Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1882)
- Date
- 1882-01-31
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227399--39619-3257211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zum besseren Verständnisse des Hetzversuchs sei es gegestattet, hier in gedrängter Kürze ein Bild der syrmischen Verhältnisse zu entrollen. Der kroatisch-serbische „Bruderzwist" wogt nirgends heftiger, als eben in Syrmen und hat, nächst der-Verwaltung der weiland. Mazsuranics'schen Aera es glücklich zuwege gebracht, eine fruchtbare Provinz zu ruiniren. Die über den Parteien stehende Regierung des jetzigen Bonus/ welche den serbenhetzenden großkroatischen Heißspornen einen gelinden Dämpfer aufsetzte, hat dadurch die hier zu Lande gxößtentheils den Besitz und die Intelligenz repräsentirenden Serben gewonnen und den „Unabhängigen" den Boden unter .den Füßen weggezogen. Darob große Entrüstung unter der hier zumeist aus ehrgeizigen katholischen Geistlichen bestehenden großkroatischen Partei. Flugs, verwandelt sich die einst sogenannte „nationalliberale" Partei in eine ultramoniane schwärzester Färbung, versetzt mit einerstarken Dosis Starcsevicsianismus. Die Politikmacherei muß der konfessionellen Hetze das Feld räumen, kroatischer Patriotismus und katholisch-klerikale Hetzsucht werden als identische Begriffe proklamirt. Die totalen Mißerfolge, welche die Herren bei den letzten Gemeinderaths- und Landtags-Wahlen zu verzeichnen hatten, da sich das nüchterne bürgerliche Element, auch katholischer Konfession, von ihnen lossagte, steigerten die Erbitterung nur noch mehr. Auf'das ausgeprägte nationale Bewußtsein des Volkes spekulirend und den unauslöschlichen Haß zwischen Griechisch-Orientalischen und Katholiken schürend, erklären sie den Patriotismus als Monopol,.und es regnet Hiebe auf Alle, die nicht unter einer Decke mit ihnen spielen. - Genaue Kenner der hiesigen Verhältnisse können sich der Befürchtung nicht entschlagen, daß eine Fortsetzung der begonnenen Agitation die traurigsten Folgen haben könne) und zahlreiche Rufe nach der Staatsanwaltschaft und der Regierung werden laut. Im Grunde erscheint die Hetze gegen die Serben gerichtet, resp. gegen die jetzige tolerante Landesregierung. Die Juden müssen dran, weil sie eben, vereint mit den Serben, die Regierung unterstützen, und dann, weil es doch auch eine kleine Unterhaltung ä la Neu-Stettin u. s. w. geben muß. Die Bekenner des Judenthums bilden einen allzu verschwindenden Bruchtheil der Gesammtbevölkerung und sind in viel selteneren Fällen Wucherer denn die Herren von der Gegenpartei, als daß sich die Mühe eines großangelegten Feldzuges gegen sie — und damit scheinen wir es hier zu thun zu haben — verlohnen sollte. Natürlich 'würden es die frommen Herren „Unabhängigen" gern sehen, daß auch die Juden ein wenig geklopft wurden. Aber wenn der Staatsanwalt so schnell reitet wie die Todten, dürfte die Liebesmühe verloren sein. Großbritanmeu. London, 15. Januar, (Privatmith.) Die Greuel, die seit mehr als einem halben Jahre in Rußland an den Juden ■ verübt worden, fanden zwar, wie sie nach und nach geschahen, in der westeuropäischen Presse Erwähnung und kurze Berichte, aber in ihrem Zusammenhänge, in ihrer Totalität-keine'Darstellung und Erwägung. Die traurigen Vorgänge in Rußland überhaupt nach allen Seiten des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens hin zogen die Aufmerksamkeit so auf sich,- erhielten gewissermaßen in solcher Spannung, .daß die Juden- Verfolgungen nur als ein Einschlag mehr in das düstere Gewebe erschien, welches Rußland gegenwärtig darbietet. Die Mißhandlungen der Juden in ihrer Besonderheit wurden deshalb fast ruhig hingenommen, und das öffentliche Gewissen der civilisirten Welt, das früher z. B. bei den viel geringeren Judenverfolgungen in Rumänien, sich so laut vernehmbar gemacht hatte, schwieg diesmal so gut wie ganz still. Die Times vom 11. und 13. d. haben diesen Bann nunmehr gebrochen. Sie brachte in zwei längeren Artikeln eine Schilderung der während der neun letzten Monate des verflossenen Jahres im Süden und Westen von Rußland gegen die jüdischen Bewohner verübten Grausamkeiten und Gewaltthätigkeiten, welche nach den Worten des Correspondenten die Rohheiten und Schandthaten der schlimmsten Tage der Commune, die barbarischen Schrecken der Kriegsverheerungen des Mittelalters, wie auch die vielbesprochenen bulgarischen Gräuel in Schatten stellen. Die Wirkung' dieser Artikel war eine außergewöhnliche. Die Pariser- Blätter, namentlich das „Journal des D6bats“ bom 13, d., knüpften scharfe Leitartikel an den der Times und selbst viele deutsche Zeitungen können sich nicht enthalten, davon Notiz zu nehmen. Man begreift nicht, wie sich die russische Regierung bei dieser sich immer weiter verbreitenden Mißhandlung ihrer eigenen Unterthanen so passiv verhalten konnte, daß der Pöbel zu der Meinung kommen mußte, daß die Plünderung und Mißhandlung -der Juden von oben her begünstigt werde. Obgleich man selbstverständlich den Kaiser und seine nächste Umgebung von jenem Vorwurfe frei hält, so fragt man sich doch, warum diese Plünderungen so lange währen konnten, während bei dem ersten wirklichewEinschreiteii der Sicherheitsbehörden die Aufrührer auf's Leichteste zerstreut wurden und jene nur selten einigen Widerstand fanden? Was so nach ziemlich beendetem Raubzuge möglich war, warum geschah es nicht am Anfang? Die Times citirt auch die Antwort des Gouverneurs von Kiew, daß er seine Soldaten um der Juden willen nicht in Bewegung setzen wolle, sieht diese als ein charakteristisches Symptom an, und folgert daraus auf eine Zersetzung innerhalb der Organisation der Behörden. Die Times zeigt-ferner daraus