Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1882)
- Date
- 1882-02-21
- Page
- Seite 120 (sequence 4)
- Language
- German
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noch waren Handel und Verkehr den mannichfaltigsten Beschränkungen tut Innern und den Accise-Bariören von.Außen., unterworfen; n.och unterlagen alle Bürger und Unterthanen dem absoluten Regiment und der pedantischen Bureaukratie. Wohin sie also f sahen, gewahrten sie, die Juden, Schranke und Druck, schwere Belastung des Einen und Vorrecht des Anderen. So dünkte ihnen ihr Loos erträglich , das durch das Familienleben beglückt, durch das Gemeindeleben erweitert, durch die strenge Hebung der religiösen Satzungen erhöht wurde. Als daher die Auswanderung aus dem alten Europa nach der nordamerikanischen Welt begann, hatten sie keine besondere Veranlassung, an derselben mehr Antheil zu nehmen, als etwa auf ihr Theil kam, und dieser Antheil steigerte sich erst, als die Auswanderung überhaupt anwuchs. Wie nachgewiesen worden, daß auf den Schiffen des Vasco de Gama und des Christoph Columbus sich' etliche Juden befanden, so erhebt sich die jüdische Bevölkerung in der nordamerikanischen Union bereits zu mehr als 400,000 Seelen unter den 50 Millionen Einwohnern und wir haben bereits Städte, in welchen 30,000 und 10,000 und 5000 u. s. w. Juden ansässig sind. Mögen diese auch mehr oder weniger der Religion ihrer Väter zu- oder abgewandt sein, überall .haben sich Gemeinden gebildet, sind Synagogen errichtet, Schulen angelegt, wenigstens Religionsschulen, Kranken-, Waisen- und Altersversorgungs-Häuser hergestellt, Friedhöfe beschafft und sehr thätige Wohlthätigkeitsanstalten begründet worden. Der nordamerikanische Staat und die nordämerikanische Gesellschaft haben sich unter eigentümlichen Umständen ge- . bildet. Die Mehrzahl der ursprünglichen und späteren Einwanderer waren durch drückende Verhältnisse in der alten Welt zu ihrer Auswanderung bewogen, gewesen. Ihre elementare Lebensbedingung war daher die Befteiung von den geschichtlich gewordenen Fesseln, welche den Staat und die, Gesellschaft in der alten Welt einschnürten. Alle die Vorrechte und Unrechte, alle die Privilegien und Einschränkungen, welche die europäische Gesellschaft ärger als Le Notre seine Taxuswände und Rabatten, beschnitten, einengten, uniformirten, abtheilten und entstellten, kamen in Wegfall bei der Begründung der nordamerikanischen Gesellschaft. Die . Einwanderer hatten die Kulturergebnisse Europas mit sich genommen und gaben sie auch in der Wildniß und in den Urwäldern nicht auf; aber die historischen Auswüchse hielten sie von dem Fundament ihrer neuen Gesellschaft fern. Dazu kam, daß sie gegen die Bedrückungen des Mutterlandes, das ihnen sogar den Besitz des in größter Arbeit und Entbehrung urbar gemachten Bodens durch Schenkungen des Königs an feine Günstlinge streitig machte, und sie vom Verkehr mit allen Ländern außer ihm abschneiden wollte, sich erheben und inblutigem. Kampfe von ihm befreien mußten, so daß die persönliche Freiheit und die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen das" notwendigste Element ihrer Gesellschaft, das unantastbare Fundament ihres Staates ' werden mußten. So konnte denn selbst das eingewurzelte Borurtheil gegen die Juden nicht Stand halten , und Nordamerika wurde der erste Staat der Welt, welcher nach wenigen sporadischen Schwierigkeiten die völlige, prinzipielle und thatr sächliche Gleichberechtigung der Juden anerkannte und verwirklichte. — Auf diesem Boden entwickelte sich das eigenartige nordamerikanische Leben. Es bildete sich, wie nirgends anderswo, eine Zwanglosigkeit und Vielgewandtheit nach allen Richtungen aus, die jedoch nur irrthümlich als eine vorzugsweise materielle bezeichnet wird, während sie einen praktischen Idealismus in sich birgt, der sich schon in der Neigung zu fantastischer Kühnheit, zu Uebertreibung und Ueberhebung verräth, aber auch den Enthusiasmus für alles Gute, Gemeinnützige und Wohlthätige, für Alles, was eine weitgreifende Wirkung zur Verbesserung des menschlichen Lebens verspricht, schnell zu Wort und That bringt. Was uns aber am meisten hier interessirt, das ist das Berhältniß, in welchem das Nationale und Confessionelle in der amerikanischen Gesellschaft steht. Diese hat sich vom Ursprung an aus Elementen aller vorhandenen Nationalitäten und Confessioneil zusammengesetzt, und nun wirken hier sowohl die unbeschränkte persönliche Freiheit als auch das energische gemeinsame Leben. Als Product dieses Prozesses ergiebt sich, daß zwar die Eigenart jeder Nationalität und Confession auf mehrere Generationen hin unverwischt bleibt, dennoch aber ein gemeinsamer nordamerikanischer Typus sich Allen aufprägt. Das nachfolgende Geschlecht aller Einwanderer ist daher schon weit mehr. amerikanisch als der Nationalität, aus welcher die Eltern entsprangen, zugehörig. Wir sahen also, daß die europäischen Juden an der Einwanderung in Amerika keinen andern und größern Antheil hatten, als die übrige Bevölkerung. Wir wissen zwar, daß vor dem Jahre 1848 die drückenden politischen. Verhältnisse manchen Juden über's Meer gedrängt haben, wie z. B. aus Bayern, in welchem Lande unter diesem Einflüsse die Zahl der Juden sich bedeutend verminderte. Aber im Ganzen waren diese nur selten Ursache der Auswanderung. Da sollte das Jahr 1881 eine Erscheinung bringen, wie sie seit zwei Jahrhunderten nicht stattgefunden, unerwartet, ungeahnt! Es gab wieder.verfolgte, mißhandelte, aus ihrem Heimathslande getriebene oder doch verdrängte Juden! Sie müssen sich noch einmal massenhaft Nach einem'Lande der Befteiung, nach einer Niederlassung an fremden Küsten Umsehen. Wie einst der aus England vertriebene William Penn eine Zufluchtsstätte jenseits des Oceans suchte und fand, so im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die russischen Juden. Man hat vielfach erwogen, und erwägt es in England