Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1882)
- Date
- 1882-02-14
- Page
- Seite 114 (sequence 14)
- Language
- German
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Wir fühlen uns beseelt, wir haben Kraft und Muth. Laßt uns, was Esther that, auch trachten nachzustreben, Für Gottes Lehre nur mit ganzem Herzen leben: Sie bleib' uns alle Zeit das höchste, theu'rste Gut." Der Stofs zu ihren ersten Gedichten war meistens der biblischen Geschichte entnommen. So erschien nacheinander in den israelitischen Jahrbüchern: Vs opneming von .Elia, De tocht der Israelieten door de Roode Zee, Mozes de Herder, Mozes op Nebo u. a. Alle diese Gedichte, in denen glühende Funken orientalischen Feuers und lebhafte Phantasie nicht zu verkennen sind, wurden mit Beifall ausgenommen. Form und Reim erscheinen überall rein und ungekünstelt, überall bemerkt man die Spur der Leichtigkeit. Kannl war ein Beitrag von ihr im „Almanach für das Schöne und Gute" erschienen, als sichauch verschiedene Redactionen mit dem Ersuchen um Beiträge an sie wandten und niemals von ihr abgewiesen wurden. Als schweres Unglück das Land heimgesucht, war sie gleich bereit zur Linderung desselben mitzuwirken. Die erste Ueberschwemmung yon 18ö6 hat ihr „Gott rettet" veranlaßt, die zweite von 1861 ein noch vollkommeneres Gedicht „Januari 1861"; beide Gedichte wurden besonders herausgegeben. Aus dem Jahre 1856 stammt auch „Cesar op den Snowdon“, eine Schöpfung, die das poetische Talent Estellas nicht mehr in Zweifel lassen konnte, und aus dem Jahre 1861 „Poezie“, in welchem die Dichterin bereits eine meisterhafte Vollkommenheit zeigt, — sie steigt zur „höchsten Höhe" und zur „tiefsten Tiefe", — sowie „Abraham", an welchem namhafte Poeten Erhabenheit und Kraft in Gefühl und Ausdruck besonders lobten. Die „Poezie“ nebst „der letzte der Carden" (1862), „Abd-el-Kader“ (1863), uitb „Triumphlied der Bildung" (1866) sind in de Kaysers „Niederländische Literatur des 19. Jahrh." als Musterproben ausgenommen. Viel Aufsehen erregten „Priestersegen" (1863) und das „Gebet", das von Delavilla für würdig erachtet wurde, ins Hebräische übersetzt zu werden. Daß die Dichterin außer mit dem obengenannten Dichter Withuys und de Kodrus auch mit andern namhaften Schriftstellern Hollands in Berührung kam, dürfte natürlich erscheinen. Ueber ihre Bekanntschaft mit der Frau Bosboom- Toussain, einer fruchtbaren und vielgelesenen Schriftstellerin, sagt der Herr Mr. G. Belinfante: „Ich glaube nicht zu irren,, wenn ich die Meinung äußere, daß die Begegnung mit der jugendlichen, aufgeweckten, ja lebenslustigen, dabei doch aufrichtig-religiösen Estella zu den angenehmsten Erinnerungen unserer gefeierten romancifcre gehört." Aber Estella Herzveld besaß auch alle Eigenschaften, um sich zum Liebling ihrer Bekannten zu machen. Durch die Liebenswürdigkeit und die ihr angeborene Gutherzigkeit, fühlte man sich in ihrer Nähe stets zu ihr hingezogen, dabei machte sie nicht den geringste« Anspruch wegen ihres Talents und wollte ' niemals das intellectuelle Uebergewicht zeigen lassen, niemals sich über Andere erheben. Würdigte man ihr Talent, so schätzte man nicht minder ihr gutes Herz; man mußte sie lieben wegen ihrer Naivität, im herzlichen Scherze, in dem sie sich zuweilen erging, sowie wegen ihres bescheidenen Urtheils. Ueberall, wo sie erschien, wurde sie mit Freuden empfangen, in so mancher literarischen soiree, welche von engern Freundeskreisen in den Jahren 1854—59 veranstaltet wurden, bildete Estella Hertzveld den Mittelpunkt. Wenn man diese Zeit überblickt, kann man deutlich die raschen Fortschritte bemerken; fast jedes neuerschienene Product zeigt mehr Gewandtheit an Ausdruck und Form, mehr Beherrschung des Stoffes und fein durchdachte Ausarbeitung. Ine letzten Decenninm ihres Lebens ist aus ihrer Feder leider nur , wenig hervorgegangeu. Die äußerste Pünklichkeit, mit der sie den häuslichen Pflichten oblag, mag die Ursache davon gewesen sein; denn sie hatte sich 1863 mit Herrn Jacob^ Heymans in Arnhem verheirathet und war Mutter von sechs Kindern geworden; auch mußte sie viel Zeit und Kraft für den Verein „Arbeit adelt" verwendet haben, dem sie das größte Interesse widmete und vieles zum Opfer brachte. Aber auch ein trauriges Ereigniß mag der Grund des Erschlaffens gewesen sein, obgleich man auch umgekehrt zahlreiche Beispiele in der Literatur hat, so daß man einen großen Theil besonders der lyrischen Poesie fast ausschließlich traurigen Ereignissen zuzuschreiben-hat. Nach . dem Tode eines Kindes war ihre Munterkeit mit einem Male verschwunden. Wohl konnte man bei ihr noch hie und da in häuslichen Kreisen ein Lächeln bemerken, aber sie wurde immer stiller und zurückhaltender. Die Liebe, die ihr die Familie stets bewiesen und der Besitz der Eltern, die sie überleben und nun tief betrauern sollten, konnten ihr den Schmerz über den Verlust ihres Lieblings nicht nehmen. Bald machte sich auch eine Lungenkrankheit bemerkbar, die sich verrätherisch ihrer bemächtigte und ein schleichendes Fieber vorausschickte. Allmählich klagte sie über Gedächtnißschwäche, dann über körperliche Schlaffheit. Auch jetzt fehlte es ihr an neuen Ideen und Entwürfen nicht, aber die Ausarbeitung forderte nun übermäßige Anstrengung, und sie versuchte sich vergebens in der epischen Poesie, obgleich ihre , „ Maria Theresia" ein wahres Kunstepos heißen kann. Als ihr im Jahre 1877 der Herr Mr. G. Belinfante wiederholt den Vorschlag machte, ihre Gedichte zu sammeln und herauszugeben, lehnte sie es aus Bescheidenheit ab. Im Juli v. Jahres jedoch, als sie aus dem Süden, wo sie vergebens Heilung gesucht, zurückgekehrt war, ging sie den Herrn Belinfante plötzlich darum an, die Gedichte zu sammeln und herauszugeben. „Meine Tage sind vielleicht gezählt", sagke sie, „es ist besser, daß ich selbst bestimme, welche Gedichte in