Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1882)
- Date
- 1882-02-14
- Page
- Seite 108 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesterreich-Ungarn. Wien, im Januar. (Privatmitth.) Des'soeben erschienenen 28. Berichts des Israelitischen Taubstummen- Jnstituts in Wien ist Heuer wohl umsomehr zu .erwähnen, als dieses so hochgeachtete Institut, wir möchten sagen Mutteranstalt so vieler anderer gleicher Institute im In- und Auslande, in finanzieller Beziehung einen bedeutenden Verlust erlitten hat, indem in Pest eine eigene israelitische Taubstummen-Anstalt gegründet worden, wodurch dem Wiener Hause die von der ungarischen Regierung aus dem israelitischen Landesfond gezahlte beträchtliche Subvention und zugleich mehrere zahlende Zöglinge entzogen wurden.' Unser Institut konnte daher von 26 Bewerbungen nur 6 berücksichtigen, und überhaupt nur 12 Zöglinge aufnehmen, während 18 ausschieden. Der Vorstand richtet deshalb einen dringenden Mahnruf an alle edlen Menschenfreunde, und hoffen wir, daß er nicht vergebens um Vermehrung seiner finanziellen Mittel bitten wird. Es befinden sich jetzt in demselben 97 Zöglinge, 62 Knaben und 35 Mädchen. Bemerkenswerth ist die Notiz, daß von diesen 97- Kindern 62 taubstumm geboren sind, und zwar von diesen wieder 15 aus Berwandtschaftsehen. Taubstumm wurden durch Scharlach 9, durch Fraisen 5, Masern 1, Gehirnentzündung 4, Typhus 9, Sturz 7. Die Einnahmen beliefen sich auf 40,936 fl., von denen die Ausgaben 8613 fl. in Cassa ließen. Großbritannien, London, 27. Januar. Unter der Ueberschrift: „Die Verfolgung der Juden in Rußland" veröffentlicht die „Times" folgende Zuschrift: „Mein Herr! Ich hatte heute eine längere Unterredung mit dem sehr ehrenwerthen W. E. Gladstone in Bezug auf die Gräuel, welche in Rußland verübt worden sind, und es ist mir gestattet zu . sagen, daß der Premierminister überzeugt ist, daß irgend eine Einmischung einer Regierung da, wo Grausamkeiten der fanatischen Unwissenheit eines Volkes entspringen, mehr schaden als nützen würden. Ich verbleibe, mein Herr, Ihr gehorsamer Diener A. Myers, 6. Savile Row. St. James, den 25. Januar." * Demselben Gegenstände widmet aus Anlaß der "von Baron de Worms kundgegebenen Absicht, die Angelegenheit im Unterhause zur Sprache zu bringen, die „Daily News" einen Artikel. Sie gelangt darin zu dem nämlichen Schluffe, welcher in obigem Briefe ausgedrückt ist, und bezeichnet die von Baron de Worms eingenommene Haltung als durchaus unhaltbar, sowohl was Völkerrecht, wie diplomatischen Brauch anbelange. Meinungsausdrücke in der Presse und in öffentlichen Versammlungen seien legitim und dürften nützlich, sein; eine parlamentarische Debatte jedoch sei von zweifelhafter Zweckmäßigkeit. Diplomatische Intervention sei vollends unmöglich." - London, 28. Januar. Man schreibt von hier: Das russisch-jüdische Comitö wird nächsten Montag mit Herrn Moritz Ellinger, dem in London eingetroffenen Delegirten der New-Iorker Auswanderungsbehörde, (soll heißen: der Union jüdischer Gemeinden in Amerika und der Hülfscomits's) um einen Plan für die Auswanderung russischer Juden nach den Vereinigten Staaten rn Erwägung zu ziehen. Während der letzten paar Tage hat der Lordmayor von London mit mehreren hervorragenden Mitgliedern der hiesigen Judengemeinde über dieselbe Frage Besprechungen gepflogen. Der Staat Louisiana hat, die Gründung einer Colonie jüdischer Auswanderer aus Rußland genehmigt. ' . London, 31. Januar. Gestern fand in Woolwich ein Meeting statt, wo Baron H. de Worms eine Rede hielt. Derselbe gehört der conservativen Partei an, und wird von den Berichterstattern als „witzig, sarkastisch, ein vorzüglicher Redner und eine Größe auf dem Gebiete der auswärtigen Politik" bezeichnet; man erinnert an sein Werk aus dem, Jahre 1877'„Englands Policy in the East.“ Nachdem er in seiner Rede die Fehler Gladftone's auf allen Punkten der auswärtigen Angelegenheiten nachgewiesen, kam er auf die russischen Juden zu sprechen. Er meinte: „ Derselbe Mann, der für die Griechen und Montenegriner einen Krieg habe beginnen wollen, sei jetzt zu bange, einen diplomatischen Schritt für die verfolgten Juden in Rußland zu thun und dadurch das Beispiel Lord Ruffels in der Polensache nachzuahmen. Er verschanze 'sich hinter die diplomatische Unmöglichkeit. Jndeß habe ihn dies gehindert/ für die Bulgaren gegen die Türken aufzutreten? Den Mächten sei es durch einen besonderen Artikel des Vertrages von Paris untersagt gewesen, sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei einzumischen; trotzdem habe Gladstone die conservative Regierung durch seine maßlose Agitation zu einer Einmischung gezwungen. Der Unterschied sei der: die Türkei sei schwach gewesen und Rußland sei stark.' Baron de Worms rieth zum Schlüsse,' durch eine ähnliche Agitation die Regierung ebenfalls zu thätiger Parteinahme für die Juden zu veranlassen." (Selbstverständlich giebt es. auch Leute genug, welche den Eindruck zu Gunsten der russischen Juden auf das englische Publikum abzuschwächen suchen. Dasselbe thut der Halbmond-Correspoudent der „Köln. Z.", der indeß auf das englische Publikum keinen Einfluß hat!) , London, 1. Februar. Wie sehr die öffentliche Meinung hier in Bezug, auf die Judenverfolgungen in Rußland gespannt ist, machte sich in einer am 30. v. M. in der Exeter Hall stattgefundenen Versammlung der Wähler erkennbar, wo Mr. W. H. Smith, ehemaliger Chef der Marine im Ministerium Beaconsfield und Vertreter'des hauptstädtischen Bezirks West-