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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-14 · Heft 7 (14.2.1882) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 7 (14.2.1882)
Date
1882-02-14
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
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103 ihrem Monatsbericht vom Dezember zweifelhaft, ob sie sich weiterhin mit der Auswanderung befassen werde. Es heißt (S. 143): „Die Emigration wird vielleicht später wieder ausgenommen werden, wenn auch die Zeit hierfür sich jetzt noch nicht genau bestimmen läßt." Als Grund hierfür wird die ungenügende Vorbereitung der Comitss in Amerika angegeben, Hunderte von Menschen unterzubringen. Das New - Jorker Hülfs-Comitä und der Board von New-Aork — von dem Comite der Union israelitischer amerikanischer Gemeinden ist dabei nicht die Rede — haben sich als „von den Ereignissen überrascht", „ungenügend organisirt", selbst schon „mit Armen beladen" erklärt, und wollten daher eine größere Anzahl von Emigranten in diesem Jahre. nicht mehr aufnehmen. — Sehen wir uns nun um, wie es in Amerika selbst um die Sache steht. Soeben ist uns ein neues Blatt „The^Jewish Watchman“ aus Boston zugekommen, in dessen erster Nummer vom 6. Januar ein Artikel: „Zur russischen Krage" sich befindet. Derselbe beginnt: „Die Einwanderung russischer Glaubensgenossen, welche ihre Heimath verlassen, angeblich um Religionsverfolgungen zu entgehen, ist zu einer Frage von unabsehbarer Tragweite und Bedeutung geworden. Ihre Lösung wird aber noch verworrener dadurch, daß die Ansichten des Publikums darüber gar zu weit auseinandergehen. Die Einen behaupten, daß durch diese Einwanderer und deren Colottisation der Welt bewiesen werden könne, daß der Jude nicht blos Consument, sondern auch Producent sein könne; Andere leugnen entschieden, daß die Ankömmlinge jemals in dauernde Colonien etablirt werden können. Die Einen wünschen eine Frage von national-ökonomischer Bedeutung zu lösen; Andere wollen einfach Wohlthätigkeit üben. Die Einen halten die Bewegung für gerechtfertigt, weil es gilt, unterdrückter Gewissensfreiheit beizustehen; Andere dagegen behaupten, es sei gleichgültig, welches Motiv den Auswanderer zur Auswanderung bewöge, ob er politisch, social oder religiös seine Lage zu verbessern gedenke, und wenn man alsdann allen solchen Einwanderern zur Seite stehen und sie materiell unterstützen wolle, so reiche das Geld der amerikanischen Judenschaft züsammengenommen nicht hin, um dies durchzuführen. Was den Einen aber recht wäre, wäre den Anderen billig. Daß schließlich auch Männer sich in die Bewegung eingeschlichen haben mögen, wie Manche argwöhnen, die im Trüben zu fischen gedenken, und deshalb die Sachlage schwärzer ausmalen als sie ist, mag auch mehr oder weniger wahr sein." „Während von der Union der amerikanischen Gemeinden bereits Projecte ausgearbeitet sind, um eine Colonisation im Großen durchzuführen, und wahrend, um die Kosten eines solchen Unternehmens zu decken, uneinlösbare Aktien ü 5 Dollars schon ausgegeben werden, lesen wir, daß in New-Orleans und in Kansas, unabhängig von diesem Unternehmen, russische Israeliten bereits colonisirt werden. Dann lesen wir wiederum, wie an vielen Plätzen russische Einwanderer als Handwerker untergebracht werden, wie aber trotzdem New-Jork mit den Schaaren russischer Flüchtlinge überfüllt ist, wie das Counts alle Hände voll zu thun hat und nicht mehr weiß, wo die Ankömmlinge unterzubringen.. Auch verlautet es, daß Herr Ellinger von dem Cornits nach Europa gesandt worden mit Instructionen, dem Strome dieser speciellen Auswanderung bestmöglichst Einhalt zu thun." Alsdann erzählt der „Watchman^ wie es in Boston damit zugegangen, einer Stadt, in welcher die Juden verhältnißmäßig geringzählig, nämlich - ca. 5000 Seelen und nicht sehr begütert seien. Es wurden kleine und große Meetings gehalten, ein Comits und ein Direktorium gewählt — aber die Sammlung trug nicht mehr als 700 Dollars ein und das Direktorium hielt es mit der ersten Sitzung für genug. Demungeachtet sind einige russische Auswanderer nach Boston gekommen und haben sich selbst ein Unterkommen gesucht, von diesem und jenem jüdischen Einwohner unter-, stützt und angeleitet. — Dies ist auch, was uns einigermaßeil tröstet. Wo das Leben den Hebel bitterer Nothwendigkeit einsetzt, da wartet es nicht auf Organisateure, auf die schnell erwachte und bald wieder erloschene Mildthätigkeit, da drängt und treibt es fort zum Ziele, wenn es auch für Viele nur ein vermeintliches wird. In der Natur gehen zahllose Blüthen unter, unr die ausgewählten kräftigen zuFrüchten reisen zu lassen. So wird auch diese Auswanderung, soweit sie in den unerbittlichen Verhältnissen liegt, ihre Fortsetzung finden, und unterwegs immerhin die Mittel antreffen, um hinüberzuköinmen. So wurde in vor. Nr. berichtet, daß 350 Auswanderer tu Breslau angekommen, freilich in großer Hülfsbedürstigkeit, aber die Mittel wurden zusammengebracht, um sie weiter zu befördern. Sehen wir die Summen nach, die bis jetzt für das Werk der Auswanderung gespendet worden sind, so müssen wir gestehen, daß sie bis jetzt unter aller Erwartung geblieben. Was geschehen ist, ging wiederum fast ganz allein aus dem Mittelstände hervor, während die bekannten reicheil Familien und Finanziers mit sehr geringer Ausnahme ganz Unbedeutendes geleistet haben. Es hieß einmal, der Baron Hirsch habe eine Million Francs für die Emigration bestimmt. Wir haben aber noch nirgends eine authentische Bestätigung dieser Nachricht gefunden. An diese Reichen insonders muß man die Forderung stellen, sich in genügender Weise zu betheiligen und zu zeigen, daß der bekannte Spruch von der jüdischen Barmherzigkeit auch bei ihnen nicht ganz ohne Fug und Wahrheit sei. Wir halten es für grausam, in den Herzen zahlloser Unglücklichen eine Hoffnung auf Rettung zu wecken, und wenn sie dann die Arme nach dem Rettungsseile ausstrecken, ihnen zu sagen, daß dies nicht ausreiche, sie alle ans Land zu ziehen! Andrerseits will allerdings ein tüchtiges

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