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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-31 · Heft 5 (31.1.1882) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 5 (31.1.1882)
Date
1882-01-31
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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dem gewährt die Gesellschaft augenblicklich 7 Akademikern, welche theils auf der Baugewerk-Akademie, theils auf der technischen Hochschule die Vorlesungen hören,, die zur Förderung dieser Studien nöthigen Mittel. Wenn die . numerischen Erfolge der Gesellschaft nicht sehr bedeutende sind, so liegt das hauptsächlich in den schwierigen Verhältnissen aller Art, die sich den Knaben jüdischer Confession bei Erlernung eines Handwerks noch immer entgegenstellten. Trotzdem kann die Gesellschaft mit Genugthuung auf ihre nunmehr bald 70jährige Thätigkeit zurückblicken, denn zu ihren ehemaligen Zöglingen zählt eine große Anzahl sehr bedeutender Handwerksmeister Berlins. In neuerer Zeit hat sich auch die Zahl der Gesellschaftsmitglieder in sehr erheblicher Weise vermehrt. Die Gesellschaft ist bemüht, mit Hülfe der Schulen, Waisenhäuser rc. in den jüdischen Knaben die Liebe zum Handwerk zu wecken und diesen die Ueberzeugung beizubringen, daß Handwerk noch immer einen goldenen Boden hat und oftmals lucrativer sei, als irgend ein Handelsgeschäft. Zw diesem Zwecke ist auch die Gesellschaft mit den meisten jüdischen Gemeinden des preußischen Staates in Ver bindung getreten. Bezüglich des Ackerbaues hat die Gesellschaft nur geringe Erfolge aufzuweisen. Es erklärt sich dies einmal aus dem Umstande, daß die Juden, als zum größten Theil Städtebewohner, naturgemäß sich nur selten dem Ackerbau widmen, anderentheils sind aber diejenigen jüdischen Knaben, die mit der Aussicht auf dereinstige Selbstständigmachung die Landwirthschaft erlernen, materiell so gestellt, daß sie der Hilfe der Gesellschaft nicht bedürfen. Die Bilanö der Einnahmen und Ausgaben vom 1. April 1875 bis 31. De zember 1881 beziffert sich aus 40,911 Mk. 27 Pf., das Ver° mögen der Gesellschaft beträgt 77,575 Mk. — Es wurden hierauf einige Statuten-Aenderungen vorgenommen. Zum Schluß wurden Kaufmann S. I. Semon, Kaufmann Leopold Lesser, Prof. Dr. Brest lau, Malermeister Bodenstein, Maurermeister Adler, Hof-Kunstschlossermeister Arnheim lau., Commerzienrath Friedlaender, Maurermeister Fränkel und Rentier H. Arons wieder-, resp. neu in den Vorstand gewählt. — Der vielfach verbreiteten Meinung, als ob es mit dem hiesigen Antisemitismus zu Ende wäre, trat in der gestrigen Versammlung des fortschrittlichen Wahlvereins im II. Berliner Reichstags-Wahlkreise Prof. I)r. Virchow entgegen, indem er unter Anderem sagte: „Die Mitglieder der Fortschrittspartei sind in Wahrheit durch ein Massenfeuer hindurchgegangen. Wir sind durch die Pfützen glücklich hindurch gekommen, aber möglicherweise wird der Schmutz,, den die Gegner auf uns häufen, noch größer werden. Es deutet alles darauf hin, daß die letzteren ihre Methode fortsetzen werden^ um auf die Gemächer zu wirken. Ist es ihnen doch leider gelungen, viele junge Männer, welche die Lehren der Geschichte nicht kennen, mit falschen Vorstellungen zu erfüllen. Es wäre traurig, wenn man wirklich glauben sollte, .daß die Jugend und namentlich die akademische Jugend der Freiheit abhold geworden 'sei, daß ein antiliberales Geschlech^aufwachse, welches der freiheitlichen Entwickelung, die sonst Amer die Zierde unserer Universitäten war, fremd isN DHs ist gewiß nicht ernstlich zu befürchten; die Fluth der gegnMchen Blätter giebt zwar reichlich Gelegenheit, die Jugend zu falschen Meinungen zu bringen, aber man darf hoffen, Mß in dieser Beziehung die Klärung im Laufe der Jahre nichWausbleiben wird. Nichts ist lehrreicher gewesen, als die antisemitische. Bewegung, weil sie zumeist an mittelalterliche. Zustände erinnert und weil sie gerade in den Kreisen der gebildeten Jugend so festen Fuß hat fassen können. Mast muß darüber staunen, aber man muß mit dieser Thatsache rechnen. Wenn man nun sieht, wie diese Bewegung nicht einschläft, sondern als die Grundlage dient für eine Menge gehässiger Anschuldigungen, die sich von dort verbreiten, so muß sich vor unseren Augen in der That eine Art psychologischer Taschenspielerei vollzogen haben, derart, daß gebildete Leute. eine Art von Glückseligkeit erwarten, wenn wir'die Judenerst aus dem Lande haben. Ist diese Erwartung berechtigt? Nein, wir würden dann um keines Haares Breite besser daran sein; dieselben Grundsätze und geistigen Kämpfe, die unser Parteileben gegenwärtig bewegen,, würden dann keineswegs verschwinden." — Der frühere Vorsitzende der Antisemitenliga Ingenieur R. F. W. Müller und der Kaufmann Thilo Dickmaichs wurden am 21. d. von der 5. Strafkammer des hiesigen Landgerichts I zu 500 der erstere, zu 300 M. der letztere verurtheilt. Sie hatten in einem Flugblatte die Nationalzeitung,- Boss- Ztg., Volksztg., das Berliner Tageblatt und den Börsencourier eine „verlogene, feile Judenpresse" genannt. Nur die Nationalzeitung hatte Anklage erhoben und das Schöffengericht hatte die Angeklagten -freigesprochen, weil es annahm, daß eine Zeitung ein todter Gegenstand sei, der nicht beleidigt werden kann. Diese Auffassung würde von vornherein von der Berufsinstanz verworfen und nun erst die Anklage gegenständlich untersucht. ' Dahme (Mark Brandenburg), 18. Januar. Von hier wird der „Voss. Z." das Bild eines Besuches des Städtchens durch Hofprediger Stöcker entworfen, das zu charakteristisch ist, als daß es an dieser Stelle fehlen dürfte. Der Bericht lautet: „Gestern befand sich unsere Stadt in großer Aufregung. Hofprediger Stöcker war hier, um unter dem Schilde des „Missionsfestes" seine agitatorische Thätigkeit auch hier auszuüben. Nachmittags um 5 Uhr stattete Herr- Stöcker in der hiesigen Kirche einen Bericht über die Berliner Stadtmission ab. Dichte Schwärme nicht von Andächtigen, wie sonst wohl, nein von Neugierigen begaben sich in die

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