Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1882)
- Date
- 1882-02-21
- Page
- Seite 127 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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127 vorgeht und keinerlei auswärtige Einmischung oder Rath in was immer für einer Form duldet. Unsere Regierung würde eine so schwere Verletzung der internationalen Beziehungen um so weniger gestatten können, als sie sich selbst strengstens der Einmischung in die Angelegenheiten anderer Völker enthält. Wenn eine solche von einer andern Macht als England beschlossen wäre, so würde das große Mißvergnügen unter den Massen erregen und für die Juden eine sehr ungünstige Wirkung haben. Da die antisemitische Bewegung von unwissenden und leichtgläubigen Personen ausgeht, so könnte das grundlose Gerücht auswärtiger Einmischungen sie nur verstärken. , Es folgt dann eine ziffermäßige Aufzählung derjenigen Personen, welche wegen Theilnahme an der antisemitischen Bewegung in den verschiedenen Gegenden Rußlands verhaftet, verhört, ausgewiesen oder verwarnt sind. Diese Angaben sollen zeigen, daß die russische Regierung kräftige Gegenmaßregeln ergriffen habe, Maßregeln, welche nach ihrer Angabe nur dann Erfolg haben könnten, wenn eine Verschlimmerung der Frage durch auswärtigen Einfluß vermieden werde. Petersburg, 6. Februar. Im Januar ist eine Nummer der „Tscherny-Peredjel" des Organs der nihilistischen Propaganda erschienen und diese beschäftigt sich eingehend mit der hochwichtigen Frage, der Stellung nämlich , welche die revolutionäre Propaganda den Judenverfolgungen gegenüber eingenommen, respective in wie fern sie dieselben in's Leben gerufen hat. Das Blatt stellt den Antheil der Sozial-Revolutionäre an den Judenverfolgungen in Abrede und erklärt, daß dieselben die Frucht des Hasses der christlichen Kaufleüte gegen ihre jüdischen Kollegen gewesen seien. Die Kaufleute hätten es verstanden, das Volk gegen die Juden, die seit Jahrhunderten unbelästigt unter ihm leben, aufzuhetzen und zu den Excesfen zu verleiten. Die Propaganda sei überhaupt gegen jedwelche Gewaltmaßregeln, ihre Aufgabe sei blos, das Volk von der Nothwendigkeit einer friedlichen Umwälzung auf allen Gebieten des sozialen Lebens zu überzeugen. Petersburg, 9. Februar. Das „Berl. Tgbl." enthält folgenden Artikel. Wie uns einer unserer Korrespondenten schreibt, versandte dieser Tage die in Petersburg erscheinende jüdische Zeitung „Raziewit" („Morgenröthe") folgendes Extrablatt, welches, wie ausdrücklich vermerkt zu werden verdient, die russische Censur passirte. Es heißt darin: „Am Sonnabend, den 16./28. Januar, er., empfing Graf Jgnatieff den Doktor Orschanski wegen der jüdischen Frage (Auswanderungsfrage). Der Graf wandte sich an Dr. O. mit folgenden Worten: „Ich Habe bereits vor einigen Monaten, als Sie sich zusammen mit anderen Juden (ist die jüdische Deputation gemeint, welche nach den Juden-Excessen in Süd-Rußland beim Grafen Jgnatieff und dem Kaiser vorsprachen. Anm. d. Korr.) mir vorgestellt haben, gesagt,! daß die westliche Grenze für die Juden offen sei. . Schon! von jener Zeit ab benutzten die Juden in umfassender Weise dieses Recht (!!), und ihre Auswanderung wurde durch Nichts gehindert. Nur diejenigen waren verhindert auszuwandern, welche irgendwelche alte arbeitsunfähige Leute hinterlasseu hätten, die dem Staate zur ,Last fielen, oder welche Regier rungspflichten (d. h. Militärdienst. Anm. d. C.) nicht erfüllt hatten. Was die durch Sie angeregte Frage der Uebersiedelung der Juden in das Innere des russischen Reiches anbetrifft, so wird die Regierung jedenfalls Alles, was die jüdischen Verhältnisse noch mehr verwickeln könnte, vermeiden. In Folge dessen habe ich — unter der Bedingung, daß der unantastbare Grenzstrich, innerhalb dessen Juden wohnen dürfen, nicht überschritten werde, — das jüdische Comite ersucht, diejenigen Orte auszuwählen, welche wenig bewohnt und kolonisationsbedürftig (Sibirien) sind, damit die jüdischen Elemente nach dorthin ihrem Wunsche und ihrer Bequemlichkeit gemäß verpflanzt werden können, aber ohne Schaden für die ansässige Stammbevölkerung. Dr. Orschanski drückte seine Hoffnung aus, die russische Regierung werde einsehen, daß die massenhafte Auswanderung der Juden in's Ausland das Resultat und die Folge ihrer elenden Lage sei und daß keine politischen Borwände dabei mitspielen. Die jüdischen Intelligenzen scheuten keine Anstrengungen, um ihre Genossen der Stammbevölkerung näher zu bringen. Aber, um dem antisemitischen Aufruhr am schnellsten ein Ende zu machen, müsse die russische Regierung den jüdischen Intelligenzen gestatten, sich an die Spitze der Auswanderung sowohl in's Ausland wie nach dem Innern des russischen Reiches zu stellen. Dadurch würde dein Proletariat Hilfe geleistet werden, die Auswanderung regulär vor sich gehen, und die russische Regierung eine Möglichkeit gewinnen, fremdartige Elemente zu beseitigen." Graf Jgnatieff antwortete darauf: die von der Regierung für die Bildung eines derartigen Comitss öder einer Gesellschaft festgestellten erforderlichen Bedingungen seien für die Juden ebenso wie für alle anderen russischen Ünterthanen die gleichen. Bei einer Auswanderung aus Rußland sollten die Juden jedoch nicht vergessen, daß ihre Wiederkehr nach Rußland nicht gestattet sein würde. „Wir hören — fügt „Raziewik" hinzu —, daß in den nächsten Tagen dem Grafen Jgnatieff das Project, betreffend das Auswanderungs-Comite, vorgelegt werden wird." Petersburg, 11. Februar. Der „Regierungsbote" ..und das „Journal de St. Petersburg" veröffentlichen folgendes Communiquo: Das Gerücht, daß eine englische Jntereession zu Gunsten der russischen Juden in Vorbereitung sei, ist so wenig mit den guten Beziehungen des Cabinets verträglich, daß es eigentlich kein Dementi verdient. Da aber diese Gerüchte einen neuen Beleg für die Spannung der Beziehungen - 8* '