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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-07 · Heft 6 (7.2.1882) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 6 (7.2.1882)
Date
1882-02-07
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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„Temps" vom 24; Januar auszüglich Folgendes mittheilen. Nachdem er über die Antisemitenliga in Deutschland, die Verfolgungen in Rußland und die hiergegen gerichtete Bewegung in England, welche übereinstimmend von Vertretern der anglikanischen, der katholischen Kirche und der Dissidenten angeregt worden, gesprochen, erhebt der Redner die Frage, ob Frankreich sich in diesem Werke der Großmuth überholen lassen'wolle zu der Zeit, wo Lüneville sich anschickt, dem Abbe Gregoire, welcher die Initiative zur Emanzipation der beiden Parias der katholischen Welt, des Inden und des Negers, ergriffen habe, eine Bildsäule zu setzen? Untersuchend, welche die Haltung der Christen Legen Israel sein soll, setzt er auseinander, was die Vergangenheit betrifft, so sei sie durch die Vorschrift der zehn Gebote bestimmt: „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, auf daß Du lange lebest auf Erden". Israel ist in Wahrheit der Vater der "christlichen Welt. Es ist. das erste Volk, das zur Erkenntniß des einzigen Gottes gekommen ist, und erweist sich so als der Vater der religiösen Menschheit; das Christenthum ist nur gleichsam ein aufgepropfter Zweig auf diesen Stamm. Zugleich spricht er aus, daß er nicht allein in Israel den religiösen Vater, sondern auch den sozialen sieht, und für ihn die Gesetze Moses, befreit von den Vorschriften, die nur einen localen Charakter hatten, der ideale Typus der menschlichen Gesellschaft, zu dem der Fortschritt hinführt, seien. Das Gefühl der Christen für die Vergangenheit Jsrael's muß also eine Art kindlicher Verehrung sein und diese Vergangenheit gebietet ihnen für die Gegenwart und die Zukunft gegen dieses unglückliche Volk Rücksichten, welche der Prediger sehr beredt in einem warmen Appel an den Geist der Duldsamkeit auseinandersetzt. Wir hoffen, daß dieser Vortrag vollständig veröffentlicht werden wird, und werden wir dann auf ihn zurückkommen. Die mächtige Bewegung in England klingt auch in Frankreich wieder, ohne jedoch, außer in einigen Journalartikeln, ein Echo zu finden. Das Journal des Debats vom 26. Januar giebt in einem Leitartikel seinem Erstaunen Worte, daß der Glaube, die Barbarei sei vor der Macht der Civilisation in Europa geschwunden, durch die Vorgänge in Rußland so gründlich enttäuscht worden sei. Nach einer kurzen Schilderung der Vorgänge in Rußland und lebhafter Brandmarkung derselben, schließt es mit folgenden Sätzen: „Welches Geschick! welcher Stempel des Unglücks ist dieser Nation ausgeprägt, die ihrem Gotte, ihrem Cultus, ihren Traditionen, ihren Gewohnheiten so energisch treu ist!. Welche unzerstörbaren Hoffnungen leben in ihr und welch' langes Martyrologium ist ihre Geschichte! England ist aufgeregt von dem Berichte dieser neuen Grausamkeiten, Frankreich kann nicht gleichgültig bleiben. War nicht das französische Volk nach Holland das erste, welches die Duldsamkeit proklamirte? Hat nicht unser ganzes 18. Jahrhundert für die Humanität gekämpft im wahren Sinne des Wortes? Haben nicht unsere Väter zuerst auf ihre Fahne den Grundsatz der Solidarität aller Menschen geschrieben? Die Seufzer und Schmerzensrufe der Verfolgten, wer sie auch seien, haben in den französischen Herzen stets einen" andauernden und tiefen Wiederhall gefunden." So schreibt Herr A. Bardoux im „I. d. D." Wir werden sehen, ob dieser „Wiederhall" sich bethätigt. Ein Wort aus Ungarn. Wir erhalten von einem, in einem Staatsamte fungirenden, wissenschaftlichen Manne ein Schreiben, aus welchem wir folgende Stelle wiedergeben: „Ich bin meinem Glauben und meiner Abstammung nach Jude und gehöre zu jenen Tausenden und Tausenden unseres so oft und so ungerecht verfolgten, verachteten, bedrängten, beneideten, mißverstandenen und verleumdeten Stammes, die noch vor Kurzem ihren eigenen Glaubens¬ und Stammesgenoffen gegenüber, wenn auch nicht feindlich, so doch fremd, kalt und gleichmüthig, der wärmeren- Gefühle unserer Zusammengehörigkeit ziemlich bar, der schönen Mission und der hehren Leidensgeschichte unseres Volkes während fast zweier Jahrtausende, wenn auch nicht unbewußt, so doch uneingedenk, bis vor Kurzem, sage ich, dem Judenchum nur äußerlich, dem Namen nach angehörten." „Mich, und mit mir so viele Andere auf dem ganzen Erdenrunde, wo es nur Juden giebt, haben die, leider aus Ihrem Vaterlande ausgegangenen allerjüngsten antisemitischen Agitationen, die in Rußland (und theilweise auch in Pommern) so zum Himmel schreiende „praktische" Bethätigung fanden, mich haben Henrici und Stöcker, mich haben Neustettin, Schievelbein und Pollnow, Kiew und Elisabethgrad, Odessa und — Warschau wieder zum Juden gemacht? Die schmachvollen Vorgänge des unseligen Jahres 1881 erregten in meiner Brust ein Gefühl unsagbarer Empörung, Bitterkeit, aber auch nach der anderen Seite hin eines wenigstens der einen Richtung nach bisher ganz unbekannten Stolzes. Empörung über das „praktische" Christenthum eines inmitten des „Denkervolkes" amtirenden und gelittenen „Hofpredigers" und seines großen Anhanges, Empörung über die bisher in unserem»Jahrhundert für unmöglich gehaltenen Raub- und Blutszenen gegen unsere Glaubensgenossen, Bitterkeit darüber, daß die von mir immer so hochgeachtete Civilisation des deutschen Volkes eine solche, die ganze Menschheit entwürdigende, die Aufklä- - rung unserer neuesten Zeit verdunkelnde Strömung aus! ihrer Mitte, aus der „Stadt der Intelligenz" entstehen und > groß werden sehen mußte. Endlich Stolz, innigen, gerechten l Stolz darüber, daß ich einer Nation angehöre, der magyariijtfjen, die, obwohl von manchen deutschen Chauvinisten als

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