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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-21 · Heft 8 (21.2.1882) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 8 (21.2.1882)
Date
1882-02-21
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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119 ist die civilisirte Well wirklich in den Kampf eingetreten, in einen ganz direkten Eulturkampf. Die Fahne der Humanität und des Menschenrechts 'wird aufgepflanzt, nicht im Namen einer Partei, sondern aller Parteien, im Namen der Eultur und'Civilisation, die -mit so vielen Opfern-und Anstrengungen errungen worden. Diese Fahne wird entrollt gegen alle Auss'chließungs- und Verfolgungssucht, gegen 'jeden boshaften Egoismus, gegen jene kleinliche Staatskunst, welche das Volk von den obschwebenden Schwierigkeiten ablenken will durch die Erregung seiner wilden Leidenschaften gegen ein wehrloses Häuflein. Es ist ein wirklicher Eulturkampf; denn auf der einen 'Seite stehen die Vertheidiger dessen, was die Cultur begründet, aufrecht erhält, was ihren Inhalt ausmacht, in ihren Motiven und Zielen enthalten ist — auf der -anderen der wiedererwachte Geist der Unduldsamkeit, der intellektuellen, sittlichen und socialen Beschränkung und der. rohesten Begierden, die in 'den uncivilisirten Massen, zu welchen alle Schichten der Gesellschaft ihr Contingent stellen, zur Herrschaft kommen. Es ist ein Eulturkampf und darum wird er mit Mitteln gekämpft, welche der Cultur zu eigen sind. Nicht.mit Waffen, nicht auf diplomatischem Wege, sondern mit Wort und Schrift und mit Werken der Barmherzigkeit. Man verlangt nichts als das Recht und die Humanität. Man will den Gegner besiegen, indem man vor den Augen der Welt dem.Unrecht und der Gewaltthätigkeit die Maske abreißt, und durch 'die laute Stimme der Wahrheit und des Rechtes die Gegner verstummen macht. Geben diese ihre verderblichen Entwürfe auf, so ist der Frieden da. Niemand will Rache und Vergeltung, sondern nur die Herrschaft des Rechts und der Menschlichkeit. Dennoch machen sich vor diesem großartigen Schauspiel kleinliche Stimmen verlautbar, die da fragen: Was wird es nützen? Allerdings wird es nützen, viel und auf lange nützen. Das Gewissen der civilisirten Welt ist erwacht und nichts ist stärker als das Gewissen, wo es sich nicht um Macht und materielle Interessen handelt, sondern um die höchsten Fragen der gesellschaftlichen Sittlichkert. Diese.Stimme des Gewissens wird zunächst in Deutschland wirken, die verleiteten Massen auf den rechten Weg zurückrufen und die Agitatoren verstummen machen. Ein solcher Erfolg wäre in Deutschland so gut wie ein voller Sieg, da wir einmal auf einen offenen und öffentlichen Anschluß an die Vorgänge, in England und Nordamerika nicht rechnen dürfen^). Diese Stimme des Geiz Wer die deutsche Tagespresse kennt, den wird es nicht überraschen, wenn er manche Blätter, und zwar nicht die unbedeutenderen, sich bemühen sieht, den Eindruck der englischen Meetings und Erklärungen-alsbald abzuschwächen. Für den tiefer Schauenden ist dies aber nur ein. Selbstbekenntnis der Schuld dieser Presse, das sie zu verschleiern sucht. Warum habt Ihr nicht -es Gleichen gethan? Euch lag doch die Veranlassung noch , viel näher! So lesen wir eben einen Artikel des „Hamburger Correspondenten", der beweisen will, daß die englischen „Philanthropen" doch nichts ausrichten könnten, da Wissens wird auch in Rußland nicht ungehört verhallen, und erweist ihre Wirksamkeit schon dadurch, daß die russische Tagespresse gegen die englische Einspruch erhebt. Sie wird der Feindseligkeit in Rußland ein Halt! zurufen, und man wird auch dort ihr in gewissem Maße nachgeben, uni nicht im allgemeinen Bewußtsein -aus der civilisirten Welt ausgeschlossen zu werden. Mögen daher die hochherzigen Männer, welche die Bekämpfung des culturfeindlichen Dämons unternommen haben,, nicht ermüden: sie machen sich um die Menschheit in großartigem. Style verdient! Amerika! Zur Zeit, als William Penn mit seinen Anhängern 1676, durch, die religiöse Unduldsamkeit aus seinem Vaterlande vertrieben, nach Nordamerika segelte, und Pensylvanien gründete; zur Zeit, als die nordamerikanischen Colonien (1773) sich gegen die Bedrückungen und Einschränkungen, die sie von ihrem Mutterlande erfuhren, erhoben und (1776) die dreizehn Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten waren die Juden in der alten Welt zu einer gewissen Rühe und Sicherheit gelangt. Die blutigen Verfolgungen .und die Austreibungen hatten aufgehört. Sie waren allerdings noch den drückendsten Ausnahmegesetzen und besonderen Steuern, z. B. dem Leibzoll unterworfen und hatten Spott und Hohn und jedwede gesellige Ausschließung zu ertragen. Aber Person und Eigenthum waren gesichert, und an jene Mißhandlungen waren sie durch viele Jahrhunderte gewöhnt, ja die Ertragung derselben war sogar mit einem gewissen Nimbus umgeben, denn es war eben das Golus zu bestehen, das göttliche Geschick, das über Israel zu dessen Läuterung und dereinstigen Erhöhung verhängt worden. So wußte der lebendige jüdische Geist auch dem Schlimmsten eine höhere Seite, ein höheres Bewußtsein abzugewinnen —- und dies -war die Bürgschaft, auch in der Knechtschaft geistig nicht unterzugehen und sich dem Staube nicht zu vermählen, in den man es treten wollte. Uebrigens hatten sie ja der Leidensgenossen genug. Noch seufzten die zahllosen Leibeigenen nicht blos unter, den Frohnden, sondern auch unter dem Stock der Herren; noch waren zahllose Gesellen bestimmt, zeitlebens die Handlanger der Zunftmeister zu bleiben, in deren abgezählte Reihen sie nicht treten konnten; die Verhältnisse der Juden in Rußland zu verwickelt seien. Das Tendenziöse des Artikels liegt schon darin ausgesprochen, daß er über die Plünderungen, Morde, Brandstiftungen, Schändungen, gegen welche doch eigentlich'die Entrüstungsproteste der Engländer gerichtet sind, leicht hinwegschlüpft und daß er von der gewerblichen Thätigkeit der Juden in Rußland ein. ganz falsches Bild entwirft. Mag der „Hamburger Korrespondent" sich selbst die Frage beantworten: ob es eines deutschen und zwar eines, so alten Blattes würdig sei, den russischen Excedenten, den unteren und den oberen, gegen die englischen und nordamerikanischen Proteste zu Hülfe zu eilen!

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