Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1882)
- Date
- 1882-01-31
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bürgerschutz zu gewähren, so kann das. eivilisirte Europa nicht ruhig bleiben, wenn er es gegen seinen Willen zurückhält." (Die folgenden Briefe in nächster Nunlmer.) Neiseerinnerungen. II. Kurz nachdem wir die „ Reiseerinnerungen" eines zuverlässigen Landwirths für Nr. 4. zum Abdruck geschickt, kam uns die Schrift: „Drei Tage in Jüdisch - Rußland. Ein Cultnr- und Sittenbild, entworfen «von Dr. I. Rülf." (Frankfurt a. M. I. Kauffmann 1882.) zu. Herr vr. Rülf, der unermüdliche und verdienstvolle Fürsprecher und Wöhlthäter der russischen Juden, wollte sich einmal von den Zuständen der russisch-polnischen Fudenheit selbst überzeugen, reiste nach Wilna und Minsk und schildert seine Eindrücke und Beobachtungen in der vorliegenden höchst interessanten Broschüre. Sie ist im einfachen Erzählertone abgefaßt, offenen Sinnes für alles Gute, und warmen Mitgefühls für alles Elend, das er antrifft, aber jede Uebertreibung und jeden Schwulst vermeidend. - Wir geben dem Vers, recht, wenn er behauptet, keine Tendenzschrift geschrieben zu haben. Allerdings trat er an die Gegenstände seiner Beobachtung mit wohlwollender Gesinnung heran. Wer aber irgend welche Völkerschaft und irgend ein Bolksthum beurtheilen will, der muß, sagen wir mit Bestimmtheit, ein Wohlwollen dazu mitbringen. Es giebt kein Volk der Erde, das, von Ungunst, Mißwollen, Voreingenommenheit beurtheilt, nicht ein sehr dunkles Gemälde abgeben wird. Man denke z. B. wie die Deutschen von französischen, russischen, magyarischen und czechischen Schriftstellern dargestellt und abgeurtheilt worden sind, wie über die Italiener, Nordamerikaner und Engländer geschrieben worden ist, weil Befangenheit, ja Haß die Feder führte. Wie dem aber auch sei, das Wichtigste bei der Besprechung eines Volkes und seiner Zustände ist das Thatsächliche, die nackte Wirklichkeit, und wir können dem Vers, unsrer Broschüre^ nachrühmen, daß er überall die einfache Thaisache zeichnet. Wie er sie beurtheilt, ist nebensächlich; wir können uns unser Urtheil leicht selbst bilden, weil der Vers, nichts übertüncht; es kommt dann nur auf den Gesichtspunkt an. Wir empfehlen daher die kleine Schrift angelegentlich. Vieles in den Schilderungen über Gottesdienst, Talmudstudium und Wohlthätigkeitsanstalten giebt Bilder aus der Gegenwart, wie sie vor 50 und 60 Jahren vielfach auch noch auf die Gemeinden in Deutschland paßten, so daß sie in nicht wenigen Zügen für das gegenwärtige Geschlecht ein Bild auch der deutsch-jüdischen Vergangenheit bieten. Dies Alles überlassen wir der Lektüre der Schrift selbst. Uns ist es augenblicklich um ein begründetes Urtheil über die Arbeitsthätigkeit und Arbeitstüchtigkeit unserer russischen Glaubensgenossen zu thun, damit sich endlich eine richtige Vorstellung hiervon verbreite, was den Urtheilen über die russischen Juden überhaupt und die Emigranten insonders zu Gute kommen muß. -Wir sind dies auch den Vielgeschmähten und Verfolgten schuldig; es ist ihr gutes Recht, dies von uns zu fordernd Wenn wir nun den Verfasser von N. I. mit den Reiseberichten des vr. Barasch s. A. vor fast 40 Jahren in Uebereinstimmung fanden, so freut es uns, daß auch vr. Rülf uns Gleiches berichtet, wir also drei Zeugen haben, die nichts von einander wußten, urtheilsfähige Männer, welche nur darauf ausgingen, die Wirklichkeit zu zeichnen. Wir heben daher an dieser Stelle aus der Schrift des vr. Rülf nur das hervor, was unseren Zweck angeht. Aus Wilna, einer Stadt von 120,000 Einwohnern, deren große Mehrzahl Juden sind. Es heißt da S. 11:' „Wir traten heraus auf die volksbelebten Straßen — nichts als Juden begegnen uns. Wir kamen an dem Wochenmarkt vorüber, wo auf weitem und breitem Raume Kopf an Kopf sich drängte —- Käuferinnen und Verkäuferinnen — nichts als Jüdinnen; denn auch für die Haushaltungen der christlichen Herrschaften bis herauf zum General-Gouverneur besorgen Jüdinnen die Einkäufe. Wir sahen uns um in den Werkstätten der Handwerker, welche bei offenen Fenstern in den Liefen Erdgeschossen wie mitten auf der Straße arbeiteten — Meister, Gesellen und Lehrburschen, nichts als Juden. Unzählige Wagen durchkreuzten unfern Weg, Droschken, Arbeits- und Staatswagen — die Kutscher und Fuhrleute waren meistentheils Juden. Wir kamen an zahlreichen Baustellen vorüber — alle daselbst beschäftigten Handwerker und Arbeiter waren absolut nur Juden. Auf einem weit ausgedehnten Arbeitsplätze für Bauhandwerker, auf welchem das regste Arbeitsleben sich kundgab , habe ich — , das kann ich versichern — nur Juden bemerkt." — Ferner S. 40: „Welche Arten von Handwerken werden nun von den Juden vorzugsweise betrieben? Tie Antwort-hierauf ist einfach die: Alle Handwerke, absolut alle! Ein Theil der Handwerke wird von der christlichen Bevölkerung gar nicht und der andere Theil. nur in sehr geringfügigen! Maße betrieben. Die jüdischen Handwerker sind.nicht nur qualitativ die besten und fleißigsten, sie sind auch der Zahl nach in solch überwiegendem Maße vorhanden, daß die christlichen neben ihnen gar nicht in Betracht kommen. Alles was der Wilnaer Bürger, sei er nun reich oder arm, vornehm oder gering, an Kleidung, Nahrung und Wohnung bedarf, sei es nun in den Qualitäten des Nothwendigen, des Nützlichen oder des Schönen und Angenehmen befaßt — das Alles wird von Juden gefertigt. Vorzugsweise jedoch. — wir legen einen ganz besonderen Nachdruck auf das Wort — find alle Baugewerke