Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1882)
- Date
- 1882-01-31
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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69 in den Händen der Juden. Nur hie und da trifft man einmal auf einen christlichen Bäuhandwerker.. An allen den Synagogen- und Anstaltsbauten mit ihrer reichen Ausstattung hat sicher kaum ein nichtjüdscher Handwerker noch Arbeiter theilgenommen. Aber auch an den neuesten Kirchenbauten haben die Juden mitgeholfen. Eine wahre Geschicklichkeit bekunden die Juden in dem äußern Ausschmuck und Aufputz der Häuser und vorzugsweise der Läden. Ich habe nie in einer Stadt so viel bunte Schilder und Aufschriften an den Häusern wahrgenommen, wie in den russisch-jüdischen Städten. Kein Laden und kein Lädchen ohne ein nach Form und Farbe correct gemaltes Schild, worauf alle die Embleme sich befinden, die den Geschäftsbetrieb anzeigen. Die bunten Buchstaben sind theilweise von zierlich verschlungenen Arabesken umgeben, theilweise erscheinen sie wie dorthin gelegt und so voller Plastik und Leben, als ob sie aus der Schrifttafel heraustreten wollten. Dabei kommt dem Maler freilich auch die Form des russischen Alphabets sehr zu statten. Hier könnte die Schildermalerei ihre Studien machen. Diese Schilder und Firmenaufschriften bilden eine ganz besondere Zierde der Stadt und verbreiten über das Straßengewoge und den Geschäftsbetrieb das lebhafteste Colorit." „Auch' zu den Dacharbeiten — das habe ich mit meinen eignen Augen zu sehen Gelegenheit gehabt — werden vorzugsweise die Juden herangezogen. Wenn die Kirchenkuppel mit Zink zu überziehen und mit lebhaft blauer oder grüner Oelfarbe zu bemalen, wenn der Goldglanz des gewaltigen Knopfes und Kreuzes wieder aufzufrischen ist, so muß immer ein Jude da hinauf, welcherdas . Wagestück übernimmt und ausführt. Hier in Wilna habe-ich vor der Arbeit der Juden Respect erlernt, schon indem ich zu sehen Gelegenheit genommen und bekommen, wie der einfache, nicht zünftige Straßenarbeiter sich anstrengt. Diese Menschen arbeiten mit Ueberanstrengung beim Holzhauen, beim Lafltragen, beim Straßenreinigen u. s. w. In Rudeln stehen sie mit Stricken um den Leib an den Straßenecken , bis sie zur Arbeit verlangt werden. Alle diese Arbeiter sind sammt den Straßen- Pflasteren, welche zünftig sind, nur Juden. Unter ihnen trifft man auch nicht einen einzigen Christen. Auch eine übermäßige Concurrenz dulden.diese nicht. Wenn ein neuer „Lastträger" — das ist ihre offizielle Bezeichnung — der ihnen nicht, gefällt, sich in ihre Beschäftigungsweise eindrängen will, so darf er sich auf eine Zurückweisung gefaßt machen, welche ihm einen jeden weitern Versuch auf immer verleiden wird. Wenn, dagegen einer ihrer vielen alten und schwachen Mitarbeiter eine Einzelarbeit zu verrichten übernommen hat, die seine Kräfte übersteigt, so ist sofort ein jeder von ihnen bereit, ihm unentgeltlich beizustehen. Wird einer krank, so vollenden ihm die anderen die angefangene Arbeit, treten für ihn ein zu jeder regelmäßigen Dienstleistung, die er in Accord genommen, lassen ihm die Bezahlung zukommen und halten ihm die Stellung bis zu seiner Wiedergenesung offen, unterstützen auch die-Seinigen von ihrem sauer verdienten Lohn. Mehr als jeder andere Stand ffhen diese Arbeiter darauf, daß keiner dem andern massig gewul ist (seine Grenze verrückt, rn sein Gebiet übergreift.) Unter diesen Lastträgern giebt's Individuen, die eine Vergangenheit hinter sich haben, so eigenartig, daß ihre Lebensgeschichte den besten Novellenstoff abgeben würde. Es sind theilweise verunglückte Existenzen aller Stände. Mancher unter ihnen gehörte ehemals dem Gelehrtenstande (Talmudisten) an; wer' weiß, durch welche Verkettung von Umständen er schließlich bis zu diesem Stande, dem Paria der Wilnaer Judenschaft, herabgesunken ist. Jeder von ihnen hat irgend einen' willkürlichen Beinamen, mit welchem er bezeichnet wird. Dieser richtet sich nach seiner Vergangenheit, seinen Neigungen und Gewohnheiten, seiner Körperbeschaffenheit und dergl. Der Wilnaer Lastträger ist roh und ungeschliffen genug; allein zwei Dinge zeichnen ihn aus: Mäßigkeit und Zuverlässigkeit. Ein betrunkener Arbeiter ist eine so seltene Erscheinung, daß man Jahre lang in Wilna sein kann, ohne einem solchen zu begegnen, und fremdes Eigenthum ist so sicher bei ihm aufgehoben, wie im diebessicheren Geldschrank." ' „Alles Handwerk in Wilna ist zünftig. Die Zunftein? richtung ist dort noch obligatorisch. Wer in die Zunft nicht ausgenommen ist, darf als. selbstständiger Handwerker nicht auftreten. Selbstständig als Meister arbeiten und Lehrlinge halten darf nur der zünftige Handwerker, der seine Lehrzeit vollendet, als Geselle gearbeitet, sein Meisterstück gemacht hat und darauf von den Zunftmeistern losgesprochen worden ist. Die Zünfte stehen unter den Obermeistern, diese haben-wieder einen Oberzunftmeister, welcher ein von der Regierung anerkannter Beamter und darum kein Jude.ist. Diese Zunftbehörden stellen die Zeugnisse aus, welche nicht nur die Meisterschaft documentiren, sondern dem jüdischen Handwerker auch Vorrechte verbürgen, die ein anderer, er sei denn ein Kaufmann erster Gilde oder Studirter, nicht hat. Er kann überall im ganzen russischen Reiche sich niederlassen. Es gieb.t in Wilna weit mehr Zünfte als es bei uns ehemals gegeben, weil man weit mehr Dinge handwerksmäßig betreibt'; auch gewisser Mißbräuche wegen, die ich hier näher darzulegen keine Veranlassung habe. Auch die Lotrim (Thorarollenschreiber rc.) und Talis- (Gebetmäntel-) Fabrikanten bilden anerkannte Zünfte. Die Zünfte sind von großem Einflüsse in Wilna. Bei allen Angelegenheiten, in welchen die öffentliche Meinung zur Geltung kommt, bei allen Wahlen von Gemeinde- und Cultusbeamten geben sie den Ausschlag. Wer für irgend einen zur Wahl gestellten Candidaten die Majorität haben will; der muß sich der Zünfte versichern/ .