Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1882)
- Date
- 1882-01-17
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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' u Geister ungeahnt lag, - was bereits im Leben selbst zum Bedürfniß geworden. Als die eigentlichen Ursachen der neuen Bewegung und Erscheinung sind vielmehr anzuerkennen:' die durch die Fügungen der göttlichen Weltordnung herbeigeführten und zusammentreffenden Ereignisse und Umstände einerseits und die naturgesetzliche Fortbildung und Entwickelung ' des menschlichen Geistes andererseits. Wer in. diesem Lichte bie. großen und kleinen Vorgänge der Geschichte, die Erschütterungen und Umwälzungen, wie die überraschenden Gestaltungen im Leben der Völker und der Religionen betrachtet, dem wird es an Erklärung und Verständnis nicht fehlen. Ist nun, fragen wir uns aufrichtig, dieser Bruch der Einheit, diese, meist mehroft vielfache Spaltung, kurz diese Bildung, von Parteien ein Unglück, ein bedauernswerther Nachtheil? oder in ihrer Notwendigkeit zugleich ein fruchttragender Segen, ein in seinen Ergebnissen hoch anzuschlagender Vortheil? Man hört so oft bittere Klagen über die Zerwürfnisse in einem früher so einheitlichen und friedlichen Ganzen, über den Kampf der Parteien, der allerdings allzuoft zu gewaltthätigen Ausschreitungen verleitet, daß man sich diese Frage doch einmal beantworten, muß. Wenn der Bruch jener Einheitlichkeit nur einen' Zersetzungsprozeß bedeutet, eine Zerbröckelung, wie wenn von einem , Jahrtausend festen Felsgestein sich riesige Stücke und unermeßliches Geröll ablösen durch die Verwitterung und diewechselnde Einwirkung des Frostes und der Sonnengluth und mit ihren Trümmern die fruchtbaren Thäler bedecken — dann freilich ist jener Bruch ein Werk der Zerstörung, das vom Standpunkte der früheren mächtigen Erscheinung selbst zu beklagen ist. Ganz anders aber, wenn die Bewegung im Dienste eines neuen Lebensgedankens, eines energischen Lebensprozesses geschieht, wenn sie die nothwendige Umgestaltung zu'Gunsten der Fortexistenz, der Wiedergeburt zu vollbringen strebt, wenn sie ein Prinzip an ihrer Stirn trägt, das. sich aus dem Wesen der Gemeinschaft unterden vorhandenen geschichtlichen Bedingungen geschaffen und entwickelt hat. Da ist, der von mirgewonnenen Ueberzeugung gemäß, die Bildung und der Bestand von Parteien eine Forderung, von welcher das Gelingen, der gedeihliche Fortgang, die. inhaltsreiche Entwickelung durchaus abhängt. Zunächst entspringt ja eine neue Richtung nicht wie. eine Minerva aus dem Kopfe des Jupiters,, vollkommen ausgebildet und gerüstet, sondern sprießt aus dem geschichtlichen Boden wie ein Schößling hervor, der einer reichen Entfaltung bedarf/ um zum früchtereichen Stamm aufzusteigen, der nur durch den Kampf mit Frost und Hitze, mit Sturm und Regen zu einem festen, Jahrhunderte überdauernden Baume wird. Würde die neue Richtung in schnellem, ungehindertem Laufe zu ihrem- Ziele kommen, so müßte sie „ in's bloße Kraut schießen", einseitig, kraftlos, unentwickelt bleiben. Denn erst - wo Abwehr und Angriff nothwendig sind, wo Vertiefung und Ausgestaltung, gefordert werden, um sich existenzberechtrgt zu erweisen und die . Geister an sich zu ziehen,, ist Erfolg, Wirksamkeit und Dauer gewiß: Würdein einem sich entwickeln- > dem Staatswesendie reaktionäre oder die radikale Partei dauernd die Obherrschaft führen, so würden zahllose Verhältnisse gewaltsam umgeändert,. vielfache Interessen verletzt und, geschädigt werden, und das eine Extrem würde das andere Hervorrufen, daß die Gesammtheit in die größte Gefahr geriethe. Die radikale Partei ist nothwendig, um die erdrückende Stabilät der Reaktion zu verhindern; die konservative Partei ist nothwendig, um die allzu schnelle Flucht in die Einseitigkeit der Theorie,, in den Despotismus eines noch unentwickelten Prinzips, in die Unsicherheit und Gestaltlosigkeit , des die Wirklichkeit verkennenden Gedankens zu verhindern; und so ergiebt sich auch die Nothwendigkeit der Mittelparteien, um den Kampf der Extreme nicht zu einem Zerstörungskriege werden zu lassen und um den Fortschritt in seinen einzelnen Etappen zu sichern und in der Wirklichkeit zu gestalten. Dies' ist der Gesichtspunkt, den uns die Gesammtheit, dw Natur und das Wohl derselben darbietet. Ich weiß sehr wohl, daß es keine Parteien gäbe, wenn nicht die Führer derselben gänzlich und aufrichtig von der Richtigkeit ihres Prinzips durchdrungen wären und alle ihre Kräfte für den Sieg desselben einsetzten. Sobald wir aber das Leben und Gedeihen der Gesammtheit in's Auge fassen, und uns auf die Höh,e des Gesammtlebens und seiner geschichtlichen Entwickelung erheben, so wird der von mir gezeichnete Standpunkt der richtige sein; von . ihm aus werden wir die gegenseitige Achtung und Toleranz predigen können, den inneren Bürger- und Vernichtungskrieg verhindern und das Urtheil frei erhalten, inwieweit in jeder Partei ein großes und berechtigtes Stück Leben vorhanden ist. — Hierzu kommt noch eine zweite Erfahrung. Man spricht oft von „einer Strömung der Zeit", von einem „wechselnden Hauche", der durch die'Masse des Volkes und d.ie öffentliche Meinung geht. Es wird hiermit so oft Mißbrauch getrieben, daß man es als eine bloße Re- ' densart zu betrachten sich' gewöhnt. Aber ich habe doch die Richtigkeit der darin ausgesprochenen Ansicht' gefunden. Und nur ein Beispiel anznführen, so ist es bekannt, daß in den . vierziger Jahren neben der politischen und socialen Frage auch die religiöse - in sehr lebhafter Weise auf der Tagesordnung stand. . In der katholischen Kirche bekämpfte der sich immer mehr ausbreitende Jesuitismus die letzten Reste, eines aufgeklärten und humanen' Klerus; ' in der protestantischen wehrte sich der Rationalismus gegen die Uebergewalt, welche die Orthodoxie durch die Hülfe von oben her erlangt hattch die Deutsch-Katholiken, die Lichtfreunde und freirelgiiösen Gemeinden nahmen die volle Aufmerksamkeit der gebildeten Kreise in Anspruch; innerhalb des Judenthums traten die Reformbestrebungen nunmehr selbständig und mit entschiedener E