Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-07 · Heft 6 (7.2.1882) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 6 (7.2.1882)
Date
1882-02-07
Page
Seite 93 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227400--39639-3257232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

troffcucn Juden neuerliche Verhandlungen wegen Auswanderung stattgefunden. In rumänischen Deputirtenkreisen wird der Plan ventilirt, den Auswanderungslustigen die Dobrudscha zur Kolonisation anzuweisen. Bonn, 29. Januar (Notizen). In einer Zeit, wie die unsrige, wird jeder Vorgang außer seinem eigentlichen Inhalte zugleich zu einer Demonstration. Deshalb finde hierein Bericht aus Berlin über die Leichenfeier des so plötzlich bei dem Connners der Burschenschafter aus dem Leben geschiedenen Geh. Sanitätsrath vr. A. Löwenstein einen Platz. Diese Leichenfeier, welche am Sonntag Vormittag auf dem alten jüdischen Kirchhof in der Schönhauser Allee ftattfand, gestaltete sich zu einer-erhebenden Kundgebung. Eine nach Hunderten, zählende Trauerversammlung hatte sich eingefunden, um dem Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen.- Neben beit tiefgebeugten Söhnen befanden sich zahlreiche Vertreter aller der Vereine, denen der Verblichene angehört, unter den Anwesenden. Der Berliner Handwerkerverein, an seiner Spitze der erste Präsident, Director Goldschmidt, und eine die drei florumhüllten Vereinsfahuen tragende Deputation, der Verein Berliner Presse, der Verein der Freimüthigen, dessen Mitglieder kleine Trauerschleifen trugen, die Gesellschaft der Freunde, der Aerzteverein der Königstadt, der Verein ehemaliger Königstädtischer Realschüler, der Fröbelverein, sie Alle waren zahlreich vertreten und legten prachtvolle Lorbeerkränze mit Widmungen auf den Sarg nieder. Erschienen waren ferner manche namhafte politische Persönlichkeiten, und fast Alles, was Berlin an namhaften Aerzten nur aufzuweisen Hat. Die - größte Schaar der Leidtragenden aber bildeten die Vertreter der Berliner Burschenschafter, die in vollem Wichs und mit florumhüllten Fahnen erschienen waren und zahlreiche , Kränze mit farbigen. Schleifen auf den Sarg ihres „alten Herrn" niederlegten. Die Trauerfeier fand in der offenen, mit hochstämmigen Palmen geschmückten Halle statt, wo der schwarzverhüllte Sarg in prächtiger Blumenhülle stand. Nach einem einleitenden Gesang des Synagogenchors nahm Director Goldschmidt das Wort, um dem Entschlafenen begeisterte Gedenkworte nachzurufen. Sein glückliches Temperament, seine Liebe für Kunst und Wissenschaft, sein sprühender Humor, seine reichen Segen spendende Thätigkeit, haben ihn uns lieb und Werth und sein Andenken, unvergeßlich gemacht. Richard Schmidt-Cabanis feierte die hervorragenden Eigenschaften des Verblichenen in gebundener Rede, und als er seines plötzlichen Endes gedachte, als er ihm nachrief: - In fröhlichem Burschenkreise, Der Frohesten Einer — Du: So fielen die Augen leise Zum letzten Schlummer Dir zu, da lag feierliche Andacht auf den Zügen aller Anwesenden. Nach der nahen Gruft Lenkte hierauf der Zug, wo ihn die Sänger des Berliner Handwerkervereins mit dem Scheidelied „Es ist bestimmt in Gottes Rath" empfingen. Im Namen der Breslauer Burschenschaft der Raczeks, denen der Verstorbene angehörte, sprach hier am offenen Grabe Director Bach von der Falk-Realschule, indem er den in seinen Armen Dahingeschiedenen als Arzt, Freund und Menschen feierte und seiner letzten Worte von Freiheit, Ehre und Vaterland gedachte. Die Burschenschafter traten hierauf zusammen, kreuzten über dem offenen Grabe die Schläger, daß die Glocken aneinanderklangen und unter dem Gesang des letzten Verses des alten Burschenliedes: „Und ist uns ein Bruder geschieden" wurde der Sarg in die Erde gesenkt. Die Fahnen beugten sich über der Gruft, und Blumen und Erde füllten sie bald. (Es versteht sich wohl von selbst, daß auch die jüdischen Leichenfeierlichkeiten statt fanden, denen hier keine Erwähnung geschieht). Jen i l'le tun. Simon Szanlo. Nekrolog. Die Nachricht von dem unerwarteten Hinscheiden Simon Szanto's, des Redakteurs der „Neuzeit" in Wien, hat in weiten Kreisen ein schmerzliches Mitgefühl erweckt. Der Verewigte war ein Mann von starkem Geiste, ausgebreitetem Wissen, von wärmsten Eifer für das Judenthum, für Wahrheit und Recht; unerschrocken, mit dem festesten Muthe widmete er seine ausgezeichnete Begabung' als Publizist mit rücksichtsloser Unabhängigkeit der Sache der Religion und besonders dem Fortschritt auf religiösem Gebiete. Scharf und schneidig im Ausdruck seiner Gesinnung, in der Uebnng der Kritik, eiu trefflicher Stilist, schwunghaft, , wo der Gegenstand es mit sich brachte, hat er 21 Jahre lang die Redaktion des von ihm gegründeten Blattes geführt, das seine Feder fast ganz allein füllte. Allerdings theilte er das Geschick derjenigen Männer, welche in ihrer Kindheit und Jugend von den Fesseln einer damals noch ganz starren Orthodoxie bedrückt waren und sich von diesen durch eigenes Ringen und Kämpfen zu befreien hatten, das Geschick, in der Fehde nicht blos gegen diese Orthodoxie, sondern überhaupt gegen Alles, was nicht in das rasche und.radikale Vorwärts sich schicken will, zu weit und zu rücksichtslos vorzugehen. Aber eben der Prozeß, den sie selbst durchzumachen gehabt, der ihnen so viele Mühsale und den Verlust schöner Jahre der Aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.