Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1882)
- Date
- 1882-01-17
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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r?ry£ Tendenz auf, und entwickelten sich durch Rabbinerversammlung, Zeitschriften und eine anwachsende Literatur. Mit der sog. Märzrevolution von 1848 war Dem mit einem Mal ein Ende bereitet. Das politische und soziale Interesse überwand so sehr alle übrigen, drängte sie, dermaßen in den Hintergrund, daß sie alle Bedeutung verloren zu haben schienend Das.religiöse Moment trat vollständig in den Schatten. Sämmtliche jüdische Zeitschriften mit alleiniger Ausnahme der Allg. Zeitg. des Judenthums hörten auf zu erscheinen. Es gab nicht wenige Personen, welche die Auflösung sämmtlicher bestehenden Kirchen- und Religionsgemeinden gekommen glaubten und den jüngeren Rabbinen den Rath ertheilten, sich rechtzeitig nach einem anderen Berufe umzusehen. Die ' Strömung war nicht antireligiös, aber, was viel schlimmer ist/ unreligiös.' Die Menschen glaubten sich auf eine Höhe des politischen und sozialen Menschenthums versetzt, wo man der Religion nicht mehr bedürfe, wo die positiven Religionen, die bis jetzt nur hindernd für die Menschenverbrüderung gewirkt, diese'Wirkung nunmehr verloren hätten. Es gehörte dies 'zu den Ueberschwänglichkeiten jener Zeit. Mit der Enttäuschung, die nach kurzer Zeit eintrat, stellte sich eine solche, Ermattung und Verzagtheit ein, daß auch auf dem religiösen Gebiete sich Nur langsam der Geist wieder, kräftigen konnte, und es bedurfte großer Anstrengungen, um das religiöse Interesse wieder zu wecken, das sich erst in den 60er Jahren zu thatkräftiger Wirksamkeit wieder, erhob, dann aber sich energisch im Aufbau'neuer Synagogen, in der Herstellung , eines geläuterten Gottesdienstes, in rascher Entwickelung des Religionsunterrichts, in der Organisation der Gemeinden, in der Errichtung gemeinnütziger Vereine und Anstalten bethätigte. Wie rasch sich alsdann der religiöse Geist wieder stärkte, konnte man z. B. an dem „Institute zur Förderung der israe' Mischen Literatur" erkennen, welches bei seinem Entstehen schon über 3000 Abonnenten zählte. Was folgt aber aus dem Vorhandensein solcher? in der Zeit wechselnden Strömungen? Daß zur Beurtheilung auch dieser Erscheinungen wir uns auf. einen höheren allgemeinen Standpunkt stellen müssen; daß man den Gang der Entwickelung nicht nach einzelnen Zeitmomenten, sondern in seinem ganzen Verlaufe verstehen muß. — In solchem Lichte erscheint mir die Parteibildung, die sich auch innerhalb des Judenthums, besonders des deutschen, vollzog. An eine solche war in meiner Jugend noch nicht zu, denken. Zuerst begann im Leben, alsdann im'Gottesdienste eine schwache Bewegung. Die strenge Observanz des Sabbathgesetzes nnd. der Speisegesetze fing an,' sich zu lockern. Die Zahl der Individuen, die sich ihr entzogenmehrte sich. Sie wurden von der öffentlichen Meinung verurlheilt. Jemehr, aber die Zudem aus. ihrer bisherigen 'Abgeschlossenheit in das wirkliche -eben. eintraten, .ihre bisherige gewerbliche' Weise verließen, und sich die allgemeinen Wege und Kreise eröffnten, destomehr kamen sie mit den rabbinischen Satzungen in Conflikt und das Leben drängte sie davon üb. Ganz unabhängig davon erwachte das Bedürfniß nach einem verbesserten Gottesdienste, wie er sich zuerst im Jakobsohn'schen und entschiedener im Hamburger Tempel und seiner Filiale in Leipzig während der Meßzeit gestaltete. Aber auch diese Versuche standen im Allgemeinen in großem Mißkredit. Auch die geringste Veränderung der hergebrachten Liturgie wurde von der großen Mehrheit verworfen. In der ganzen ersten Periode bis zu den vierziger'Jahren wurde jede Reformbestrebung * als sündhaft betrachtet und durfte sich nur schüchtern hervorwagen. An Parteien war da noch lange nicht zu denken. Aber instinktiv erwachte in der Menge das Bedürfniß nach religiöser Belehrung. Was die für unantastbar gehaltene Liturgie an religiöser Erhebung nicht mehr bot, suchte man durch das dem Gottesdienste einzufügende Lehrwprt , zu erhalten. Dies war die Predigt in der Muttersprache, welche mit einem Schlage die alte Derascha verdrängte und ein integrirender regelmäßiger Theil des Gottesdienstes wurde. Wie einst die Vorlesung und Erklärung der Thora, bald auch der Propheten den veralteten/ seiner symbolischen Weihe längst verlustigen Opferkultus in der Volksseele verdrängte, so geschah es auch hier, daß die Predigt und der Chorgesang an immer mehreren Orten den hergebrachten, größtentheils zu geistesleerem Wortegewordenen Gebet-Cultus immer mehr Abbruch thaten und das Bedürfniß einer zeitgemäßen Umgestaltung stärkten. Der Geist auch in der Masse erhob sich durch die höheren und reineren Anschauungen, die durch Predigt, . Unterricht und Literatur ihm eingeprägt wurden, über die Bannlinie des Herkommens. Da geschah es denn, daß die Reformbestrebungen die Nothwendigkeit fühlten, sich einen Conzentrationspunkt und einen solenneren Ausdruck zu suchen. Dies' war der Zweck der Rabbinerversammlungen in den Jahren 1844, .1845 und 1846, die ihren Fortgang, durch das Jahr 1848 verloren. Diese und ihre Beschlüsse riefen naturgemäß bei den Orthodoxen einen starken Widerspruch hervor, der sich in-den Streitschriften zahlreicher Rabbinen kundgab. Hiermit - war aber auch eine Parteibildung gegeben. Die Anschauungen der Reformer waren klar und bestimmt ausgesprochen, und es sammelte sich um sie eine Schaar, Anhänger. Nicht minder fanden die Anhänger der Stabilität ihren Ausdruck, und auch sie vereinigten sich zu einer Partei. Da sich nun auch in der" Reformpartei, wie natürlich, eine extreme Richtung kund gab, namentlich durch die Reformgemeinde zu Berlin, so sonderte sich auch alsbald eine Mittelpartei aus — man erinnere sich des Austritts Frankels aus der Rabbiner-Versammlung zu Frankfurt am Main — und diese. wiederum in verschiedene Nuancirungen. Die hngunst Zeitverhältnisse ließ diesen