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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-02-07 · Heft 6 (7.2.1882) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 6 (7.2.1882)
Date
1882-02-07
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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sich zu verschaffen verstanden. Erst seit einigen Jahren ist ihnen gestattet, im Parlamente zu sitzen, aber das Haus der Gemeinen zählt schon mehrere Juden unter den einflußreichsten Mitgliedern. Aber trotzdem, daß die Juden sich immer in der englischen Presse und Politik fühlbar gemacht haben, ihre Erfolge haben keine Opposition wachgerufen. Welche Fehler die englische Nation auch haben mag, eine eifersüchtige Ausschließung war in letzter Zeit nicht in ihr. Die Freiheit unserer Institutionen brachte uns dahin, die Napoleonische Maxime „La carrifcre ouverte aux talents“ int weitesten Sinne zu adoptiren. Lord Beaconsfield, der mit ehrenwerthem Muthe sich seiner jüdischen Abstammung rühmte, was andere ihm vorwerfen zu können glaubten, erhielt von der englischen Nation und dem englischen Parlamente die größten Ehrenbezeugungen, mit denen ein Bürger belohnt werden kann; und wenige Männer stehen höher in allgemeiner Achtung denn der ehrwürdige jüdische Philantrop Sir Moses Montefiore. Welches ist aber die Quelle dieses öffentlichen Hasses gegen die Juden in" vielen Ländern Europas, besonders in Deutschland und Rußland? Die Bewegung ist nur zum Theil, und zum aller kleinsten Theil eine religiöse und obendrein noch sehr zweifelhafter Natur. Diese etwas lächerliche antisemitische Liga ist zusammengesetzt aus Radicalen, Socialisten, Protestanten und Katholiken. Sie hat ihre Existenz der ewigen Unpopularität der jüdischen Race zu verdanken. Es giebt kaum ein Zeitalter, ein civilisirtes Volk in der Weltgeschichte, das nicht auf der einen oder andern Weise eine Antipathie den Juden gegenüber verrathen hat. Die Affyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer, Syrier' und Egypter, alle haben sich Verbrechen gegen den jüdischen Stamm zu Schulden kommen lassen. Die Literatur des Alterthums ist überflutet von grausamen Jnjurien und nichtswürdigen Verläumdungen gegen sie, und, eiMedenk der Niedermetzlungen in so vielen Ländern, können die'Juden mit den Worten des Horaz fragen: .... Quod mare lugubres Non deeoloravere caedes? Quaö caret ora cruore nostro? Ohne Zweifel war die Abschließungssucht (tribalism) der Juden die Ursache der Verfolgungen, aber sie waren zum Theil auch Folgen gerade der Tugenden, deren einziger Schutz, in heidnischen Ländern, diese Abschließung war. Zu einer Zeit, wo Götzendienerei und Corruption allgemein waren, war eine Jsolirung nöthi'g, um die Reinheit der jüdischen Religion zu erhalten, diese Jsolirung war berechtigt, wenigstens ursprünglich, durch göttliche und Providenzielle Heiligung. So Herr Farrar. ' - III. London, 22. Januar. Die Thätigkeit unserer Gemeindevertreter nach Innen und nach Außen ist jetzt auf einen Punkt gerichtet, nämlich wie unfern Brüdern jenseits der Weichsel zu helfen sei, und das gilt nicht allein von der Hauptstadt, auch die Provinz thut sich in dem edlen Streben hervor, moralisch wie materiell zur Linderung der Noth beizutragen. Allerdings ist diese Thätigkeit mehr vorbereitender Natur, und dringt daher sehr wenig -in die Oeffentlichkeit. Es ist bei dem gegenwärtigen internationalen Stadium der Judenfrage nur ein. Beweis, mit welchem Tactgefühle unsere Gemeinden zu Werke gehen, dennoch glaubte ein Mainzer Blatt ein gutes Werk zu vollführen in der Behauptung, unser Chief Rabbi sehe ruhig zu, wie christliche Geistliche die Sache der Juden in die Hand nehmen. Im Laufe der vorigen Woche haben fast sämmtliche Tageszeitungen und Wochenschrifteil die Judenverfolgungen inRußland, besprochen. Die Saturday Review, Spectator verurtheilten die Verfolgungen. Daily Telegraph und Pall Mall Gazette, ein Tory- und ein Whig-Organ also, eröffneten den Reigen unter der Tagespresse der Hauptstadt. Ersterer ermahnt die Regierung ihrer Majestät, keine Zeit zu verlieren, einen energischen Protest gegen die fürchterliche Grausamkeit, von russischen Unterthanen gegen die Juden verübt, an den Czaren zu adressiren. Dem Beispiele der Times folgte die hauptstädtische und provinziale Presse. Die liberale Daily News meint bei der Besprechung der Warschauer Ausschreitungen, daß „der nüchterne, gebildete, sparsame Jude natürlicher Weise' im commerziellen Wettstreit den betrunkenen, unwissenden und ausschweifenden Russen -überwindet. Dieser haßt und beneidet ihn, statt entweder sich selbst.zu reformiren oder seinen Unwillen an den unpersönlichen Gesetzen der Natur auszulassen." Die 8t. James’s Gazette fragt, „ob nicht von der Regierung auf Unterstützung für die obdachlos gemachten Israeliten zu rechnen sei,. besonders von Gladstone, wenn der Moscovitische Bashi Bozoük,' gleich seinem türkischen Genossen Raub und Nothzucht dem Morde und der Brandstiftung hinzufügt". Wahrlich der gerechte Zorn, welcher bei der Nachricht der Gräuelthaten im Jahre 1876 in der Brust des Herrn Gladstone „wie Feuer brannte", kann nicht ganz unbewegt bleiben bei der Von 1881". Die Liverpool Daily Post,' Birmingham Daily Gazette, Manchester Examiner, Salford ChrcJnicle, Norwich Argus und Leominster News verurtheilen mit aus dem Herzen kommenden Worten die Behandlung, die den Juden jetzt zu Theil wird. Das Salford Chronicle meint, „die fortgesetzten Agitationen gegen eine hilflose Race ist eine dauernde Schande für die Gegenwart und jede Regierungeines civilisirten Volkes, die dem ruhig zusieht." Die «Birmingham Daily Post" verfährt bei dieser Gelegenheit strenge mit den liberalen Vertheidigern der «Rights of Man", wenn sie sagt, daß der moderne Liberalismus in der Adoptirung einer bigoten Politik gegen die Juden alle seine stolzen Prätensionen Lügen straft, ist ein außerordentliches Schauspiel.

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