Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1882)
- Date
- 1882-02-28
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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und Mord wehrlos er Staatsangehörigen zu beseitigen. Dies ist es, was wir von den englischen und nordamerikayischen Kundgebungen erhoffen. Nicht daß sie diplomatische Schritte bewirken, welche doch nur diplomatische Verwickelungen zur Folge hätten, nicht daß sie irgend einen Druck auf irgend eine Regierung auszuüben vermöchten — wohl aber daß sie die öffentliche Meinung: und die allgemeine Stimmung von den Dunstnebeln reinigen, mit denen man sie umgeben und durchsetzt hat, daß sie das Sonnenlicht des Rechts und der Humanität wieder über alle Theile der civilisirten Welt verbreiten. Und wahrlich, dies ist des Verdienstes und der Wirkung genug. Es giebt keine äußere Macht, welche dem jüdischen Stamme die ruhige bürgerliche Stellung in der Gesellschaft sichern kann. Dies vermag nur die Anerkennung dessen, was die Menschen einander, was die Staaten ihren Angehörigen schuldig sind, sobald diese den Gesetzen des Staates und der Sittlichkeit gehorchen und ihre Pflicht gegen den Staat und die Gesellschaft beobachten. So hoffen wir, daß die Vorgänge in England, wenn sie auch in anderen Ländern keine faktische Nachahmung, keinen förmlichen Anschluß finden, weil eben die Verhältnisse anders liegen, der antisemitischen Agitation die Geister und Gemüther dauernd abwenden und sie, die nur als ein zeitweises Krankheitssymptom anzusehen wäre, einer gründlichen Heilung unterziehen. Londoner Sriefe. V. London, 14. Februar. Der Verlauf, den die russische Judenfrage in beiden Häusern des Parlaments genommen hat, ist für jeden richtig urtheilenden kein unerwarteter. Vom gegenwärtig noch immer herrschenden Standpunkte des Rechts des Stärkeren, vom Standpunkte des Eigenthumsrechtes, und russische Unterthanen sind das Eigenthum des russischen Herrschers, des Privatvortheils, der nicht allein im Leben des Einzelnen, sondern auch im politischen Leben fast der einzig maßgebende Factor ist, wozu noch der Umstand hinzutritt, daß unsere sämmtlichen civilisirten Regierungen kein ganz reines Gewissen haben, welches sie verhindert, einen „gewagten und entschiedenen Schritt" zu thun, von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet, und gegenwärtige Fragen müssen von gegenwärtig herrschenden Gesichtspunkten aus betrachtet werden, war die Frage von vornherein entschieden. Mit einem Male wird ein Zeitalter nur in außerordentlichen Perioden umgestaltet, sonst bricht sich eine Reform nur langsam ihre Bahn, und den russischen Juden wäre wenig damit gedient, wolle man ihre Menschenrechte von Außen erzwingen. Die Worte des „Golos" bei Besprechung der Gladstone'schen Beantwortung der Interpellation des Serjeant Simon M. P., daß des Ministers Antwort der liberalen Presse Rußlands die Möglichkeit gelassen hat, für das Wohl aller Russen, ohne Ausnahme : des Glaubens, einzntreten, verbirgt denen, die der Ueberzeugung sind, daß ein Volk, dessen Naturkraft noch nicht zer- : fressen ist, nur vorübergehend sich seiner Rechte entäußert, daß die Zeit nicht fern ist, wo die Befreiung der russischen Juden von Innen kommen wird. Daß Baron H. de Worms auf die Interpellation verzichtet hat zu Gunsten liberaler Mitglieder des Hauses, kann jeder nur billigen. Jedoch beabsichtigt derselbe, im Verein mit Mr. John.Slagg M. P., eine Resolution einzubringen, daß dies Haus (Houss of Commons) tief betrauere die Verfolgungen und Angriffe, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind, und die weitaus im englischen Volke ein Gefühl von Abscheu und Indignation hervorgerüfen haben, erwartend, daß Ihrer Majestät Regierung die Mittel finden möge, entweder selbst oder.in Verbindung mit anderen Regierungen, ihre guten Verbindungen (good Offices) mit der Regierung des Czaren verwenden werden, die Wiederkehr solcher Ausschreitungen zu verhindern. Am 1. d. M., gerade am Tage des Meetings im Mansionhouse, brachte die „Daily News“ einen Brief aus Odessa, in welchem die Timesartikel bezüglich der Judenverfolgungen in Rußland der. Jncorrectheit und Uebertreibung geziehen wurden, Dr. Asher, als Ehrensecretair des Russo-Jewish. Comittee veröffentlicht in der Samstag-Nummer der Times einen ausführlichen Brief, worin er die Richtigkeit der Angaben des Timescorrespondenten bestätigt. Nach dem Muster der Metropole hielten auch die größeren Provinzialstädte Jndignationsmeetings ab, die gegen die Ausschreitungen in Rußland protestirten. Das in Birmingham am 6. d. M. abgehaltene Meeting ist . besonders bemerkenswert!) durch die beiden Briefe der radicalen Minister der englischen Regierung. I. Bright schreibt: „ich Hoffe, daß die russische und deutsche Regierungen alles was gethan werden kann, thun werden, um der. Grausamkeit ein Ende zu machen, zu welcher die Juden unlängst verurtheilt waren". Mr. Chamberlain schreibt: „Ich habe mit Schmerz und Indignation die Berichte über die schrecklichen Verfolgungen der Juden gelesen, hier ist unglücklicher Weise kein Zweifel, daß viele schändliche Mißhandlungen gegen ein hilfloses Volk verübt worden sind, die zu verhindern die localen Behörden entweder unfähig oder unwillfahrig waren. Ich weiß nicht, welche Resolutionen auf dem Meeting eingebracht werden, aber die öffentliche Meinung hat sich als eine solche Weltmacht erwiesen, daß Sie berechtigt sind, viel zu hoffen von dem Drucke, den Sie im gegenwärtigen Augenblicke ausüben. So handelnd können sie auf. die Spmpathien und Unterstützung aller Freiheitsliebenden ohne Unterschied des Glaubens oder der Parteistellung, rechnen."