Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1882)
- Date
- 1882-01-31
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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der schließlich von der Majorität des Hauses genehmigt wurde, hinweggehen wollen, weil er außerhalb unsers spezifischen Interesses liegt, so können wir auch über die Rede des Herrn von M. schweigen. Nahm doch kein einziger Conservativer das Wort, den Protest zu vertheidigen, außer — Stöcker. Derselbe suchte sich dadurch zu helfen, daß er zunächst den Abg. Virchow wegen dessen Aeußerungen in einer früheren Sitzung gegen ihn angriff und deshalb vom Präsidenten zur Sache gerufen ward. Hierauf ergriff Abg. Richter das Wort, bespricht zunächst das Verhalten der Polizei und kommt dann auf Herrn Stöcker zu reden. Er charakterisirt dessen Methode, abwesende Personen anzugreifen und zu beschuldigen, sobald sie aber anwesend sind, keine Namen zu nennen. Er exemplifizirt dies, und wie ferner Stöcker, um sich zu vertheidigen, auf irgend ein nebensächliches Wort recurrirt, wie z. B.: er habe dies nicht in allen Versammlungen gesagt. Er weist ferner auf die Denunziationen hin, mit welchen Stöcker die Staatsanwaltschaft wegen Beleidigungen seiner Person behelligt, denen nicht immer Folge gegeben wird, wenn eine Verurtheilung nicht möglich scheint. Kurz, Abg. Richter erwies siegreich, auf welche Nichtigkeiten, auf welche unrichtige Daten Herr Stöcker seine Beschuldigungen stützt. Richter fährt fort: „In Bezug auf die Wählerliste sind nach dem Commissionsbericht überhaupt mir 65 Personen im ganzen ersten Wahlkreis ermittelt, die im Ausland geboren sind. Daraus folgt nicht, daß sie noch Ausländer sind, sie können außerhalb Berlins naturalisirt sein. Ein Theil derselben ist wieder in der Wählerliste gestrichen , andere haben nicht gewählt, andere sind evangelischer Confession; wie stellte nun Herr Stöcker an jenem Abend die Sache dar? Er spricht von thatsächler Wahlbeeinflüsfung, bedauert, daß das deutsche Bürgerrecht für ausländische Juden in Berlin so billig sei. (Hört! Hört!) Zum Beweise läßt er alle angeführten Momente außer Betracht, vertauscht den Begriff Wahlkreis mit Wahlbezirk (hört! hört! Zischen), liest einzelne jüdische Namen vor zur Erheiterung der Rechten und erzählt, daß es amtlich bestätigt sei, daß in einem einzelnen Wahlbezirk 65 und noch mehr ausländische Juden gewählt haben. (Hört! hört! links.) Außerhalb des Hauses würde es mir nicht schwer fallen, das Verfahren des Herrn Stöcker mit einem kurzen Wort zu bezeichnen, hier kann ich parlamentarisch nur bemerken, daß Herr Stöcker nicht in ganz wünschenswerther Weise skrupulös bei der Darstellung thatsächlicher Verhältnisse verfahren ist. (Große Heiterkeit links.) Auf den Protest des conservativen Centralcomitös beruft sich Herr Stöcker als auf ein Schriftstück, welches die Berliner Bürger veranlassen werde, wie er sagt, dem Frühlingswehen nationaler Erneuerung und dem Hauche socialer Reform zu folgen. Nun ist in Bezug auf die Behauptung des Protestes in Betreff der Wählerliste durch die Commission fegestellt, daß Lei 30,000 Wählern überhaupt nur 89 gewählt haben, deren Wahlberechtigung möglicherweise Gegenstand einer näheren Untersuchung sein kann. Den Geist des Protestes beweist die' Behauptung, daß die Wahllocalitäten vielfach in. jüdische Speisehäuser und -fortschrittliche Elublokale gelegt worden seien; aber unter 37 Lokalen vermag der Protest nur 3 Lokale als solche zu bezeichnen, während wir 5 Lokale nennen können als bekannte Versammlungsorte der Gegenpartei. Man könnte also eher das Gegentheil behaupten. Aber der Berliner ist doch wirklich nicht so, daß er sich in der Abstimmung leiten läßt, durch die Thür, welche er zu passiren hat. (Große Heiterkeit, links Beifall.)" Er bemerkt ferner: .* „Das hier Borgetragene beweist Ihnen, mit welcher Frivolität in Berlin antisemitische Wahlagitation getrieben wird (Sehr richtig! links), und die Dreistigkeit, mit einem solchen Protest vor dem Reichstage zu erscheinen, zeigt Ihnen, wie frech diese Gesellschaft hier in Berlin ist. (Sehr wahr! links.) Die Herren von der conservativen Partei haben alle Ursache, ein solches Treiben hier in Berlin nicht, mit ihrem Namen zu decken." Schließlich zeichnet Richter das Verhalten der Polizei in noch ganz besonderen Fällen. — Nachdem die eigentliche Debatte geschlossen war, begann Stöcker die persönlichen Bermerkungen, die sich noch zu einer erregten Scene ausdehnten. Auch hier wiederholte sich, (daß Stöcker seine früheren Behauptungen wieder abschwächte. Derjenige, der ihm hinterbracht, daß Löwe sich dahin geäußert habe, die Handwerker, welche obligatorische Zünfte verlangten, seien feiges Volk, sei kein Vertrauensmann gewesen, sondern nur einer der zu seiner Partei gehöre. „Abg. Löwe: Ich constatire dem Vorredner gegenüber, daß seine Erzählung über die mir in den Mund gelegte Aeußerung eine Unwahrheit ist. Der Präsident ruft den Abg. Löwe wegen dieses Ausdrucks zur Ordnung. Abg. Löwe: Mag der Ausdruck formell nicht hierher gehören, thatsächlich und inhaltlich war derselbe allerdings durchaus berechtigt. Abg. Richter: Was Herr Stöcker verbringt, ist so nichtig, daß ich den Eindruck dieser Verhandlung auf das Haus nicht durch weitere Bemerkungen stören möchte. Auch Diejenigen, welchen Herr Stöcker bisher fremd war, .haben, heute Gelegenheit gehabt, ihn im Lichte'der Wahrheit kennen, zu lernen. (Heiterkeit links.)" Wir heben noch einmal hervor, daß außer Stöcker Niemand jenen antisemitischen Protest vertheidigte, und daß ebensowenig irgend wer für Stöcker eintrat und ihn zu vertheidigen versuchte. Stöcker stand ganz isolirt; und dies, zeigte sich auch äußerlich.. Die „Voss. Zeitung" sagt: „Die Widerlegungen des Herrn'Richter schienen übrigens so beunruhigend auf die Umgebung des Herrn Stöcker zu wirken,