorläufigen , betrachteten. Noch ein Vergleichungspunkt, und zwar ein sehr; wichtiger, ergiebt sich. Der Ministerpräsident Tisza erklärte sich mit großer Energie gegen die ganze antisemitische Agitation und Bewegung; der preußische Minister des Inneren! berief sich auf die früher abgegebene Erklärung, daß die Gleichberechtigung nicht angetastet werden solle und daß tumultuarische Ausschreitungen schon von den Lokalbehörden unterdrückt würden. Daß die antisemitische Agitation mit | ihren Brandreden, mit ihrer Aufregung der Bolksmasse, mit. den zahllosen persönlichen Verfolgungen 110H ganz andere Seiten hat, als die Rede des Ministers berührte, weiß Je-■ |, dermann. j Indem wir heute diese, in der Sitzung am 25. Februars stattgefundenen Verhandlung nur kurz skizziren können, behalten wir uns vor, auf dieselbe nach den stenographischen Berichten zurückzukommen. Die ganze Debatte knüpfte an den Posten für das Polizeipräsidium in Berlin in der Etatsberathung an, was natürlich erscheinen wird, da die antisemitische Agitation doch wesentlich nur in Berlin stattfindet. Die Anregung dazu gab der Abg. Richter in der Sitzung vom 24. d. Er sprach über die strenge Ausführung des Socialistengesetzes. „Im Gegensätze dazu, sagte er, wird jetzt gerade die Judenhetze in Berlin von bekannten Hetzrednern systematisch wieder begonnen und die ganze Staatsanwaltschaft äufgeboten, im öffentlichen Interesse Prozesse aufzunehmen, wenn irgend etwas gesagt wird, was auch nur entfernt die Ehre der bekannten Hetzredner anzutasten geeignet ist." Und hierauf apostrophirte er den Abg. Stöcker selbst. Dieser nahm nun in der Sitzung vom 25. d. das Wort. Er sagt, daß er „nicht eher ruhen werde, als bis die Juden von ihrer Anmaßung frei geworden wären", daß er an den Ausschreitungen in Pommern keine Schuld trage und warnt vor der Anstellung jüdischer Lehrer an Schulen und Universitäten, da Juden keine Christen erziehen könnten. Ihm antwortet Abg. Birchow. Er meint die Excesse in der Judenbewegung seien zum größten Theil daraus entstanden, daß die königl. Regierung verhältnißmäßig lange Zeit mit einer Kaltblütigkeit die Sache angesehen habe, als ob sie dieselbe in der Thal gar nichts anginge. Er bestreitet mit Schärfe die Gedankenfolge Stöcker's, die hinter das Mittelalter zurückführe, schuldigt die Conservativen an, die Absichten Stöcker's zu theilen, die Juden aus dem Lehr- und Richterstande zu entfernen. Ferner führt er aus, daß er aus dem Munde russischer Richter — man erinnere sich, daß Birchow im vorigen Jahre eine Reise durch Rußland gemacht — vernommen habe, daß „die Ausschreitungen in Rußland nur eine fortschreitende Welle der in Deutschland hervorgerufenen Bewegung gewesen seien". Hierauf erwiedert der Minister des Inneren in langer Rede, deren wesentliche Punkte wir bereits oben angeführt haben. Der Abg. Stroßer behauptet, daß fast alle deutschen Juden zur Fortschrittspartei gehörten. Abg. Richter frägt die Conservativen, ob die Juden nach der Behandlung, die sie von ihnen erfahren, zu ihnen gehören könnten? Er charakterisirt hierauf die ganze Methode Stöcker's und wie er im Reichstage ganz isolirt gestanden. Stöcker und seine Partei griffen die Fehler Einzelner heraus, um eine ganze Bürgerklasse zu schädigen und zu beschimpfen. Was würde man sagen, wenn man, da es bekanntlich auch unter den Adligen Wucherer giebt, gegen den ganzen Adel, da es unter den Geistlichen Verbrecher giebt, gegen die gelammte Geistlichkeit ein Verdikt schleudern wollte. Er giebt eine Reihe von Cityten aus dem Erlaß des Prinzregenten aus dem Jahre 1858, aus den Organen Stöcker's, aus den Telegrammen des Fürsten Bismarck und schließt mit einer Resolution der Wahlmänner von 4 Berliner Landtagswahlkreisen, die den Antisemitismus auf's Schärfste verurtheilt. Mit einigen Worten des Ministers des Inneren und unbedeutenden Reden des bekannten Abg. Cremer und Anderer wird die Debatte geschlossen. (Näheres in nächster Nummer.) Russische Srieft. I. Warschau nach dem Krawall. I. Die officiellen Verlust-Listen. Das „ComitS zur Hilfeleistung der Verunglückten", über welches ich Ihnen s. Z. bereits referirte (cf. „Allg. Ztg." Nr. 6.) hatte eine Subcommission constituirt, deren Obliegenheit es war, den erlittenen Schaden und die Anzahl der Beschädigten zu ermitteln. Diese Commission hat nun ihre Arbeiten beendigt und die Resultate ihrer Untersuchungen veröffentlicht. Ihr Referent glaubt nun um so weniger, Ihnen einen Auszug aus diesem Berichte vorenthalten zu dürfen, als dieser in mehr als in einer Beziehung manches Interessante enthält. Im Ganzen litten, nach dieser authentischen Quelle, durch den Krawall, *2011 Familien, oder circa 10,000 Personen. Nach Angabe der Beschädigten erreichte der von ihnen erlittene Schaden die Summe von 1,119,141 Rubel, welche Summe aber das Comitc auf ein Minimum von 767,339 Rubel reducirt. Die 2011 verunglückten Familien sind nun, nach Maßgabe ihrer gegenwärtigen traurigen Lage, vom Comits in vier Kategorien getheilt worden und zwar gehören zur ersten Kategorie solche Personen, die ihre ganze Habe, inclusive Möbel, Kleidungsstücke rc. verloren haben - und daher der größten Hilfeleistung bedürfen; zur zweiten Kategorie gehören Arbeiter und Handwerker, die ihrer Instrumente verlustig