Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1882)
- Date
- 1882-02-07
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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glaubten alle besonnenen Financiers, darunter auch viele Israeliten, daß dies eine unerlaubte und für den Markt höchst gefährliche Agiotage sei,,, und suchten derselben durch starke Bäisseoperationen, durch Massenverkäufe ein Ziel zu setzen. Würden sie ihren Zweck erreicht haben, so wären jetzt Hunderttausende vom Ruin gerettet. Bontoux aber wußte seiner Klientel, die zumeist aus klerikalen Adligen und Bürgern sowie aus Geistlichen bestand, die Sache so darzustellen, als ,ob das Ganze eine jüdische Jntrigue sei, der man die Spitze abbrechen müsse zum Schaden ihrer Urheber. Zumal die Jesuiten erhoben ganz offen den Ruf: „Krieg den Juden'" — und alles, was mit ihnen zusammenhing, beeilte sich, Millionen und abermals Millionen Bontoux zu Gebote zu stellen. Mit diesem Gelde kaufte er seine eigenen Werthe in fabelhaften Massen auf und brachte so eine wahnsinnige Hausse in denselben zu Wege; die Union generale unter andern — nominell 125 Franken werth — stieg auf 3000! Wirklich hatten seine.Gegner, die Baissiers, darunter schwer zu leiden. Inzwischen mußte er eine neue Emission von Aktien vornehmen, und um dadurch nicht den Kurs seiner Aktien zu schwächey, nahm er wieder einen Aufkauf seiner Werthe vor. Jndeß dieses Manöver wurde bekannt, Indiskretionen über den wahren Stand seiner Unternehmungen drangen in's Publikum, und das Mißtrauen wurde bald. ebenso allgemein und grenzenlos, wie vorher das Zutrauen. Alles -wollte sich der Bontoux'schen Sachen entledigen, mau stürmte seine Banken, um die dort niedergelegten Depots herauszuziehen. Bontoux mit seinen ungeheuren Hausseeugagements, mit seinen zahlreichen eigenen Aktien stand am. Rande des Bankerotts und dieser hätte den Ruin der Pariser und Lyoner, zum Theil auch der Wiener und anderer Börsen nach sich gezogen. Da ging er zu seinen 'Gegnern, zumal den Juden: Rothschild, ~ Bamberger, Stern. Und diese, des alten Grolls vergessend, . retteten was zu retten war. Sie versammelten die hohe . Finanz von Paris, und diese beschloß, unter ihrer Leitung, dem ^bedrängten Markte zu Hülfe zu kommen. Freilich mußte Bontoux die Schmach.erleben, diesen seinen Konkurrenten seine Bücher offen zu legen! Die Einzelheiten ihrer Operationen können Sie nicht interessiren: genug, sie sprangen den mit Vernichtung bedrängten Wechselageuten sowie den Depotsgläubigern der Bontoux'schen Banken mit Hunderten von Millionen bei. Die Juden sind es, welche die Börse gerettet haben! Die Auflösung der Bontoux'schen Unternehmungen, den Ruin vieler Spekulanten und Privatleute, welche durch den „frommen" Schwindel ihr Vermögen eingebüßt haben, können sie freilich bei'm besten Willen'nicht verhindern. . Deutschland. Leipzig, 24. Januar. (Privatmitth.) Wer ganz unparteiisch, wie dies stets in der A. Z. d. Jud. geschehen ist, die bisherigen Leistungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes beürtheilt, muß die Tüchtigkeit derselben anerkennen, besonders wenn er berücksichtigt, daß jener seitens der jüdischen Gemeinden bei Weitem nicht die Unterstützung gefunden hat, die er fordern konnte. Der Mangel an Interesse für gemeinsame Zwecke, für solche, die sich nicht auf das Weichbild einer Gemeinde beschränken, stand ihm hierbei im Wege, ein Mangel, der nicht sowohl den Gemeinden selbst, als meistens ihren Vorständen zuzurechnen ist. Wie das gegenwärtige Leben einmal beschaffen ist, bedarf es, namentlich für jüdische Zwecke, der Anregung an jedem Orte durch einflußreiche Personen- Fehlt diese, so pflegt auch Nichts zu geschehen. Abgesehen von mancherlei Wohlthaten in speziellen Fällen, hat der Gemeindebund eine Menge von nützlichen Ideen ausgesprochen und in das Publikum gebracht, deren Ausführung allerdings noch einer längeren Zeit und ausdauernder Bemühungen bedürfen werden, deren Anregung und Vorbereitung aber schon verdienstlich und nutzbringend ist. Wir erinnern z. B, cm die Organisation der Armenpflege, an die Förderung des Religionsunterrichtes, an die Ausbildung von Religionslehrern, an die Unterstützung jüdischer LehrerunLerstützungs-Kassen, an die Darlehnskasse für Frauen und Jungfrauen zur Erlangung eines gewerblichen Lebensunterhaltes u. s. w. Es sind dies Bestrebungen, die nicht so viel öffentliches Geräusch machen, wie es bei anderen Vereinen geschieht, die . aber wesentlichen, thatsächlichen Bedürfnissen Abhülfe schaffen, wenn sich erst größere Mittel dazu einstellen. Es hat deshalb allseitig einen schmerzlichen Eindruck gemacht, daß die sächsische Staats,- regierung dem Gemeindebunde die Rechte einer juristischen Person und damit auch die Existenzberechtigung verweigert hat. Um so mehr , ist es Pflicht aller Freunde des Jndenthums, die beabsichtigte Uebersiedelung nach Berlin möglichst zu fördern. Wenn wir sagen „Freunde des Judenthums",,, so legen wir ein besonderes Gewicht auf die durchaus humanitären Ziele, die der Gemeindebund verfolgt, und die wir oben gekennzeichnet haben. Es liegt hier kein ausschließendes Interesse zu Grunde, sondern allein die Befriedigung humanitärer Bedürfnisse, die in einem bestimmten Kreise vorhanden sind, und wir brauchen nicht erst darauf hinzuweisen, daß es ähnliche Vereine in allen Religionsgenossenschaften und Confessionen giebt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die