Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1882)
- Date
- 1882-02-21
- Page
- Seite 121 (sequence 5)
- Language
- German
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gegenwärtig noch, nach welcher Weltgegend der Strom dieser Auswanderer zu lenken sei. Man denkt hierbei an die Türkei, an Syrien, an Palästina. Es laufen dabei dogmatische Ansichten mitunter. Wir können uns nur dagegen erklären. Diejenigen Individuen, welche sich durch religiöse Pietät bewogen fühlen,Irach Ferusalen zu wandern, mögen dies thun. Aber die Masse derer, welche eine sichere Stätte und gewerbliche Thätigkeit aufsuchen, dürfte unmöglich in jenen Gegenden zu irgendeinem gedeihlichen Ziele gelangen. Die verödeten, unfruchtbar gewordenen und unsicheren Landschaften bieten keinen Raum dazu. Vor Allem ist der Zustand des türkischen Reiches wohl zu bedenken. Dem inneren Verfalle immer mehr zueilend, den Eingriffen fremder Mächte fort und fort ausgesetzt, bietet dieses Reich keine Bürgschaft der Sicherheit, und über Kurz oder Lang werden die Türken selbst gezwungen sein, in ihren asiatischen Provinzen eine Zuflucht zu suchen. Welches Loos wartet dann der wehrlosen Ansiedler! So bleibt, allerdings nur die neue Welt übrig, die Vereinigten Staaten, Canada, einige Landschaften Central- und Südamerikas, Australien) besonders Neuseeland. — Wenn unsere Glaubensgenossen in Nordamerika einige Besorgnisse über das Anwachsen des russischen Elements hegen, so glauben wir, daß die Noth des Lebens und die Macht des amerikanischen Lebens bald die russische Eigenart überwinden und schon in der folgenden Generation unkennbar machen wird. Protest-Meetings. II. Manchester, 4. Februar. Gestern hat im Rathhause von Manchester eine Versammlung stattgefunden, in welcher der Entrüstung der Bevölkerung über die Judenverfolgungen in Rußland Ausdruck gegeben wurde. Unter den Anwesenden befanden sich der Bischof von Manchester und mehrere Parlamentsmitglieder. Nach einer Rede des Bischofs der Diöcese nahm die Versammlung Beschlüsse an, welche fast gleichlautend mit den Resolutionen sind, die das im Londoner Mansion- House am Mittwoch stattgefundene Meeting gefaßt hatte. (Daß diese Meetings in den Rathhäusern, also mit Zustimmung der Magistrate, vor sich gehen, ist von Bedeutung für ihren Charakter.) Southampton, 10. Februar. Gestern fand hier eine große Versammlung zur Verdammung der Judenverfolgungen in Rußland statt. Sie bestand aus Männern aller Klassen und Stände, aus allen Parteien und Confessionen. Die bekannten Resolutionen wurden einstimmig angenommen. Londoner Briefe. V. London, 2. Februar. Wir geben an dieser Stelle einemLondoner Brief wieder, welchen die Wiener „Presse" brachte. Eiferen Lesern wird es nicht entgehen, daß in demselben vielfache Uebertreib ungen enthalten find; der Kern ist jedoch zu charakteristisch und stützt sich auf Thatsachen, so daß der Brief aus diesem Grunde bewahrt zu werden' verdient. Wenn sich übrigens unsere englischen Glaubensgenossen über die Haltung Gladstone's wirklich verwundert haben, so müssen sie^uneingedenk dessen sein, was Gladstone im Jahre 1877 gethan hat. Ergrimmt darüber, daß liberale Juden, die bis dahin seine getreuesten Anhänger gewesen, ihm im seinem Feldzuge gegen die Türkei und für Rußland. nicht folgen wollten, schrieb er die feindseligsten Artikel gegen die Juden und gegen das Judenthum. Wir verweisen auf unsere Artikel, besonders Nr. 23 des Jahrg. 1877. Der Brief lautet: „Unser mächtiger Premierminister hat soeben einen „faux pas“ begangen, welchen er wahrscheinlich bald bereuen dürfte, da er das lebhafteste Mißfallen der englischen Judenschaft erweckte. Bekanntlich bereitet sich gegenwärtig eine Bewegung im ganzen Lande vor, welche die liberale Regierung zu veranlassen den Zweck hat, höflichen, aber entschiedenen Protest gegen die in Rußland statthabenden Judenverfolgungen beim Czar zu erheben. Mr. Gladstone beging nun, als er jüngst von einem einflußreichen Mitgliede der jüdischen Cultusgemeinde ln dieser Richtung interpellirt wurde, die Unvorsichtigkeit, zu sagen, daß er „den Versuch, durch Intervention den Verfolgungen Einhalt zu thun, für ganz zwecklos halte, da sie der Brutalität und Unwissenheit eines Volkes entspringen". Diese Antwort ist ganz danach angethan, dem Premierminister auch innerhalb seiner eigenen Partei unberechenbaren Schaden zu bringen, da diese aus eben denselben Liberalen zusammengesetzt ist, welche seiner Zeit mit Eifer für die Juden-Dnaneipation eintraten, später Mr. Gladstone in seinem Kreuzzug wider die Bulgarengreuel auf das Wirksamste unterstützten; also aus Leuten, die den gesunden Kern seiner Majorität im Abgeordnetenhause bilden. Der Einfluß und die Machtstellung Gladstone's bei seiner Partei ist aber lediglich auf seine Reputation basirt. Wird er ja doch als Staatsmann selbst von seinen ergebensten Freunden nicht ernst genommen'; sie sagen: „Er sei zwar viel zu erhaben , um ein geschickter Politiker zu sein, doch er besitze zweifellos einen unantastbaren Charakter und strengen Rechtlichkeitssinn. Und wer ist wohl besser als er dazu geeignet, den Unterdrückten beizuspringen und den Tyrannen unerschrocken und furchtlos zu nahen?" Es ist sehr leicht begreiflich, daß all diese Anhänger sich von ihm wenden müssen, sobald sie sich in Gladstone's Menschenliebe getäuscht sehen, sobald sie an der Hand von