Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1882)
- Date
- 1882-02-07
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
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bloße Schwärmerei für ausgedehnte, ganz allgemeine Zwecke der Humanität nur geringen thatsächlichen Erfolg hat, daß vielmehr, um Gutes zu bewirken, in kleineren Kreisen die Hebel angesetzt und benutzt werden müssen, die in der Natur solcher kleineren Kreise liegen. Mögen deshalb die jüdischen Gemeinden Deutschlands nicht unterlassen, Delegirte zu der Versammlung in Berlin zu senden, und diese Delegirte mit Instruktionen zu versehen, um den Gemeindebund zu sichern UnI seinen Wirkungskreis möglichst zu erweitern. ~ Berlin, 23. Januar. Die erste StLdfkammer des Landgerichts verurtheilte Bernhard Förster und Henrici wegen Beleidigung des Magistrats zu je 300 Mark Strafe. (Wann werden diese Herren für ihre Beleidigung der Juden zur Rechenschaft gezogen werden?) Die Beleidigungen waren in einer öffentlichen Versammlung im Mai 1881 geschehen und in dem, seitdem eingegangenen „Reichsherold" des Henrici abgedruckt. — Der Bruder Förster's, Dr. Paul Förster, ebenfalls städtischer Lehrer, sollte als solcher befördert werden. Nachdem aber der Magistrat von dem Auftreten auch dieses Förster in antisemitischen Versammlungen und den daselbst von ihm gethanen Aeußerungen Kenntniß erhalten, fand er sich veranlaßt, diese Beförderung nicht vorzunehmen, resp. dem Provinzial-Schulcollegium nicht vorzuschlagen. — Bekanntlich hat die konservative Partei am 17.. d. eine Versammlung abgehalten, zu der die Delegirten aus allen Provinzen berufen worden. Von dieser Versammlung waren Herr Stöcker und das Berliner Central-Wahl-Comit« ausgeschlossen, worüber Stöcker äußerst erzürnt war. Die „Conservakive Correspondenz" will die Empfindlichkeit Stöcker's beschwichtigen, und thut dies mit folgenden Worten: „Es ist ein großer Gewinn, daß jetzt sich dort (in Berlin nämlich) mehr und mehr Kreise herausbilden, die im Interesse der Partei thätig eingreifen, und mag auch die Art und die Formen der Agitation, wie sie bei den eigentümlichen Verhältnissen einer Stadt wie Berlin sich gestalten, nicht bei allen Conservativen im Lande die volle Sympathie finden, die Thatsache an sich wird ihre wohlthätigen Früchte für das Leben der Partei tragen!" Deutlicher kann man es allerdings nicht sagen, daß die Conservativen die Früchte, welche die antifortschrittliche und antisemitische -Agitation zeitigen würde, zu pflücken bereit sind, daß sie aber die Verantwortlichkeit für die Art und die Formen derselben höflichst ablehnen. Wenn Herr Stöcker und seine Freunde damit einverstanden sind, haben wir selbstverständlich gegen eine solche Bescheidenheit nichts einzuwenden. So scheint denn doch auch jetzt die Vergeltung nicht auszubleiben! S. Esther 6, 13. — Endlich ist die Wahl des Directoriums der „akademischen Lesehalle" am 25. d. vor sich gegangen, und wurden die 10 von der freien wissenschaftlichen Vereinigung aufgestellten Candidaten mit einer Majorität von durchschnittlich 1 I 30 bis 40 Stimmen gewählt. Die Antisemiten sind also i trotz lebhaftester Agitation geschlagen. — In dem antisemitischen und hochkonservativen „Deutsch. Tagebl." begegnen wir einem Artikel, der interessant ist, indem er den Conservativen Tadel, den Juden Lob ertheilt, wenn auch das letztere mit einer gewissen Einschränkung. Er lautet: „Die Reform unseres wirthschaftlichen Lebens ist von derjenigen Partei ausgegangen, welche — das muß offen bekannt werden — dem geistigen Leben der Nation gegenüber sich lange Zeit gleichgültig verhalten hat. Man sehe sich doch die conservative Presse an. Glaubt man, der künftige Kunst- und Literarhistoriker würde sich aus ihr ein annähernd richtiges Bild der geistigen Bewegung unserer Zeit entwerfen? Wir vermuthen, daß irgend ein hervorragendes „liberales" Blatt, etwa die „Franks. Ztg.", allein mehr Material bieten dürfte, als die conservativen Blätter zusammengenommen.... Wer sich, in dem Treiben ^der Reichshauptstadt umsieht, der wird finden, daß die Kunstpflege am Ersten noch in „liberalen" und namentlich jüdischen Kreisen zu Hause ist. Es mag nicht immer die beste Kunst sein, die von dieser Seite gepflegt wird,, aber es gehen doch immerhin von hier eine ganze Reihe geistiger Fäden aus. Das gebildete Bürgerthum betrachtet es als eine Pflicht, der bildenden Kunst seine Theilnähme zuzuwenden und sich da hingezogen zu fühlen, wo es ein lebhafteres Interesse für sie, eine tatsächliche Antheilnahme wahrnimmt. Vergeblich wird man nach den Salons conservativer Männer forschen, die ein Gegenüber zu bieten vermöchten gegen den Kranz von Schriftstellern und Künstlern, den Börsenbarone und „liberale" Bürger um sich versammeln. Wir wissen wohl, daß der Jude vielfach unsere Kunst macht und daß er ihr gegenüber die Hand vom Beutel läßt, nicht weil ihn verständnißvolle Begeisterung drängt, sondern weil er wegen seiner äußeren Antheilnahme einer sehr erwünschten Popularität sich versehen darf. Wie wir so Vieles von diesem Gegner lernen können, so auch in diesem Falle manches sehr Nützliche. Die jüdischen Kunstmäcene sind auch klug genug, den Eintritt in ihre Salons nicht-von einem gewissen politischen Bekenntniß abhängig zn machen; sie wissen vielmehr sich sehr wohl das Ansehen zu erringen, von Vorurteilen frei zu sein und die Kunst als solche immer nach ihren eigenen Gesetzen gelten zu lassen — ein Vorzug, welcher der conservativen Presse nicht immer nachzurühmen war." — Julius Ruppel ist am 26. d. wieder wegen einer einem hiesigen jüdischen Kaufmann durch einen Artikel der „Ostend.-Ztg." zugefügten Beleidigung schöffengerichtlich zn 150 Mark Geldbuße verurtheilt. Diese Leute, die auf Straflosigkeit rechneten, werden nunmehr doch vorsichtiger werden i Coburg, im Januar. (Privatmitth.) In Nr. 31 Jahrg. 1880 wurde in einem Leitartikel über das Gewerbe-Stipendium berichtet, welches der Freiherr von Rast mit einem