Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1882)
- Date
- 1882-02-07
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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'HMWM SS halbbarbarisch und intolerant verschrieen, dennoch, trotz der vielfachen Hetzrufe vom Ufer der Spree aus, trotz der Agitation mancher den Impuls von dorther erhaltenden Dunkelmänner es zu Tätlichkeiten,. zu Plünderungen, ja zur Bedrohung des Lebens seiner jüdischen Mitbürger es nie und nirgends kommen ließ, so wie es auch mein Nationalstolz von sich sagen kann, daß sogar im Mittelalter, wo anderswo am Ufer des Mains und Rheins, am Tajo und am Manzauares, an der Rhone und in der Provence Scheiterhaufen loderten und die Inquisition Hekatomben von unschuldigen Glaubensgenossen hinschlachtete, daß selbst zu dieser Zeit der Finsterniß und des Glaubenshasses Ungarn von allen blutigen Judenverfolgungen gänzlich frei blieb und an"dem blanken Schilde seiner immer bewährten Freisinnigkeit kein Tropfen Judenblut, aus Religionshaß vergossen, haftet." — „Das Gefühl dieses Stolzes lebte jedoch schon seit lange Werk nach dem andern, und gehöre auch zu den eifrigsten Lesern der Allgemeinen Zeitung des Judenthums." So weit der Brief, aus welchem wir alles, den Briefsteller wie uns betreffende Persönliche weglaffeu und zu dem wir folgende Bemerkung hinzusügen. Es ist leider! nicht zu verkennen, daß in den letzten Jahrzehnten ein großer Theil der wissenschaftlich gebildeten und der Wissenschaft lebenden jüdischen Jugend sich dem Judenthume gegenüber gleichgültig, kalt, ja sogar antipathisch verhielt. Der Ursachen dieser Erscheinung sind mehrere. Bei den Einen wurde diese Entfremdung durch die, in der Kultur zurückgebliebene jüdische Umgebung veranlaßt, bei den Anderen durch den Mangel an Religionsunterricht, dem ja jetzt erst mühsam abgeholfen wird, und an religiöser häuslicher Erziehung, bei den Dritten endlich wirkte die in der Wissenschaft geltende Richtung, welche in ihrer Selbständigkeit, der Religion und aller geschichtlichen in mir; wenn ich hingegen von der Regung eines Stolzes in Autorität kritisch, wenn nicht feindselig entgegenstrebte uub mir sprach, der mir bisher fast ganz unbekannt war, so ist dies der Stolz darauf, daß ich Jude bin." . „Aufgewachsen in einer kleinen südungarischen Provinzialstad t, schon seit meiner frühesten Kindheit in Folge der damaligen Familien- und anderer Verhältnisse zumeist in Gesellschaft von CH ristem lebend, ziemlich unaufgeklärt über die Geschichte, über das Wesen, über das innere Herz des Judenthums, das ich — wie so viele Andere — mit manchen, mir auch heute nicht sympathischen Gebräuchen des äußeren Gottesdienstes in der schmuck- und tonlosen Synagoge meiner Vaterstadt verwechselte, in der deutschen Sprache selbst nur nothdürftig bewandert, so trat ich mitten in's Leben der Großstadt (Wien und Budapest) hinein, und ich muß gestehen, daß Vieles — leider sehr Vieles — was ich seit jenen 14 Jahren durch mannigfache Berührung mit Glaubensgenossen von Seite dieser zu erfahren bekam, die Neigung, mich mit dem Judenthum eingehender zu befassen, mich demselben mit aller Wärme meines Herzens zuzuwenden, wenn auch nicht hinderte, doch wenigstens nicht anspornte. Es mußte erst das Jahr 1880 und 1881 mit seinen Schändlichkeiten kommen, um mich aus meiner Apathie gegenüber meinen eignen Glaubensgenossen aufzurütteln, mir die Augen über die wahre Bedeutung des Judenthums zu öffnen. So mag es ja Hunderten und Hunderten außer mir ergangen sein, und so dürften Stöcker und Consorten gerade das Entgegensetzte ihres Zieles, nämlich statt der Schwächung, die Kräftigung des Judenthums als eine.ihnen sehr unwill kommene Folge ihres mittelalterlichen Kreuzzuges heranreifen sehen." „So interessirt mich seit anderthalb Jahren kaum mehr ein Gegenstand, als die Geschichte und die gegenwärtige politische und soziale Lage der Juden in allen Ländern der Welt. Nach der ersteren Richtung hin durchstöbere ich ein der humanitären und sittlichen Wirkung jener entbehren zu können glaubte. Welche Nachtheile aber, besonders für eine Minorität, wie die Bekenner des Judenthums sind, und bei den sonstigen zersetzenden Wirkungen ihrer Verhältnisse aus einer solchen Entfremdung gerade des begabtesten Theiles der Glaubensgenossenschaft entspringen müssen, ist einsichllich. Möge daher das Bild, welches der Verfasser des obigen Briefes entwirft, aus der vollen Wirklichkeit gezogen sein, und derselbe Vorgang in recht zahlreichen Geistern sich entwickeln! Ist es doch eine psychologische Wahrheit, daß das Mitgefühl den Weg zur Liebe öffnet, und zwar zu jener idealen Liebe, welche nicht aus persönlichen Beziehungen, sondern aus dem Geiste der Humanität, aus dem Vollgefühl der Menschenwürde und aus dem geistigen Werthe des Objektes entspringt. Fürwahr, dann blicken wir mit Zuversicht auf die Zukunft, auf die fernere Gestaltung des inneren Lebens unsrer Religion und unsres Stammes! Die jüngsten Vorgänge an der pariser Lörse. Paris, den 26. Januar. Sie kennen bereits den großen Börsenkrach, den hier und in Lyon der Zusammensturz der abenteuerlichen Bontoux'schen Gründungen hervorgebracht hat. Wieder einmal ist der Versuch mißglückt, „das Kapital zu" christianisiren." Der Antisemitismus hat an der Börse kein Glück, in Paris und Wien ebenso wenig, wie-in Brüssel oder Antwerpen. Im Gegentheil haben aber die jüdischen Finanzmänner in dieser Angelegenheit eine sehr gute Rolle gespielt, auf die ich Ihre Leser vielleicht in einigen Worten aufmerksam machen darf. Der Schwindel begann damit, daß Bontoux die Aktien seiner Union genoralo von 125 auf 1600 Franken trieb. Da