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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-31 · Heft 5 (31.1.1882) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 5 (31.1.1882)
Date
1882-01-31
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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Weiterhin (S. 54): „Bezüglich der Arbeitsgeschicktichkeit derrussisch-jüdischen Handwerker wird noch Einiges anzu-. fügen sein. Im Großen und Ganzen richtet sich diese ja weniger nach dem Verfertiger, als nach dem Auftraggeber. Der Handwerker muß seine Arbeit stets dem Geschmacke und dem Verlangen seiner Kunden anzupassen suchen. Allzugroße Ansprüche werden an ihn-ja nicht gestellt; folglich wird seine Geschicklichkeit im Allgemeinen keine hervorragende zu sein brauchen. Der vornehme und reiche Russe bezieht seine feineren Bedürfnisse meist aus dem Auslande, oder aus seinen Groß- und Residenzstädten. Des heimischen-Arbeiters bedient er sich nur zu seinen ordinären und gröberen Gebrauchsgegenständen. Es giebt aber eigenthümlich heimische Producte, die er aus der Fremde gar nicht beziehen kann, weil sie in der Fremde gar nicht oder nur sehr unvollkommen zu haben sind; an diesen zeigt sich alsdann die Meisterschaft des heimischen Handwerkers. Was der heimische Handwerker zu leisten versteht, davon giebt schon das gemalte Firmenschild Kunde, in welcher Kunst, wie wir bereits gesehen haben, der russische Jude Tüchtiges leistet. Betrachtet man das Schild, abgesehen von den Aufschriften, blos in den Emblemen des Geschäftsbetriebes — diese gute Zusammenstellung, diese Correctheit in der Zeichnung und Farbengebung, diese Klarheit in den Umrissen — so liegt darin schon die Gewißheit ausgesprochen, daß der Handwerker einer Stadt, in welcher die Verkaufsstellen und Werkstätten auf diese Weise signirt und markirt sind, wobl auch solche Gegenstände in Wirklichkeit werde verfertigen können. Dieser wohlgeformte Schuh, diese elegante Robe, dieser prächtige Pelz, dieses stilvolle, reichverzierte Möbel, welche dort in figura mir entgegenblicken, müssen auch wohl Lu natura hier irgendwo verfertigt werden können. So ist es in der That. Da sind Pelzwaaren, Klempnerwaaren, Gold- und Silbertvaaren, die nirgends gediegener und eleganter getroffen werden. — Der russische Jude legt großes Gewicht auf den Besitz von Gold- und Silbergefäßen und Zierrathen. Diese Industrie steht darum hier in voller Blüthe. Solcher Schönheit und Tüchtigkeit in der Ausführung bei solcher Gediegenheit des Materials wird man anderwärts und wäre es selbst in unseren, mit allem Luxus überschwemmten Weltstädten, selten begegnen. Ich habe die feste Ueberzeugung, wenn der Kenner hier suchen wollte, so dürfte er manchem jüdischen Vonvenuto Cellini begegnen. Besonders werden in den Gotteshäusern, in den jüdischen und christlichen, von jüdischen Meistern stammende Gefäße und Zierrathen in Gold und Silber, wohl auch künstliche Holzschnitzereien u. dergl. getroffen, die wahrhaft bewundernswertst sind; nicht allein in Wilna, sondern ebenso in den kleinern und elenden Ortschaften." „Die Kunstfertigkeit dieses Handwerkers ist ganz eigenthümlich geartet. Zunächst hat er seine eignen Traditionen, wonach er arbeitet; weitern Antrieb giebt ihm das Modell, welches er von anderwärts her empfängt. Sein Gestaltungstrieb läßt ihm keine Ruhe, bis er dasselbe in aller seiner Vollendung nachgeahmt hat. Hiezu kommt als dritter und erheblichster Factor., die eigne Individualität. Vom Meister lernt er wenig, unendlich mehr durch das Modell, am meisten durch sich selbst, seine Phantasie und sein Nachdenken. Das höchste Vorbild, welches er besitzt, ist jener Künstler der Wüste, Bezalel odoresod-v^sedosodsv (ein Meister und Denker), der ohne Modell, ohne vorbildliche Arbeit Alles aus sich selbst geschöpft. Alle diese Kunstfertigkeit hat darum ein rein individuelles Gepräge. Sie bethätigt sich nicht iw großen und reichen Industrien, dazu sind die beschränkten Mittel und primitiven Werkzeuge, womit dieser jüdische Meister arbeitet, schon nicht geeignet; sondern nur in einzelnen Stücken, die alle Sorgfalt und Kunstfertigkeit echter Meisterschaft an sich tragen." Bon Wilna reist Dr, Rülf nach Minsk, wo er 1000 Rubel Unterstützungsgelder persönlich abgeben wollte. 'Aus der Reise auf der Eisenbahn erzählt er (S. 101): „So ein tannenes mehrstöckiges Bahnhofsgebäude ist durchaus nicht häßlich; es hat Form und Farbe. Es sind so eine Art Blockhäuser; die nur auf zwei Seiten behauenen Stämme werden mit den glatten Flächen übereinander aufgeschichtet und die Zwischenräume durch eine dünne Schicht Moos vollkommen luftdicht gemacht. An den Ecken sind die Stämme derart in einander gefugt, daß ihre Köpfe in. hübsch abgerundeten Formen über die Ecken noch hinausragen. Im Ausführen solcher Gebäude besitzen die russisch-jüdischen Zimmerleute eine ganz besondere Meisterschaft. Denn Niemand anders als Juden haben diese Gebäude aufgeführt. Wie ausgestorben die Gegenden, durch die man fährt, auch erscheinen mögen, an den Bahnhöfen entwickelt sich-stets das regste Leben, besonders bei den Stationen, welche in der. Nähe einer der jüdischen Landstädte eingerichtet sind. Da bemerkt man zunächst die jüdischen Fuhrleute in großer Anzahl, welche Person und Gut von und zu den Bahnhöfen beförden. Meist Einspänner in der Scheere vorn mit mächtigem Bügel, der über den Hals des Pferdes sich spannt. Dieser Bügel, welcher auch dem elegantesten Einspänner nicht fehlt, ist ein Kennzeichen des russischen Gefährts." „Da sind die Lastträger, welche unter mächtigen Bündeln und Collis einherkeuchen. Da sind die Eßwaaren-Berkäufer, Männer, Frauen und Kinder, welche sich auf den hölzernen Perrons umhertreiben. Biel bieten sie nicht. Vorzugsweise ein Gebäck, das wegen gewisser ritueller Gründe aus einem Teig, der nur aus Mehl und Eier geknetet und scharf gebacken ist, besteht. Dieses Gebäck wird entweder in kleineren oder größeren Kringeln auf Fäden aufgereiht, um so fchnurenj weis verkauft zu werden, oder es wird in dünnen Fladen,

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