Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-31 · Heft 5 (31.1.1882) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 5 (31.1.1882)
Date
1882-01-31
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227393-3227399--39621-3257213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

TW 76 Der „Pol. Corr." wird unter dem 7. Jan. geschrieben, ersichtlich zur Rechtfertigung der Behörden: Dank den be- < sonderen Vorsichtsmaßregeln, welche durch den Oberpolizeimeifter' General Buturlin, für den Dreikönigstag getroffen worden waren, hatte man gestern keinerlei Ordnungsstörungen in unserer Stadt zu beklagen. Mit den Präventivanstalten, die General Buturlin zur Verhütung fernerer Excesse trifft, halten die Recherchen, die er über die Urheber und die näheren Umstände der bedauerlichen Unruhen, anstellt, gleichen Schritt. General Buturlin richtete an seine Untergebenen eine Currende, in welcher er das barsche und ungebührliche Vorgehen, dessen sich einige untergeordnete Polizeiorgane anläßlich der Warschauer Exzesse gegenüber jüdischen Bürgern schuldig machten, scharf rügt, hieran die Mitteilung knüpft, daß gegen die bezeichneten Personen bereits die Untersuchung eingeleitet wurde und zum Schluffe aller Polizeifunctionären ein ähnliches Auftreten unter Androhung schwerer Ahndung streng untersagt. Der Oberpolizeimeister entwickelt in der exemplarischen Bestrafung derjenigen Individuen, deren Theilnahme an den letzten Exzessen bereits constatirt ist, den lebhaftesten Eifer. So ließ er mehreren Hundert jungen Burschen, die an der Zerstörung und Plünderung redlich mithalfen, in Gegenwart ihrer Eltern oder deren Stellvertreter gleichzeitig Stockstreiche appliciren, deren Anzahl die Letzteren zu bestimmen halten. Er verpflichtete ferner die Eltern und Lehrherren zur strengeren Ueberwachung der Burschen und machte sie für die Folge für alle etwaigen Ruhestörungen der Letztem verantwortlich. Da die Citadelle die übergroße ' Anzahl der Verhafteten nicht zu fassen vermag, wurden etwa Zweihundert derselben nach Modlin überführt, hierunter auch mehrere Juden, die in der Zurückweisung der gegen sie gerichteten Angriffe die Grenzen erlaubter Selbstvertheidigung überschritten hatten. — Die Warschauer Presse betrachtet einstimmig die Judenhetze als ein noch traurigeres Ereigniß, denn das Unglück in der Kreuz-Kirche. In einem Leitartikel der Extra- Ausgabe der „Gazeta Warszowska", welche das älteste und angesehenste Warschauer Blatt ist, heißt es: „Groß ist unser ■ Schmerz, denn niemals hätten wir eine so barbarische Demüthigung unseres Stolzes als zivilisirte Nation erwartet. Es gibt ein Band unter Glücklichen, aber ein noch festeres Band bildet unter Menschen die Noth. Gestern wurden auf den Gassen von Warschau die heiligen Rechte der Noth vergewaltigt. Haben denn diese Väter von hungernden Familien, haben denn diese Bursche, die im Schweiße ihres Angesichtes das ABC. des Handwerks lernen, haben denn diese Weiber, die ihrem Säuglinge die ausgetrocknete Brust reichen, daran gedacht, daß sie das Elend und die Noth nur vergrößern? Daß sie armen Kindern und Säuglingen den letzten Bissen armseliger Nahrung vom Munde reißen? Es gibt keinen größeren Schmerz, als es der Anblick freiwilliger Erniedrigung Derjenigen ist, die man geliebt hat. Ein Haufe Warschauer Volkes hat uns gestern diesen Schmerz bereitet. Ein Hund in seiner Wuth bleibt beschämt vor einem jungen Hündlein stehen, wenn dieses nur durch Winseln sich wehrt. Der Pöbel hak gestern gegen Wehrlose gewüthet. Gines nur vermag uns einigermaßen zu trösten, daß nämlW die Elemente des Unfriedens gestern eingesehen haben, wie schwach sie vertreten sind; denn wir fürchten bei Aufstellung einiger Wachposten keine Wiederholung der traurigen Ereignisse, der anwidernden Mißbräuche." Bonn, 22. Januar (Notizen). Wir erhalten von Wien unter dem 17. die Trauerkunde, daß an diesem Tage der Direktor Simon Szänto, Redakteur der „Neuzeit", verstorben ist, Diese Nachricht erschütterte auch uns sehr tief, da wir erst in den letzten Wochen wieder in lebhaftem Verkehre mit dem Verewigten gestanden, der voll Zuversicht und Thatkraft in die Zukunft schaute. Wir werden eine biographische Skizze von dem Verstorbenen bringen. Wie uns mitgetheilt wird, will die Wittwe die „Neuzeit" mit Hilfe einer bewährten Kraft fortsetzen. — Am 16. d. verstarb zu. Brüssel Dr. Ludwig Wihl im 76. Lebensjahre. Wenu von demselben seit langer Zeit nichts veröffentlicht worden, so Reibt darum doch sein schönes Dichtertalent in gutem Andenken und er wird aus einer sehr bewegten Zeit, nämlich bis 1850, als ein eifriger und begabter Mitstreiter nicht vergessen werden. Er war 1806 in Wevelinghofen geboren, bekundete frühzeitig eine glückliche Beanlagung und' wollte sich nach vollendeten Universitätsstudien der akademischen Laufbahn widmen. Allein weder in Preußen noch in Bayern wurde er als Jude zu diesem Berufe zugelassen, und er hing mit zu vieler Ueberzeugungstreue an der Religion des Judenthums, als daß er sein irdisches Wohl mit dem Abfall von ihm erkauft hätte. 1836 gab er einen Band Gedichte heraus, die vielen Beifall fanden und von denen jetzt Manches in Gedichtsammlungen ausgenommen wird. Er betheiligte sich mit Gutzkow an der Redaktion des „Phönix" und des „Telegraphen". Ein Versuch, in Frankfurt eine Erziehungsanstalt zu gründen, schlug fehl. 1847 gab er seine „Westöstlichen Schwalben" heraus, in denen er besonders seine warme Liebe für Israel zum Ausdruck brachte. Sie konnten aber bei der großen politischen Erschütterung, die zur selben Zeit eintrat, nicht durchdringen; doch wurden sie später ins Französische übersetzt. 1849 übernahm er die Redaktion eines politischen Blattes in Paderborn, wurde aber wegen eines Leitartikels zu einem Jahre Haft verurtheilt, der er sich durch die Flucht aus dem Baterlande entzog. In Paris machte er .sein Examen und wurde als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur am Lycäe in Grenoble angestellt. Im Jahre 1860

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.