Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1882)
- Date
- 1882-01-17
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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farbiges Bild, das möglichst von der' Auffassungsweise des .Vorgängers /abweicht, und im Interesse moderner Fragen und Verhältnisse gemodelt ist. Es ist einem Blatte, wie das unsrige, das bei - beschränktem Raume eine große Menge von Gegenständen zuberücksichtigen hat, unmöglich, die zahllosen Produkte dieser sg.>Kritik und Geschichtsschreibung zu verfolgen; es ist ihm unmöglich, ausreichende Widerlegungen aller.auftauchenden Hypothesen, Jrrthümer und Geschichtsverfälschungen heranzubringen. . Wir haben uns daher seit langer- Zeit, darauf beschränkt, nur solche Erscheinungen zur Besprechung und Beurtheilung herauszuheben, welche sich, sei es in weitverbreiteten Zeitschriften, sei es in eigenen Werken, mehr an-das allgemeine Publikum, an die gebildeten Leserkreise wenden, als sich innerhalb der Grenzen der Fachwissenschaft halten. Wir denken, der Wissenschaft selbst die streng 7 lvissenschaftlich gehaltenen Schriften am ehesten überlassen zu können, da ja dieselbe Kritik ihre eigenen Produkte ergreift und verzehrt. Auch gehörte oft dazu, um ein solches Buch zu widerlegen, ein neues Buch zu schreiben. Aus dem gedachten Grunde, und um unfern Lesern zu zeigen, in welcher Region, gegenwärtig in der deutschen Wissenschaft die Ge- -schichte des Volkes Israel verweilt, wenden wir ihre Auf- , merksamteit auf die vor Kurzem ausgegebene Erste Lieferung der: Geschichte des Volkes Israel. Bon Dr. Bernhard Stade, Professor an der Universität Gießen. Mit Illustrationen und Karten. . (Berlin, Grote, 1881.) Diese Arbeit gehört nämlich zu dem großen Geschichtswerke: „Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen. Unter Mitwirkung vieler Historiker, . herausgegeben von Wilhelm Oncken", einem Werke, welches die Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung dem allge- - meinen Publikum .durch gründliche und elegante Darstellung ohne den wissenschaftlichen Apparat nahebringen soll. ... 7 Der Vers. beginnt seine „Einleitung" mit dem Abschnitt „Unser Interesse an der Geschichte Israels". Ermeint: „Nichts > was bei der Geschichte anderer. Völker unsre Aufmerksamkeit erregt, uns zur Bewunderung und Nachahmung hinreißt, ist hier in irgend erheblichem- Maße vorhanden." Es war stets ein kleines Volk, seine Machtstellung, selbst unter David von geringem Umfange, von den Römern wird es an Bedeutung für die. Entwickelung von Gesetz und Recht überragt, von den Griechen durch Kunst- und Wissenschaft, selbst auf dem.Bahnen des Handels, der Unternehmung und Erfindungen hat es nirgends hervorgeleuchtet7 Was' uns an ihm anzieht> . veranlaßt, sagt der Vers., „der UknständFdaß dieses kleine Völklein einen weit größeren Einfluß-auf den Verlauf der gesammten Menschheitsgeschichte gewonnen Hut, als Griechen und Römer; füx uns. in weit mehrBeziehüngen vorbildlich . geworden "ist, als diese. Unser , heutiges Denken und Hühlen, unser Thun uud Treibenwirdbei weitem mehr beeinflußt von der Gedanken- ' und Gefühlswelt, welche' Israel erzeugt hat, als von der'Roms und Griechenlands. Unsre gesammte heutige Cultur ist tief durchsättigt mit Richtungen und Trieben israelitischer Herkunft." Er fährt fort: „Es erklärt sich dies aber daraus , daß sich in Israel eine Seite menschlichen Wesens zu größter Vollkommenheit entwickelt hat, welche von viel allgemeinerer Bedeutung für die Menschheit ist, als Kunst und Wissenschaft, Rechtsleben und Philosophie. Während in Hellas aus der Mythologie sichdie Philosophie und damit mittelbar die Wissenschaft entwickelt, folgt in Israel auf die mythologische Epoche die der Religion. Und zwar ist Jsrael's Religion in weit höherem Maße noch die werdende Religion der Menschheit schlechthin als die Philosophie der Griechen deren werdende Philosophie. Es ist Israel ohne Zweifel auf dem Gebiete der Religion viel epochemachender, einzigartiger, gewaltiger aufgetreten als auf dem Gebiete des Staates die Römer, auf dem der Kunst und Philosophie die Griechen: Freilich hat wie Israel' die religiöse Führung des Menschengeschlechts, so. Rom die Führung desselben auf dem Gebiete des Staates, so Griechenland dieselbe auf dem Gebiete der Philosophie gehabt. Aber während die Culturvölker, bei welchen römisches Recht Eingang fand, sich in steigendem Maße von dem Banne römischrechtlicher Gedanken zu befreien streben, während die Reste hellenischer Kunst und Wissenschaft nur eine auserwählte Gemeinde aus diesen Culturvölkern begeistern und die von den Hellenen geschaffene Philosophie von der Religion einerseits, der immer weitere . Gebiete erobernden Wissenschaft andererseits' in immer engere Grenzen gebannt wird, umfaßt die Religion alle Kreise des Volkes, vom Könige bis zum Bettler, strebt sie in steigendem Maße darnach, alle Völker der Erde zu umfassen. Religion ist auch bei uns noch, wie sehr man dagegen vielfach auch die Augen verschließen mag, ein Gegenstand viel allgemeineren Interesses als, Kunst und Wissenschaft und alle Einrichtungen ' des Staates. Ihre Streitfragen erschüttern die Königreiche und entzünden die blutigsten Kriege. Daher wirkt sie auch völkerumgestaltend, neue Völkertypen schaffend. Die geistigen Züge der heutigen Menschheit europäischer wie muhamedanischer Cultur sind wesentlich ein Produkt der in Israel entstandenen monotheistischen Religionen." „Man . kann die Einwirkung israelitischer Gedanken auf' die heutige Menschheit an keinem Beispiele besser verdeutlichen, als wenn man sich der: Bedeutung erinnert, welche die religiösen Gestalten . des alten . Israel für unser Volk haben. .Für die Masse unsres Volkes Ist die biblische Geschichte die Geschichte überhaupt. Von Abraham, Isaak, Jakob, von Saul, David> Salomo, von Samuel und Elias weiß es mehr als von den-Heroen seiner eigenen Geschichte, empfindet sie ganz im Gegensätze zu deren Nachkommen, welche es nicht mit den Augen des Geistes, sondern mit den Augen des Leibes betrachtet, als Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem