Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1882)
- Date
- 1882-02-07
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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91 auch nicht im Entferntesten vorhanden sind. Äewiß hat Jedermann den Wunsch, daß es der russischen Regierung gelingen möge, die Verhältnisse gesetzgeberisch zu regeln. Daß dies nur möglich ist, wenn Rußland endlich die Grundsätze annimmt, welche in den europäischen Staaten auf diesem Gebiete längst verwirklicht worden, ist unzweifelhaft. Der Weg aber, der durch den bekannten Ministerialerlaß eingeschlagen worden, läßt hierzu keine Hoffnung und gerade deshalb kann der Menschenfreund nicht warten, bis durch derartige Mittel die Verhältnisse der Juden in Rußland in einer auch nur erträglichen Weise geordnet sind. Der Versuch einer Widerlegung kann nur als gescheitert angesehen werden. Warschau, 24. Januar. Folgende amtliche Statistik der Warschauer Excesse ist der „Pol. Corr." zugegangen: Das Comite, welches zur Ermittelung des durch die letzten Judenhetzen verursachten Schadens eingesetzt wurde, hat sich seiner Aufgabe beinahe entledigt und Daten zusammengestellt, welche nun den Umfang der Katastrophe zu überblicken gestatten. . Es haben sich im Ganzen 2011 beschädigte Familien (10,000 Personen) gemeldet, welche den ihnen zugefügten Schaden auf 1,200,000 Rubel bezifferten. Das Untersuchungs-Comitö hat das Ergebniß dieser Selbstschätzung auf 767,339 Rubel reducirt und die Beschädigten in vier Klassen eingetheilt. Die erste und leider die zahlreichste Klasse bilden jene Personen, welche in der Hetze ihre ganze bescheidene Habe verloren haben und wenigstens vorläufig aller Existenzmittel beraubt sind. Hierher gehören 948 Familien (47 pCt.) mit einem Verluste von 255,489 Rubel (33 pCt.) der reducirten Gesammtsumme. Auf je eine Familie entfällt somit ein Verlust von 269J/2 Rubel. Die zweite Klasse bilden Jene, denen wenigstens Möbel, Hauseinrichtung, eine Werkstätte oder irgend ein anderes Erwerbsmittel unversehrt geblieben ist. Hierher gehören 475 Familien (23 PCt.) mit einem Verlust von 146,818 Rubel. Die übrigen zwei Klassen bilden jene Personen, welche mehr oder weniger ruinirt, aber wenigstens vorläufig nicht dem Elende preisgegeben sind. Den größten Schaden erlitten kleine Kaufleute, welche Kaufläden mit ^onsumartikeln besaßen, Schanker, Krämer u. dgl. Hierauf folgen Handwerker, Dienstnehmer verschiedener Kategorien, Inhaber von Kleider- und Möbelmagazinen bis zu den Hauseigenthümern, welche sowohl, was die Zahl als auch die Berlustziffer anbelangt, den letzten Platz einnehmen. In dieser, letzten Kategorie der Beschädigten befindet sich die Mehrzahl der durch die Excesse mitgenommenen Christen, deren Gesammtheit jedoch selbstverständlich nur einen unbedeutenden Theil der Eingangs angegebenen Ziffer bildet. Lemberg, 17. Jan. Polnischen Blättern wird mitgetheilt, der Gouverneur General Totleben habe die Bevölkerung von Wilna mittelst Plakaten vor allen Zusammenrottungen und Ruhestörungen unter Androhung strenger Maßregeln gewarnt. In der betreffenden Kundmachung wird mit unverkennbarer Entschiedenheit erklärt, daß das Militär Auftrag erhalten habe, im Falle der Erneuerung von Juden-Exzessen sofoO einzuschreiten und von den Waffen unnachstchtlich Gebrauch zu machen. Petersburg, 21. Jan. Gestern sind die ersten Protokolle der Juden-Commissionen beim Ministerium eingelaufen und begann heute deren Sichtung nach den verschiedenen Kategorien der Vorschläge. Die meisten derselben sind für die Juden äußerst ungünstig. Viele Wolisti (Bezirke) verlangen die gänzliche Abschaffung der Juden, andere wieder die Sperrung der Gotteshäuser, die meisten die Schließung der Talmudschulen und fast ohne Ausnahme die Abschaffung der speziell jüdischen Steuern. Fünf Gouvernements und neun Wolostversammlungen petitioniren darum, den Juden den Detailhandel mit Branntwein und den Hausirhandel int Allgemeinen zu verbieten. Woloczyska, 21. Jan. Der Pristaw (Polizeichef) hat befohlen, daß bis zum 3. (15.) Januar sämmtliche österreichische Juden den Ort verlassen, sonst würde gegen dieselben die gerichtliche. Verfolgung eingeleitet werden. Im Befehle ist die Alternative gestellt, entweder ganz ins Ausland zu gehen, oder 50 Werst innerhalb der russischen Grenze sich zurückzuziehen. Da bis heute nicht alle Familien jüdischen Glaubens diesem Befehle nachkamen, wird gegen dieselben die Ausführung der angedrohten Maßregel angeordnet. Petersburg, 26. Jan. Das „Journal de St. Petersbourg“ wendet sich abermals gegen die Bewegung in England zu Gunsten der russischen Juden, indem es die Weigerung des russischen Botschafters in London, die Bittschrift der Juden an den Kaiser zu.übermitteln, bespricht. Das Blatt hat aber wiederum nichts weiter anzuführen, als daß jene Bewegung nur von conservativer Seite ausgehe, um Gladstone Verlegenheiten zu bereiten. Daß diese Voraussetzung durchaus falsch ist, das sich die liberale Presse und hervorragende liberale Persönlichkeiten in gleicher Weise, wie die Conservativen an dieser, den reinsten Humanitären Motiven entsprechenden Bewegung betheiligen, ist unzweifelhaft (S. oben unsren dritten „Londoner Brief."). Das „I. d. P." schließt, indem es ausführt, die Judenfrage sei eine innere russische Angelegenheit und die Gesetzgebung bezüglich der Juden in Rußland sei augenblicklich Gegenstand des Studiums, das nicht durch fremde Elemente gestört werden dürfe. Allein die englische Bewegung hat nicht die Gesetzgebung über die Juden, sondern die scheußlichen Verfolgungen der Juden im Auge und will die Fortsetzung dieser zu verhindern sich benmhen. Was übrigens von dieser Gesetzgebung, wenn sie im gegenwärtigen Zeitpunkte absolvirt würde, zu erwarten stände, das kann man aus dem bekannten Ministerialerlaß und aus den Gutachten und Anträgen schließen, welche so- 6*