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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-01-17 · Heft 3 (17.1.1882) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 3 (17.1.1882)
Date
1882-01-17
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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Streit lange im Stillen sich fortspinnen, und erst mit der erneueren. religiösen Strömung offenbar - uud laut werden. » Unterdeß hatte aber die gottesdienstliche Reform in der Masse 'selbst immer weitere Verbreitunggefunden und immer mehr Gemeinden legten mehr oder weniger Hand an die Umgestaltung ihres Cultus. Hiermit trat die Spaltung schroffer hervor und es kam an einigen Orten dahin, daß sich die Orthodoxen von der Gemeinde trennten und für ihre religiösen Bedürfnisse eigene Anstalten bildeten. Die Extremen dieser Richtung brachten das sg. Austrittsgesetz in Preußen und' Hessen zuwege, das zwar ihren Wünschen, .aber in seinen Folgen nicht ihren - Erwartungen entsprach. In der großen - Mehrzahl der Gemeinden herrscht jedoch der- Trieb, die Einheit und den Frieden zu-erhalten, vor.- - Sie huldigen daher der Mittelpartei und in großen Gemeinden stellt man die Einigkeit dadurch her, daß man von Gemeindewegen auch für> den Eultus der orthodoxen Partei sorgt. Wir sehen davon ab, daß auf Seiten der letzteren nicht selten der Zelotismus sein böses Spiel trieb und die Gemüther verbitterte, so daß -man einerseits auch eine dogmatische Spaltung hervorzürufen suchte, was jedoch von allen anderen Seiten, mit Energie zurückgewiesen wurde, andererseits eine Zeitlang zu Injurien und Verleumdungen griff, um die Gegner zu diskrediren. Wir sehen ab hiervon, und halten' von unsrem Gesichtspunkte aus die Existenz aller dieser Parteien zeitlich, undörtlich nicht allein für berechtigt , denn jede aufrichtige Ueberzeugung ist. dies von selbst, sondern auch für die Gesammtheit nützlich/ ja nothwendig. Die Orthodoxie allein würde das^Judenthum mitten in der allgemeinen Entwickelung nach innen und außen höchlichst gefährden; der religiöse Radikalismus löst aber den geschichtlichen Boden/ auf welchem jede Religionsgemeinde beruht, zu sehr und zu schnell auf und laßt der Entwickelung keine Zeit, zu einer sicheren G? staltung zu gelangen. Die Vereinigung aller Parteien in 'der Gesammtheit giebt der Bewegung einen sicheren Fortgang, zwingt die Parteien sich zu vertiefen und' ihr Prinzip nach allen Seiten durchzuarbeikeru Und hierauf gestützt, sehen wir ruhigen Blickes in die Zukunft. Was wir über diese denken, und wonach für dieselbe zu streben sei, dies zu besprechen, möge einem folgenden Artikel-Vorbehalten sein. ■ Geschichte -es Volkes Israel von Stade. I. Der mächtige Aufschwung der Wissenschaft in unseren .Tagen sowohl durch ihre innere Vertiefung und Verbreiterung, als auch durchdie stets wachsende Ausdehnung ihrer Wirk-, samkeit auf die Menschen und das Leben führt eine dreifache Gefahr mit sich, welche die Wissenschaft glücklich bestehen muß, svenn sie nicht in ihrem Werthe und Ansehen und' hiermit in allen ihren Erfolgen "bedroht sein will. '- Diese Gefahr be-, steht in der-Hyperkritik,-der Hypothesensucht und dem Streben, Natur und- Geschichte trotz der Mannichfaltigkeit der Erscheinungen in allgemeineFormeln zu zwängen, die auf einseitiger Auffassung' beruhen. Das Verlangen, nicht blosden in der Vergangenheit - gültigen, sondern auch den jüngst em-" irten Ansichten gegenüber mene, überraschende Meinungen und Urtheile vorzutragen, führt zu 'jener zersetzenden Kritik, welche den Geist und den inneren Zusammenhang, dieses eigentliche' Problem der Wissenschaft, aus den Augen setzend, Spezialitäten aufsucht, die sich zu widersprechen scheinen, um daraus das Objekt zu zerlegen, zu zerstückeln, aus Zeit und Ort' seines Bestandes zu reißen. Die außerordentliche Fülle einzelner Beobachtungen > die von der unermüdlichen Forschung zu Tage gefördert werden, verleitet, aus einzelnen neuerdings gemachten Beobachtungen ein neues Theorem' aufzustellen und dieses als die sicherste, unbedingt wahre Lösung äuszugeben, während doch der nächste Tag aus anderen Beobachtungen wieder eine neue Systematisirung mit sich bringt. Endlich. der durch die Fülle des Wissenswürdigen und Forschenswerthen uothwendige Zerfall der Wissenschaft in eine Menge von Spezialfächern macht es nothwendig, den Zusammenhang in der Wissenschaft möglichst zu erhalten, und dies verleitet zu der Sucht, allgemeine Formeln und Sätze aufzustellen, um die Erscheinungen in Kategorien zu bringen und diese Kategorien in ihren Verschiedenheiten und Gegensätzen zu charaktexifiren; wobei die Einseitigkeit des Standpunktes, von wel-' chem. aus die Dinge betrachtet werden, schiefe und verkehrte Urtheile allzuoft hervorbringt. Die Natur des Menscheu aber bringt,es mit sich, daß gerade die einseitigsten Urtheile von ihren Urhebern am hartnäckigsten vertheidigt und von Allen, die denselben Voraussetzungen und Borurtheilen huldigen, am wärmsten ausgenommen werden. — Wenn durch diese Ausschreitungen auf mannigfachen Gebieten der Wissenschaft, der. philosophischen, naturwiffenschaftlichenund historischen, bereits ^eine große Verwirrung, ein Durcheinander hervorgebracht worden, das nur durch sorgfältige Sachkenntniß und bedeutenden Scharfblick den rechten Pfad herausfindenläßt und bewirkt, daß schließlich der aufrichtige Forscher und Wahrheitsfreund wieder zu der alten, einfachen Betrachtungsweise zurückkehrtr so ist es namentlich' die Geschichte des Volkes Israel, welche,, im letzten halben Jahrhundert vielfach bearbeitet, ein Feld der Zerstörung und, des chaotischen Wirrwarrs bietet. Abhängig von der Bibelkritik und beeinflußt voü den . Ergebnissen aus den überaus reichen Funden des ägyptischen, assyrischen, babylonischen, phönizischen u. s. w. Alterthums, Ergebnissen, die zum größten Theile aus der noch unfertigen Entzifferung der alten Denkmäler und * Schriften kommen, entwirft Jeder, der sich an die Darstellung dieser Geschichte des- Volkes Israel - macht-,, ein andersgestaltetes' und anderst

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