Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1882)
- Date
- 1882-02-28
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
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- 137 Gefühle und Empfindungen in diesem Kreise sein, soll dem was uns bewegt und erregt, Wort und Ausdruck leihen? Darf ich es denn wagen, an der Bahre eines gottbegnadeten Dichters, eines Mannes, dessen Denkerstirn der Genius geküßt, das Wort zu erheben? Doch, wenn Verehrung, warme, tiefe und innige Verehrung Recht und Anspruch hierauf verleihen, dann ist mir dies Recht gesichert gegen jegliche Ein- und Widerspräche. Wovon soll ich nun aber in dieser Stunde reden , das des großen Todten würdig wäre? Soll ich dem Schmerze, dem tiefen, gewaltigen Schmerze Worte leihen, der uns beim Anblicke dieses schlichten Sarges erfaßt? Schon sahen wir vor Monden voll Angst und Sorge den Engel des Todes seine schwarzen Fittige drohend schwingen über den, der nun entseelet vor uns liegt. Aber der, der dem Todesengel gebietet, rief ihm zu: Laß ab von ihm. Wir athmeten von Neuem auf, schöpften neuen Muth, frische Hoffnung, als wir ihn dort an der Riviera lieblichen Ufern, in jenen paradiesischen Gefilden verjüngte Kraft gewinnen sahen. Da, mit einem Male, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, an der Schwelle seines siebenten Jahrzehnts — schon rüstete sich die große Schaar der Freunde zu einer würdigen Begehung des festlichen Tages — rafft der grausame, unerbittliche Tod den Theuren hinweg, raubt ihn den durch des Blutes wie des Geistes Bande ihm so eng Verknüpften und an die Stelle des gehofften Festjubels tritt Trauer und Wehmuth. Wie ist doch der Held, der Held des Geistes, so schnell, so unerwartet, überraschend schnell dahingesunken! (Nach . 2. Sam. 1,25.) Aber ist es denn nur die Klage, der wir an dieser Stätte des Todes Ausdruck geben dürfen? Wohl haben wir Vieles, unsagbar Vieles in dem theuern Entschlafenen verloren, aber ist es denn nicht auch ein erhebender, tröstlicher Gedanke, daß wir Vieles unsagbar Vieles -in ihm besitzen, unser Eigen nennen durften? Mit berechtigtem Stolze schaut unser Schwaben, schaut ganz Deutschland aus ihn, als seiner treuesten, größten Söhne Einen. Wie hat er doch die Seele des Volkes in ihren geheimsten, zartesten Regungen, in ihren heiligsten Empfindungen, in ihrem Denken und Fühlen liebevoll belauscht und was er vernommen, in meisterhafter Form zur Darstellung gebracht! Wer aus der großen Gemeinde der Gebildeten hat nicht schon aus den Geisteserzeugnissen des Entschlafenen, wie aus einem erfrischenden Quell Labung und Erquickung geschöpft, Erhebung des Geistes und Läuterung des Gemüths, Weihe und Heiligunggewonnen. Und wer nun gar das Glück hatte, ihm persönlich näher zu treten, Wer ihm in das seelenvolle Auge hat schauen, sein anmuthend Wort vernehmen dürfen, der kennt den wunderbaren Zauber, der von ihm ausströmte und ihm Freunde und Verehrer warb in großer Zahl. Durch die überwältigende Macht seiner Persönlichkeit, durch die wunderbar^ Kraft seines Wortes wirkte er hinreißend und begeisternd auf seine Zeitgenossen. Er, der einst dem Berufe eines geistlichen Lehrers sich l)at widmen wollen, hat trotz der Umgestaltung seines Lebensplanes, sich eine Kanzel errichtet, weit ausschauend, hoch erhaben, von der herab er zu Tausenden und aber Tausenden seines Volkes geredet, sie erwärmend und begeisternd für die höchsten und heiligsten Güter der Menschheit, für Wahrheit und Recht, für Humanität und Sittlichkeit, für Liebe und Treue, für die Liebe zur Menschheit, für die Treue gegen das Vaterland. Ja, für die Treue gegen das Vaterland, das er liebte so warm, so innig, so tief, an dem er hing mit allen Fasern seines liebewarmen Gemüths. Mitten in einer Zeit, in der allein schon der Gedanke an Deutschlands Einheit als ein großes, schweres, strafwürdiges Vergehen erschien, da wirkte, strebte und — litt er für die Verwirklichung dieses heiligen Gedankens. Und als der Gedanke, dem er die Kraft seiner Jugend geweiht, zur beglückenden Wirklichkeit geworden, als ein schönes Stück unserer deutschen Erde, das in den Zeiten der Ohnmacht und der Schwäche uns entrissen war, nach jahrhundertelanger Getrenntheit „wieder unser" ward, o da ward seine Brust von Begeisterung geschwellt, da entlockte er seiner volltönenden Leier manch herrlich Lied, da wirkte er mit der ganzen Kraft seines Geistes und der Fülle seines reichen Gemüthes für die Versöhnung von Nord und Süd, für die Hinwegräumung jener Scheidewände, die die Verschiedenheit der Lebensanschauungen, der Gewohnheit und Sitte zwischen Leiden aufgerichtet hatte. Er, "der große und edle Sohn seines, unseres uralten Stammes und Glaubens, stellte in seiner Person den energischsten Protest gegen alle jene verleumderischen Vorwürfe und Anklagen dar, die Borurtheil und Wahn gegen uns, gegen Ansere Zugehörigkeit zum deutschen Volke erhoben haben. Wie eine brennende Schmach empfand es der Verblichene in seinem rein deutschen Herzen, als die Flammen des Hasses und der Verfolgung wie aus einem unterirdischen, längst für erloschengehaltenen Krater von Neuem gegen uns emporschlugen. Tief, tief empfand er die Kränkung, die dadurch seinem geliebten deutschen Vaterlande von dessen eignen Söhnen vor den Augen der ganzen gebildeten Welt ist zugefügt worden. Und wie einst Moses, der am Königshofe Erzogene und Heimische, dort im Lande der Pharaonen es nicht verschmähte, seiner bedrückten Brüder liebevoll sich anzunehmen, so trat auch er, der an den Fürstenhöfen Geschätzte, hinaus zu seinen geschmähten Brüdern, sich an ihre Seite stellend, um sein zündend Wort in ihren Dienst zu stellen. Ja, er war ein treuer Sohn Juda's, der allenthalben mannhaft und kraftvoll -