Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1882)
- Date
- 1882-02-21
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
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. raum ließ, und daß bas, was geschehen, eine Consequenz, eine nothwendige Consequenzdessen war, was die Agitatoren wollten und aussprachen. Vorgeblich wollten sie nur Rechtsbeschränkungen der Juden mitten im Staate der' Gleichberechtigung, aber ihre eigenen Reden und Schriften besagten auch oft genug: „Fort mit den Juden! Nieder mit.den Juden!" — das heißt aber nichts anderes als gewaltsame Austreibung von Staatsangehörigen, Plünderung und Beraubung vollberechtigter Kinder des Vaterlandes. Nun ist aber die erste elementare Forderung an den eivilisirten Staat der Schutz des Lebens und des Eigenthums seiner Staatsangehörigen, ja aller in ihm lebenden Personen, und die zweite elementare Forderung an die Civilisation des modernen Staates die Rechtsgleichheit aller seiner Bürger, und hingegen ist die Vertheilung der Rechte nach den Eonfessionen eine principielle und tatsächliche Aufhebung der Civilisation des modernen Staates. Noch mehr; die Behauptung, daß die meist sehr zweifelhafte Abstammung von einem Volksstamme, der von Jahrtausenden in das Land eingewandert und es erobert hat, das eigentliche Recht im Staate gewähre und dagegen seien Abkömmlinge eines anderen Stammes, der zum Theil noch vor jenen Völkern hier ansässig geworden nnd seit ebensovielen Jahrhunderten das Land bewohnt, als „Fremde" 'zu betrachten, denen das Vaterland, die Heimath, das Staatsbürgerrecht nach Belieben entzogen werden könne, diese Behauptung ist ein so schwindelhafter Mißbrauch des Nationalitätsprincips , daß er in die Barbarei des Mittelalters hineinpaffen mag, aber der Cultur und Civilisation geradezu ins Gesicht schlägt. Wir haben es also im Antisemitismus mit direkten und schwerwiegenden Verletzungen der Cultur zu thun, welche Alles verneinen, was die Civilisation in Staat und Gesellschaft geschaffen hat. Indessen war dies noch kein Kampf zu nennen. Wo blos von der einen Seite angegriffen wird, diesen Angriffen aber kein eigentlicher Widerstand sich entgegenstellt, da besteht noch kein Kampf. Die Juden haben nur eine passive Rolle gespielt; sie haben sich in einigen Broschüren und Zeitungsartikeln zu vertheidigen gesucht. Das war aber auch Alles was von ihnen geschah. Ein Zusammenwirken, eine Vereinigung, um gegen jenes Treiben lebhaft und energisch Einspruch zu erheben, konnte nicht zu Stande gebracht werden. Es zeigte sich hier so recht, wie lügenhaft das Bestreben der Gegner war, auch hier eine Machtfrage aufzuwerfen. Diese schämten sich sogar nicht, die 44*/‘2 Millionen deutscher Christen durch die halbe Million deutscher Juden für überwunden und in Gefahr, ihr Christenthum und Deutschthum zu verlieren, auszugeben — nur um jene gegen diese im Namen des Christenthums und des Deutschthums zum Kampfe aufzurufen! Daßferner die Inden die ganze Presse beherrschten, erwies sich alsbald als Lug und Trug; denn selbst die liberale .Presse mit sehr geringer Ausnahme beobachtete wolliges Stillschweigen und trat aus Furcht vor den Gegnern, nicht für die Juden ein. Das internationale Kapital sollte nicht minder in den Händen der Juden sein. Es zeigte sich aber nirgends zur Vertheidigung.und im Dienste der Juden. Der jüngste Versuch, das Kapital zu katholisiren, bekundete abermals, daß das Kapital weder national noch confessionell ist und sein kann und kläglich zusammenbricht , sobald es eine solche .Richtung einschlägt. So klar und durchsichtig dieses Alles ist, so fand doch der Antisemitismus auch bei dem verständigen und humanen Theil der Deutschen nur ein passives Verhalten. Zwar protestirte eine Zahl Autoritäten in Berlin gegen denselben, aber ihre Stimme verhallte ohne einen kräftigen Wiederhall zu finden. Auch im Abgeordnetenhause wurde ein derartiger Versuch gemacht (Interpellation Hänel), wurde aber mit Schmähreden gegen die Juden beantwortet. Selbstverständlich duldete die Preußische Staatsregierung die Pöbelexcesse in Pommern, und Preußen nicht und vor den nachdrücklichen Erlassen der Provinzialbehörd'e verschwand schnell die ganze Pöbelausregung. Was endlich dem Antisemitismus einen nachhaltigen Schaden that, war, daß er sich sin den Wahlkampf für den Reichstag stürzte, in den Dienst wer reaktionären Partei trat und als' deren Werkzeug sich bekundete. Hiermit waren Alle, welche eine liberale Gesinnung hegen, direkt gegen ihn engagirt; die liberalen Redner mußten ihn verdammen, die liberalen Blätter gegen ihn demonstriren; ja die conservative Partei selbst sah sich genöthigt, ihn zu verleugnen. Er war geschlagen, jedoch nur in sekundärer Linie. In Rußland hingegen zogen die Excesse von einem Ende zum andern und vollbrachten Schandthaten, "wie sie nur in den uncivilisirtesten Ländern möglich sind. Die russische Presse stand auf Seiten der Excedenten und fuhr fort, in der ungerechtfertigsten Weise auf die Juden zu schmähen. Von Seiten der Provinzialbehörden wurdennoch zahlreiche Austreibungen hinzugefügt, und der bekannte Ministerialerlaß gab einzusetzenden Commissionen die Gelegenheitals Vorschläge zu Gesetzen Allesvorzutragen, was Eoneurrenzneid>. religiöser Fanatismus und panslavistischer Bolkshaß einzuflößen vermögen. Der wirkliche Kampf hat jetzt erst begönnern Indem ' die gesammte englische Presse gegen den theoretischen und praktischen Antisemitismus ihre mächtige Stimme erhob; indem die hervorragendsten MänNer aller politischen und confessionellen Parteien sich vereinigten, Protest wider ihn auszusprechen; indem Protest-Meetings von den anerkanntesten Autoritäten veranstaltet wurden, um die ganze antisemitische Agitation zu verurtheilen und zu brandmarken; indemzugleich Fonds gestiftet wurdenum die Verfolgten zu unterstützen; indem Gleiches in Nordamerika geschah und geschieht.