Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1882)
- Date
- 1882-01-24
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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ist. zu einem Kampf zwischen den beiden sich gegenüberstehenden Richtungen wird und den bestehenden Unfrieden weiter, steigert. Bei jedem allgemeinen. Sommers wie' bei jeder Wahl der Facultätenvertreter für den von Seiten der akademischem Behörden vor kurzem eingeführten allgemeinen Ausschuß der Studentenschaft hat die Universität die gleiche Erfahrung machen müssen. Ein ordnungsmäßig gefaßter, von der Gesammtheit als bindend anerkannter Majoritätsbeschluß einer allgemeinen Studenten-Bersammlung ist in Berlin thatsächlich eine Unmöglichkeit geworden. Noch ganz kürzlich hat der zeitige Rector sich' genöthigt gesehen, die Wahlen für den studentischen Ausschuß zu cassiren; und wie die übrigen allgemein studentischen Institutionen ist namentlich auch die akademische Lesehalle durch dieses Treiben in ihrer Existenz gefährdet. Seit die organisirte Judenhetze besteht, besteht auch die Absicht, das aus den Wahlen der Mitglieder der Lesehalle hervorgehende studentische Directorium in die Hände dieser fest geschlossenen Partei zu bringen, das Directorium aus deren Leitern zusammenzusetzen und die Auswahl der dort aufliegenden Blätter in diesem Sinne umzugestalten. Das aus Universitätslehrern zusammengesetzte Curatorium hat sich begreiflicher Weise bemüht, diesen'Bestrebungen entgegenzutreten und namentlich dahin zu wirken, daß das Directorium die untergeordneten Hetzblätter beider Kategorien aus der Lesehalle ausschließe. Daß - die großen Blätter aller Farben dort ausliegen, ist nie behindert worden. Selbstverständlich hat das Curatorium dabei weder semitische noch antisemitische Tendenzen verfolgt, sondern lediglich das gethan, was für den akademischen Frieden wie für die Fortdauer der aus Universitätsmitteln subventionirten Lesehalle ihm erforderlich schien. Die Mitglieder desselben waren dabei nicht bloß unter sich vollständig einig, sondern handelten auch in voller Uebereinstimmung mit dem bestehenden studentischen Directorium. Gegen Ende des vorigen Winters wurde die Gründung eines Debattirclubs innerhalb der Lesehalle beantragt. Die zur Erledigung dieses Antrags statutenmäßig berufene Generalversammlung der'Mitglieder führte zu einer Revolution im Glase Wasser. Auf die Behauptung hin, daß das damals verwaltende Directorium diesem Antrag abhold sei, wurde dasselbe ohne weiteres von der Versammlung abgesetzt und dafür ein anderes antisemitisch gesinntes gewählt. Ben in dasselbe hineingewählten Führern dieser Richtung wurden sofort erhebliche Geldmittel aus der Kasse der akademischen Lesehalle überwiesen, um sie in den Stand zu setzen, die Borarbeiten für die Statuten des zu begründenden Debattirclubs auszuführen. Um wieder Ordnung zu stiften, mußte die Lesehalle einige Tage lang polizeilich - geschlossen, das schlechthin statutenwidrig gewählte neue Direktorium dem, Antrag des Universitätsrichters entsprechend vom Senat' cassirt und die der Kasse der Lesehalle entfremdeten Gelder den unrechtmäßigen Inhabern wieder^ abgenömmen werden. * Das zu Recht bestehende Direktorium trat somit wieder in Function. Auch die für das letztverflossene Semester statutenmäßig erforderliche Neuwahl des Direktoriums führte in Folge des schroffen Parteihaders zu keinem Resultat. Eine unter Protest der Gegenpartei vollzogene Wahl wurde nach Untersuchung der Sache vom Universitätsrichter für ungiltig erklärt. Es blieb nichts übrig, als dem früheren neutralen Direktorium die Fortführung der Geschäfte zu überweisen; man durfte sich freuen, daß dessen Mitglieder sich einer so undankbaren Aufgabe nicht entzogen. Jetzt standen die Wahlen wieder bevor. Die Wiederholung jener Vorgänge war nicht blos vorhergesehen, sondern auch eine wesentliche Steigerung mit Sicherheit zu erwarten. Von beiden Seiten wurden massenweise die bisher der Lesehalle fernstehenden Studenten zum Eintritt bewogen; vom 28. bis znm 30. stieg die Mitgliederliste von 506 auf 1087. Wohin die Majorität fallen würde, war zweifelhaft, unzweifelhaft eine durch die Vermehrung der Mitgliederzahl gesteigerte Turbulenz der bevorstehenden Verhandlungen, die abermalige Nichtigkeit der .unter solchen Umständen zu fassenden Beschlüsse im hohem Grade' wahrscheinlich. Das Curatorium mußte sich davon' überzeugen, daß auf diesem Wege nicht weiter zu kommen sei. Wie das jetzige Hetztreiben dahin führen muß und führen wird, daß die den Studenten eingeräumten Rechte der Selbstverwaltung und der frei gewählten Vertretung eingeschränkt werden, so war eine Maßregel dieser Art in Betreff der Lesehalle jetzt urgent geworden. Einstimmig entschied sich das Curatorium dahin, daß die Wahl des Directoriums der Ratification durch die Universitätsbehörden zu unterstellen und für den Fall der Nichtbestätigung geeignete Anordnungen zu treffen seien. Jndeß war damit zugleich die unmittelbare Thätigkeit des Curatoriums beendigt/ Die Statuten. der akademischen Lesehalle räumen demselben die hierfür erforderlichen Befugnisse nicht ein; sie beruhen überhaupt auf dem früheren rechtlich nicht streng zu definirenden Vertrauensverhältniß zwischen akademischen Lehrern und Hörern, dem die Agitation, - wie sie jetzt geführt. wird, auch das Ende bereitet.' Es', war einleuchtend, daß die unerläßliche Reform der Statuten nur durch die akademischen Behörden, das beißt Rector und Senat, eventuell durch das vorgeordnete Ministerium erfolgen konnte. Das Curatorium that die erforderlichen Schritte, um die Angelegenheit an der geeigneten Stelle in Gang zu bringen und konnte damit seine Aufgabe als beendigt ansehen. Die Mehrzahl der Mitglieder sah sich danach veranlaßt, auch formell aus. ^.ürer Stellung . auszuscheiden, in welcher sie meinten, nicht weiter nützen zu können und in der zu verbleiben insofern ihnen, bedenklich erschien, als die akademischen Behörden in ihren Verhandlungen mit der Studentenschaft eine Vermittelung nicht - brauchen noch