Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1882)
- Date
- 1882-02-07
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sein kann, dieser Beweis völlig mißglückt, und vermag die Argumente nicht zu entwaffnen, die Sie , und vor Ihnen schon so bedeutende Gelehrten darüber herangebracht haben. Dabei hat er Ihre Bemerkung, daß die im Talmud vorkommenden Angaben über Jesum durchaus verworren und unchronologisch find, so daß sie aller geschichtlichen Bedeutung entbehren, falsch verstanden und verfällt in den Jrrthum, als ob der Talmud über Jesus gar nichts enthalte. Bemerkenswerth ist der Schluß des Büchleins, aus welchem ich Folgendes wörtlich wiedergebe: „Die jüdischen Gelehrten haben alle in der Absicht geschrieben, um zu zeigen , daß der Druck, der Haß und die Verfolgung, welche die Juden im Mittelalter so oft von Seiten der Christen erduldet haben, unverschuldet war. Wenn sie den wesentlichen Grund zu allem Elende, das u. s. w. in einem Rachefühle bei den Christen, weil aus Veranstaltung der jüdischen Regierung Jesum gekreuzigt worden, so will ich das hinstehen lassen, in wiefern dieses der wirkliche Grund ist und nicht eher blos ein Vorwand war.^ Ich räume ein, daß es ein unauslöschlicher Schandflecken des Lebens der Nationen und der Regierungen, die geduldet oder durch die Finger gesehen haben, bdi diesen grausamen Leiden, die man von Zeit zu Zeit den Juden zugefügt hat. Das einzige, was ich zur Entschuldigung sagen will, denn nichts kann solche Abscheulichkeit'entschuldigen, aber die einzige Erklärung ist, daß es den Juden schwer fällt, sich ganz dem Staatsverein anzuschließen und darin aufzugehen, den er von Geburt angehört. In seinem jüdischen Bekenntniß ist etwas, das ihn zurückhält. Inzwischen verdamme ich jede Verfolgung, welche im Laufe der Zeiten gegen die Inden erhoben worden, ob der Grund dazu aus der Religion oder anderswo her gesucht werde." Rußland. Petersburg, 22. Januar. Es war vorauszusetzen, daß die russische Presse zu den Aeußerungen der englischen Blättter und der hervorragendsten Männer der englischen Gesellschaft nicht stillschweigen wird. Hören wir, wie das bedeutendste Petersburger Blatt, das „.Journal de St. Petersbourg“, dies unternimmt. Es bespricht die Sammlungen des englischen Comitds für die russischen Juden und sagt, Lord Shaftesbury und die Prälaten, welche an der Spitze der Subscription ständen, trieben anstattj Philanthropie eine beklagenswerthe antireligiöse (!!!) und demgemäß antiphilanthropische Politik. Die englischen Journale, vor allen die „Times", hätten über die angeblichen, von russischer Seite verübten Greuelthaten Details veröffentlicht, die von willkürlichster Phantasie und evidentester Böswilligkeit zeugten. Die volle Wahrheit sei vielmehr folgende: Nur an dem Eigenthum, nicht an den Personen habe man sich vergriffen, Todesfälle seien nur ganz I vereinzelt vorgekommen und nur dann, wenn die Menge Widerstand gefunden habe. Die Juden hätten zwar Schaden an Eigenthum erlitten, aber es seien mehr Christen als Juden bei den Plünderungeu um's Leben' gekommen, entweder in Folge von Gegenwehr oder Intervention seitens der Truppen. Die von englischer Seite angegebene Ziffer sei aber so unerhört übertrieben, daß es unmöglich sei, dieselbe näher in's Auge zu fassen. (Es ist nichts leichter als Angaben von Ort, Zeit und Zahl für unrichtig zu erklären, ohne die geringste Berichtigung vorzubringen. Das Petersburger Blatt hätte die Pflicht gehabt, die nach seiner Information richtigen Angaben denen der englischen Blätter entgegenzustellen. Dann erst war es berechtigt, die letzteren für übertrieben, oder gar böswillig übertrieben auszugeben. Es mögen ja inlmerhin in die Detailsangaben Jrrthürmer und Uebertreibungen sich eingemischt haben — der Kern der Sache in seinem ganzen Umfange ist unleugbar, und was früher die russischen Blätter selbst berichteten, giebt die volle Veranlassung, die nachdrücklichste Anklage vor der ganzen Welt zu erheben. So z. B. können die gewaltsamen Austreibungen der Juden seitens der Behörden nach den Verfolgungen nicht geleugnet werden. Redaktion.) Die Erzählungen von Schändung von Frauen seien reine Erfindung, es sei kein Fall irgendwo constatirt, keine Klage darüber angestellt worden. Solche Erzählungen müßten begreiflicherweise zur Steigerung des Effectes in den englischen Berichten dienen. Zu welchem Zwecke aber verbreite man diese Lügen und Uebertreibungen? Gerne würde man in Rußland jede Hülfe zur Milderung des Elends angenommen haben, könne man aber eine solche mit Beleidigungen und Verläumdungen acceptiren? Ohne Zweifel liege hier ein anderer Grund als das Mitleid vor. Gewisse Leute, beabsichtigten, die englische Gesellschaft mit der russischen Gesellschaft zu brouilliren, oder mißfielen vielleicht die guten Beziehungen, welche seit dem Eintritt des Cabinets Gladstone beständen, einer gewissen Partei? Denn anders sei diese Verbindung von Lüge und Philanthropie nicht zu erklären. Die Unruhen hätten im April angefangen und sich seit dem Sommer bis zu dem Ereigniß in Warschau nicht'wiederholt, (Und die Brandstiftungen in 41 Städten und zwar in den Judenquartieren derselben zählen nicht mit? Redakt.) Die russische Regierung sei mit der Regelung der Judenfrage beschäftigt, die ausländische Presse möge diese abwarten und nicht die Frage, deren Lösung ohnedies Schwierigkeiten aller Art biete, verwickeln. So weit das „J. de St. Pet.“ Es versucht, die Triebfedern, welche zu der Bewegung in England führten, zu verfälschen und will dabei vergessen machen, daß es nicht etwa allein conservative Männer und Blätter, also Gegner Gladstone's, sind, welche ihre Stimme erhoben haben, sondern auch liberale aller Schattirungen, so daß hier politische und soziale Motive