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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-14 · Heft 7 (14.2.1882) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 7 (14.2.1882)
Date
1882-02-14
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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hat ihr Ende erreicht. Niemand kann dafür einstehen, daß nicht vor den nächsten Wahlen, und solche stehen zum Preußischen Abgeordnetenhause im Herbste bevor, der Versuch gemacht werden wird, den ganzen Hokus-Pokus wieder auserstehen zu lassen. Aber eine Copie fällt in der Regel schwächer aus als das Original. Was wir aber vor Allem hoch anschlagen, das ist, daß der Antisemitismus vor dem deutschen Reichstage völlig verstummte, und bei Gelegenheit in den Sitzungen vom 15. December und 17. Januar die vollständigste Niederlage erlitt. Dennoch giebt es noch eine andere Probe. In Deutschland hatte man, als die grausigen Verfolgungen in Rußland vor sich gingen, stets die ersten und genauesten Nachrichten über dieselben, und wurden diese denn auch von den deutschen Zeitungen mitgetheilt und verbreitet. Auf den ersten Eindruck bildete sich in Berlin ein Comit6 aus Christen und Juden, um Gelder zur Unterstützung der Unglücklichen zu sammeln. Gleiches geschah auch in Köln unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters Dr. Becker. Es kamen auch ca. 55,000 Mark zusammen. Ein Weiteres hat man nicht vernommen. Mit dem ersten Aufruf war die Sache zu Ende. Eine Unterstützung von Seiten der Presse fand in dieser Angelegenheit nicht statt; die conservativen und ultramontanen Blätter sprachen sich sogar gegen die Sammlungen aus. Man muß es sich. doch gestehen, daß England einem ganz anderen Wege folgt, einen ganz anderen Geist bezeugt. Dort sind eigentlich, erst jetzt die schrecklichen Thatsachen bekannt geworden und haben durch ihre Zusammenstellung, durch ein vollständiges Pild derselben sofort eine ungeheure Wirkung gehabt. Wir brauchen diese nicht näher zu schildern, da sie bereits notorisch sind. In Frankreich sprechen die tonangebenden Journale die Frage aus, ob die französische Nation gleichgültig bleiben werde, und fordern auf, sich den Engländern in der Bertheidigung der Humanität und der Civilisation anzuschließen. In Deutschland nehmen die publicistischen Organe Notiz davon, insofern sie, wie dies einmal in ihrer Art liegt, über die Vorgänge in England berichten. Mit diesen Berichten begnügen sie sich, suchen sogar hie und da abzukühlen. — — Die Ä«Lwanderung nach Amerika. Diese Frage zieht gegenwärtig die allgemeine Aufmerksamkeit in einem so hohen Grade auf sich, daß wir sie in allen ihren. Phasen zu verfolgen verpflichtet sind. Seit langer Zeit, so oft die Juden bedrückt oder verfolgt wurden, rief man ihnen zu: Wandert aus, ziehet nach einem' Lande, wo jeder Bürger, der den Gesetzen des Staates nachlebt, sich gleichen Schutzes und Rechtes erfreut! Wir haben stets diesen Ruf für unbedacht, wenn nicht leichtfertig erachtet und erklärt. Allerdings ist unsrer Zeit das Bedenken, sein Vaterland, seine Heimstatle zu verlassen, und nach einem Lande zu gehen, dessen Sprache und Sitten Einem fremd sind, minder schwerwiegend geworden; denn wir sahen im Jahre 1881 beinahe 800,000 Menschen allein in Nordamerika als Einwanderer aus Europa landen. Sind dies einzelne Auswanderer, wenn sie sich auch zu einstweiligen Gesellschaften vereinigt haben, die aus persönlichen Motiven, mit eigenen Mitteln und zu einem selbstgewählten oder selbstzuwählenden Fortkommen die alte Welt verlassen: so hat Niemand etwas darein zu reden, und der Exodus geht eben nach eigenem Willen vor sich. Ganz anders verhält es sich aber, wenn eine ganze und zwar besondere Masse aus ihrem bisherigen Wohnsitze herauHenommen, auf fremde Kosten, weil selbst mittellos, nach dem fernen Welttheil gebracht und dort zu irgend einem Lebensberufe verholfen werden soll. Dazu gehören einerseits große Geldmittel, andererseits wohlgeordnete Gelegenheiten, die Auswanderer im neuen Heimathslande unterzubringen und ihnen einen angemessenen Erwerb zu eröffnen. Daß dies Schwierigkeiten sind, welche in den meisten Fällen unüberwindlich werden, wird Jedem einleuchten, der bei dem wärmsten Interesse sich doch von Schwärmerei und Illusionen fern hält. Unsre Leser werden sich erinnern, daß, als durch die Verfolgungen in . Süd- und Westrußland und durch die darauffolgenden Austreibungen so viele Glaubensgenossen obdach-, heimaths- und erwerblos wurden, der allgemeine Ruf erscholl: sie mögen auswandern, sei es nach Amerika oder nach der Türkei — wir an die außerordentlichen Schwierigkeiten erinnerten, auf welche die Ausführung dieses Rathes stoßen müßte. Denn schließlich kommt es doch darauf an, die Flüchtlinge wirklich zu retten, nicht aber sie nach einem fremden Lande zu bringen, wo sie um so gewisser dem Untergange anheimfallen möchten. War es uns nun stets zweifelhaft, daß eine solche Auswanderung in großem Maßstabe mögliche sei, so trösteten wir uns doch mit dem Gedanken, daß selbst eine kleine Schaar in genügender Weise gefördert zu haben, eWWerk der Wohlthätigkeit sei. Wie steht es nun gegenwärtig um die Auswanderung russischer Glaubensgenossen? Es überraschte uns eigenthümlich, zu hören, daß Me Alliance isr. univ. das Werk der Emigration, mit einem Male abgebrochen habe, ihr Bevollmächtigter Herr Charles Netter von Brody abgereist sei und ihre Büreaux daselbst geschlossen seien. Bekanntlich hatte die Alliance nicht ganz 1600 Personen, gesunde Menschen, meist tüchtige Handwerker ausgesucht und befördert, und zwar in sehr befriedigender Weise. Tausende warten noch in Brody und allerdings hat die Alliance aus diesen 458 Personen mit einer Unterstützung versehen, um sich irgendwo als Handwerker niederzulassen. Andere 800 Personen erhielten 20—25 Francs, um nach ihrer Heimath zurückzukehren. Wer über 2000 Personen blieben noch zurück. Ja, die Alliance läßt es in

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