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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-14 · Heft 7 (14.2.1882) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 7 (14.2.1882)
Date
1882-02-14
Page
Seite 110 (sequence 10)
Language
German
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wenig mehr um Sitten und Gebräuche der Juden zu kümmern, und diese nicht allein aus den entstellenden Berichten der verschiedenen Commissionen zu beurtheilen, es wäre ihm bald klar geworden, warum so wenig gerichtliche Verfolgungen wegen Schändung und ähnliche rohe Gewaltthaten vorkamen. Jedermann kennt die unendliche Liebe, welche die Mitglieder der jüdischen Familie mit einander verbindet. Jedermann kennt das hochgradig entwickelte Keuschheitsgefühl der Jüdinnen, welche lieber das größte Unrecht geduldig verbergen und ungestraft lassen, als sich allen peinlichen Momenten einer Gerichtsverhandlung auszusetzen. Sehr oft waren es Militärgerichte, welche über die Schuldigen zu Gerichte saßen und die Funktionäre derselben sind bekanntlich nicht allzu zart besaitet. Außerdem gelang es den Familien, durch ihr Schweigen oft die Ehre ihrer weiblichen Angehörigen zu retten, und eine Jüdin, welche vor Gericht Rache für die ihr angethane Schmach verlangt hat, hätte sich unter normalen Verhältnissen^ selbst um die Möglichkeit gebracht, jemals einen Galten finden zu können. Dies ist die Ursache, daß die armen Opfer thierischer Brutalität es vorzogen, ihre Schande, welche eigentlich doch nicht ihre Schande ist, ängstlich zu verbergen. Auch können für solche Verbrechen schwer Beweise dargebracht werden, denn das Zeugniß des Juden gelte in solchen Fällen für zweifelhaft, und daß einer der Plünderer gegen den Mitschuldigen als Zeuge auftreten werde, ist nicht wohl anzunehmen, wenn übrigens auch der volle Beweis erbracht wäre, so würde derselbe ein so geringfügiges Urtheil nach sich ziehen, daß sich jedes weibliche Wesen hüten würde, die erlebte Schande vor dem Richtertische in Anwesenheit so vielen schadenfroh gesinnten Auditoriums nochmals durchzuleben. Wie Gerichtspersonen über Bestrafung der Plünderer der Juden denken, beweist der Umstand, daß der Prokureur des Kiewer Militärgerichts, ein Mann, welcher Generalsrang bekleidet, ungestraft die Frage aufwerfen durfte: Wozu bleiben die Juden im Lande, wenn es ihnen wirklich so schlecht geht, warum gehen sie nicht über die offene Westgrenze? Der Mann, welcher in offener Gerichtsverhandlung dies freche Wort-Attentat verbrach, ist nicht etwa aus dem Dienste gejagt worden, nein, er wurde noch decorirt und befördert! Es kann demnach nicht verwundern, wenn es die Juden öffentlich aussprechen, die Bestrafungen werden wohl verhängt aber nicht ausgeführt, denn die Bewegung werde von „Oben" protegirt. Und sie haben Recht; denn als die seiner Zeit erwähnte Judendeputation zum Zar und zum Minister kam, hätte ein Machtwort die ganze Reihe von Judenfragen vernichtet, ein kaiserliches Manifest allen Greueln ein Ende gemacht, ja selbst eine einfache Regierungsmittheilnng, wie sie so oft unnützer Weise zu einfachen Zeitungsdementis erfolgen, hätte genügt. Das Machtwort blieb ungesprochen, das Manifest ungeschrieben und die Regierungskundgebung wurde, als der usuellen Form nicht entsprechend, abgelehnt. Nicht genug daran, hat der „regierende Minister" an die Gouverneure ein Circular ergehen laffen, um Kommissionen einzuberüfen, welche darüber ihre Meinungen äbgeben sollten, in welcher Weife der Judenfrage abzuhelfen wäre, also wohlgemerkt,, der „Judenfrage" abzuhelfen, nicht aber den Juden irgendwie, zu helfen. Petersburg, 3. Februar. Das „Journal de St. Petersbourg" bespricht das englische Meeting vom 1. d. in der Judenfrage und sagt: Wir beschränken uns darauf, auf die Unumwundenheit hinzuweisen, mit welcher die Führer der Agitation das Recht in Anspruch nehmen, die Gesetze des russischen Reiches zu verurtheilen, mit welchem England in freundschaftlichen Beziehungen steht. Die Führer der Agitation würden eine solche Unumwundenheit Wohl seltsam finden, wenn Versammlungen auf dem Continent sie auf die Gesetzgebung über Irland anwenden würden, indessen begreifen wir sehr Wohl den Zweck der Agitation, nämlich der alten Ruffophobie, welche unter der gegenwärtigen Regierung zur Ruhe gekommen war, einen Aufschwung zu geben.. (Wer den Bericht der betr. Versammlung liest, durchschaut diese Spiegelfechterei des „I. de P." sehr leicht. Dagegen wird es Niemanden schwer werden, einzusehen, daß das „I. de P." humane Zwecke und Motive nicht begreifen kann.) ‘ Amerika. New-Hork, 15. Januar. (Privatmitth.) Daß die fernere Immigration russischer Flüchtlinge seitens der Alliance isr. univ. vorläufig auf Verlangen des hiesigen Hülfs-Comit6's sistirt worden, ist richtig. Der Grund dazu war, daß man sich von der Sache hatte überraschen laffen, d. h. daß man schon lange Zeit hindurch gesprochen, aber noch nichts vorbereitet und organisirt hatte. Infolge dessen hatte man weder Gelegenheit genug, die Ankömmlinge zu einer erfolgreichen Thätigkeit unterzubringen, noch hinreichende Geldsummen. Man beschloß deshalb die Herren Moritz Ellinger und Dr. Max Lilienthal nach Europa zu senden, sowohl um für weitere Sendung von Flüchtlingen angemessene Maßregeln zu vereinbaren, als auch um von Europa die erforderlichen Geldmittel zu erhalten. Allerdings hat man hier zu Lande Sammlungen veranstaltet, und der Ertrag bezeugt die Theilnahme, welche unsere verfolgten Glaubensbrüder bei den amerikanischen Juden finden. Aber man darf nicht vergessen, daß die bei Weitem größere Zahl der letzteren selbst aus Einwanderern besteht, die noch um das Dasein zu kämpfen haben, und daß daher im großen Ganzen mit Ausnahme einiger großen Handelsplätze der Besitzstand der amerikanischen Juden nur ein sehr mittelmäßiger ist. Die Union amerikanischer jüdischer Gemeinden hat daher nach ihrem früheren Beschluß eine Subscription von 200,000

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