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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-14 · Heft 7 (14.2.1882) · p. Seite 109

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 7 (14.2.1882)
Date
1882-02-14
Page
Seite 109 (sequence 9)
Language
German
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minister, eine Rede hielt. Nachdem er über die äußere Politik gesprochen, verlangten seine Zuhörer, daß der Redner sich auch über'die russischen Juden äußere. Er sagte: „Es giebt wohl keinen einzigen Engländer, der nicht die größtmögliche Sympathie für die armen Juden in Rußland hegt. Ich wage zu sagen, daß es wohl nicht einen einzigen wirklichen Christen auf dem europäischen Festlande giebt, der nicht allein die tiefste Theilnahme empfindet, sondern auch Scham und Demüthigüng darüber, daß der christliche Name-in den Ausschreitungen gegen die Juden geschändet worden." Rußland. . London, 30. Januar. Der diplomatische Schriftwechsel bezüglich der Ausweisung des britischen jüdischen Unterthans Mr. L. Lewisohn aus St. Petersburg ist vom Auswärtigen Amt veröffentlicht worden. Von wesentlichem Interesse im gegenwärtigen Zeitpunkt ist in der Correspondenz eine vom 26. Oktober 1881 datirte Depesche von Sir E. Thornton an Lord Granville, in welcher der britische Botschafter Aeußerangen des Herrn v. Giers über die Judenfrage wiedergiebt. Der Minister sagte, daß auf Seiten der russischen Regierung und Bevölkerung gegen die Juden im Allgemeinen eine starke Stimmung herrsche; daß eine große Anzahl der Nihilisten diesem Glauben angehörten, daß ihre jüngste Zulassung in russischen Seminaren und. Universitäten ein sehr schlechtes Resultat gehabt hätte, da alle solche Studenten .sich als Revolutionäre herausgestellt und zur Ansteckung, ihrer Kameraden beigetragen hätten; daß eine sehr große Mehrheit der Schmuggler an der Grenze und der Verkäufer von berauschenden Getränken im Lande Juden seien, und daß es auch folglich für nothwendig befunden wurde, die mit Bezug auf die Juden bereits existirenden Gesetze mit großer Strenge in Kraft zu setzen. Auf eine im Aufträge seiner Regierung an die russische Regierung gerichtete Anfrage Thornton's, ob Herrn Lewisohn gestattet würde, Rußland in geschäftlichen Angelegenheiten besuchen zu können, antwortete Herr von Giers in einer vom 5. Januar 1882 (neuen Stils) datirten Zuschrift, daß Herr Lewisohn jedesmal, wenn er Rußland zu besuchen wünsche, bei dem Minister des Innern im die Erlaubniß hierzu einkommen müsse. Jedermann durchschaut leicht die Angaben des russischen Ministers; daher nur wenige Bemerkungen. Daß man in Rußland allgemein die Juden zum Sündenbock und Opfer erwählt hat und daß hierin Negierung, Presse und Volk in rührender Uebereinstimmung sich befinden, ist bekannt. Bald sollen die Juden die Ausbeuter des Bauernvolkes, bald alle Schmuggler und Schankwirthe, bald alle Nihilisten sein. Und bei solchen Anschuldigungen versteht es sich von selbst, daß man die Juden immer härter behandelt, immer mehr Beschränkungen für sie erfindet. Mn liegen doch die meisten > von Juden bewohnten Städte fern von der Grenze, können also keinen Schmuggel treiben, in mancher dieser Städte wohnen 10—20,000 Juden, die können doch nicht alle Schankwirthe sein; hört man die Nihilisten, und ihre heftigen Angriffe'auf die Anden, so können diese doch unmöglich das größte Contingent zu den Nihilisten abgeben; notorisch ist es auch, daß der Pöbel in den südrussischen Städten sich .gerade auf die kleinen unbemittelten Juden, ihre armseligen Buden und Werkstätten stürzte, während die bemittelten und reichen Juden in den besseren Quartieren verschont blieben, die Wuth des Pöbels also nicht diejenigen traf, welche seine Ausbeuter sein konnten, noch dazu da außer den „einigen" Gebildeten, welche die Anstifter waren, diese Raubhorden nicht aus Personen bestanden, an welchen es etwas anszubeuten gegeben hatte. Glücklicherweise sind diese Widerlegungen ebenso durchsichtig wie die Anschuldigungen. Auch wir wünschen, daß es keinen jüdischen Schankwirth geben möchte; aber wir wissen einerseits, daß auch dies den Juden nichts helfen und man immer wieder Anklagepunkte gegen sie aus- und erfinden würde; andererseits, daß in den Provinzen, in welchen Juden überhaupt nicht wohnen, die Trunksucht noch größer ist und noch verderblicher wirkt. Bei den in Rußland vorhandenen Zuständen will man doch etwas thun, was dem Volke als die Abhülfe eines Uebelstandes erscheiüen könnte. Man bringt daher zuerst dem Volke bei, die Juden seien dieser Uebelstand, und dann geht man gegen die Juden los. Allein, daß hierdurch zu den vorhandeneil liebeln nur noch ein neues kommt, kann doch nicht verborgen bleiben. Man ruinirt einen thätigen Theil des Volkes und hat damit Niemandem geholfen. Petersburg, 1. Febr. Wie dem „Pest. Lloyd" von hier geschrieben wird, bereitet sich die russische Regierung vor, an der Hand der Ziffern, welche sich durch gerichtliche Verurteilungen ergeben, die statistischen Angaben der „Times" über die an den Juden verübten Greuelthaten zn widerlegen. Das ist vergebliches Bemühen; mag sie Vorbringen was sie will, sie wird überall Zweifeln an ihrer Glaubwürdigkeit begegnen. Der Correspondent des ungarischen Blattes liefert vorweg die schlagendsten Gründe, den officiellen russischen Angaben zu mißtrauen. Er schreibt: Alle Beschuldigungen hätte die Regierung Jgnatieff's ruhig über sich ergehen lassen, denn sie sind nicht wegznleugnen, nur die Rufe der Empörung über die massenhaften Schändungen verhallten nicht, ungehört. Die diesbezüglichen, leider allzu Positiven Angaben des „Times"-Gewährsmannes haben den Minister peinlichst berührt,, umsomehr als ihm officiell' über solche Unthaten nur spärliche Daten zugekommen zn sein scheinen. Auch bei den Gerichten kamen nur äußerst seltene Fälle dieser Art zur Verhandlung. Hätte sich der „regierende Minister" die Muhe gegeben, sich ein

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