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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-28 · Heft 9 (28.2.1882) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 9 (28.2.1882)
Date
1882-02-28
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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-des Antisemitismus bemächtigten, um durch das vorausgesetzte Borurtheil im Volke gegen die Juden für ihre Partei Propaganda zu machen und dem Liberalismus Abbruch zu thun. Von dieser Engherzigkeit sind die Engländer frei, und wo es sich um Fragen'der Humanität und der menschlichen Gesittung handelt, begegnen sich Torys und Whigs in denselben Ansichten und Gefühlen. Was bedeuten also in Wirklichkeit die Vorgänge in England und Nordamerika? Man braucht sich nur ein Bild dessen zurückzurufen, was die Jahre 1880 .und 1881 uns gebracht. Seit vielen Jahren durch die reaktionäre und ultramontane Presse vorbereitet, erstand in Deutschland, namentlich in Berlin, der Antisemitismus und wurde, durch reichliche Geldmittel unterstützt, actuell. Ein gewaltiger Lärm wurde durch eine unübersehbare Menge von Broschüren und Zeitungsartikeln erhoben, in' täglichen Volksversammlungen donnerte man gegen die Juden, und auf maßlose Angriffe ließ man den schmachvollsten Spott, die niedrigste Verhöhnung folgen,-richtete sogar Schlägereien an, um die Massen auf die Juden loszuhetzen; man profanirte Nationalität und Religion, Deutschthum und . Christenthum, indem man sie als Hebel gegen die Juden ansetzte. Das Geschrei wurde immer lauter und umnebelte die öffentliche Meinung. In allen Schichten des Volkes wurde man antijüdisch gestimmt. Die liberale Partei und ihre Organe verstummten, theils weil sie sich selbst des angestammten Vorurtheils nicht ganz entschlagen konnten, theils weil sie für ihre Existenz bangten. Sofort versuchten die antisemitischen Agitatoren Propaganda auswärts zu machen, und dadurch eine dauerhafte Herrschaft zu erlangen. Man knüpfte Verbindungen in Prag, Wien und Ungarn an; man verpflanzte sein Bestreben nach Rußland, wo man durchdie sg. gebildete Klasse das Volk aufzustacheln suchte. Die ultramontane Presse plante die Bewegung und Stimmung durch ihre Bundesgenossen selbst an die Seine und den Mississippi zu verpflanzen. So stand es in der Mitte des vorigen Jahres, wo die Berliner Agitatoren ihre Anhänger ^aus den „Sommerferien" beriefen, um die tumultuarischen Scenen in immer größern Maßen fortzusetzen, noch dazu, da die Hülfsquellen noch reichlicher flössen als zuvor. Wagte es doch der Antisemitismus selbst im preußischen Abgeordnetenhause seine Stimme laut zu erheben und durch den Mund reactionairer und ultramontaner Redner die Juden Izu verunglimpfen und mit den ungerechtfertigtsten Beschuldigungen zu überhäufen. Sprach man doch schon in sranzösischen Zeitschriften und Büchern von einer „Judenfrage", als cch eine solche im modernen Staate überhaupt möglich sei, nachdem die Juden in das allgemeine Culturleben eingetreten sind und in allen Zweigen des gesellschaftlichen Lebens Mitarbeiter gestellt haben. Ja, es war ein schwerer Moment. Es schien, als ob wirklich eine Meinungsfluth gegen die Juden hereingebrochen, über ganz Europa sich ergießen wolle und zu einer wahren Sturmfluth anschwellen werde. Es schien sich jenes vierte Jahrhundert. erneuern zu wollen, in welchem die christlichen Kaiser von Rom und Byzanz die Juden ihres römischen Bürgerrechts beraubten und die drückende Ausnahmestellung vorbereiteten, in welche sie nach und nach hineingebannt wurden. Bald schien sogar noch mehr, schien das eilfte Jahrhundert wiederzukommen, wo. die Kreuzzügler mit Schwert und Brand sich auf die friedlichen und wehrlosen Juden stürzten. Denn in Pommern und Preußen begannen alsbald solche Scenen zu spielen, und dann trafen aus Südrußland jene schreckenerregenden Berichte ein, welche die Obherrschaft des Barbarismus bekundeten. Allerdings mußten solche Ereignisse einen gewissen Wendepunkt abgeben. In Deutschland wenigstens, in Preußen konnte man dergleichen Vorgänge nicht dulden. Die Regierung mußte eintreten, die Gerichte mußten ihre Schuldigkeit thun. Solche Vorgänge mußten dem öffentlichen Gewissen doch etwas zu viel sein. Die Uebertreibungen der Agitatoren, der Unsinn ihrer Petitionen und endlich der Wahlkampf zum deutschen Reichstag, in welchem die Liberalen sich ermannen mußten, um den von den Conservativen geschützten und verwendeten Antisemitismus zu bekämpfen, thaten das Ihre. Es trat ein Stillstand ein. Die Hochfluth begann sich zu verlaufen. Doch täuschen wir uns nicht. Jede Bewölkung bringt ihre Niederschläge mit sich. Die allgemeine Stimmung, ist noch nicht umgewandelt, ist noch nicht zu jener friedsamen, rationellen und humanen Verfassung zurückgekehrt, in welcher sie sich vor jenen Wühlereien befand; sie ist in ihrer Tiefe noch ungewiß und schwankend, nach welcher Seite sie sich neigen solle. Und dies ist es, was den Vorgängen in England und Nordamerika die rechte Bedeutung giebt. Der energische Protest, den in der seltensten Uebereinstimmung die Häupter Und Glieder aller politischen und religiösen Parteien und die große Masse aller Klassen für die Grundsätze des Rechtes und der Menschlichkeit, für die Achtung, die dem alten und seiner geschichtlichen Ausgabe treuen jüdischen Geschlechts gebührt, für das allgemeine Walten der Civilisation und Humanität erhoben haben und daß sie dies ohne alle Feindseligkeit, von den reinsten Triebfedern geleitet, vollbrachten, muß eine Gegenströmung Hervorrufen von imposanter und nachhaltiger Wirkung. Die Verwirrung der Begriffe, in welche jene antisemitische Agitation die Geister gebracht, muß sich vor der einfachen Stimme der Vernunft und des Gewissens auflösen. Es muß geradezu als lächerlich erkannt werden, von Gefahren zu sprechen, welche eine so' kleine Minorität den gewaltigen Völkern hinsichtlich ihrer Nationalität, ihrer Religion, ihres sozialen und materiellen Lebens bereiten solle, und als abentheuerlich erscheinen, aüfgerüfen zu werden, diese Gefahren durch einen Kampf auf Tod und Leben, endlich als niederträchtig, die durch Plünderung

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